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12.5.2006 | Von:
Winfried Speitkamp

Jugend als Symbol

Der Begriff Jugend steht als Sinnbild des Neuen, Vitalen, auf Veränderung Drängenden. Erst in der gesellschaftlichen Praxis zeigt sich jedoch, welcher symbolische Gehalt Jugend zugeschrieben wird.

Einleitung

In der britischen Kolonie Kenia bildete sich im Jahr 1947 eine Gruppe junger Männer, die sich nach dem Jahr ihrer Initiation Aanake wa 40 nannte. Die Mitglieder wandten sich gegen die Kolonialregierung und forderten die Eindämmung von Willkür und Ausbeutung sowie die Wiederherstellung heimischer Sitten und Lebensweisen. Dazu rechneten sie an erster Stelle die Beschneidung von Mädchen, die besonders von den Missionen bekämpft wurde.

Dieser Konflikt war schon Ende der 1920er Jahre eskaliert und hatte unter den Kikuyu, der größten Bevölkerungsgruppe Kenias, zur Gründung unabhängiger Schulen geführt, die sich dem Einfluss der Mission entzogen. Die jungen Männer, die sich nunmehr auf die Tradition beriefen, stellten sich bewusst gegen die Alten, darunter nicht zuletzt die chiefs, die im Auftrag der Kolonialregierung amtierten und von den Jüngeren als Kollaborateure angesehen wurden. Daher wollten die Jungen ein wesentliches Merkmal der hergebrachten Ordnung zwischen den Altersgruppen, den Vorrang der älteren Generation, nicht anerkennen. Sie setzten vielmehr auf die Jugend, wie ihr Leitspruch "Aanake ni kienyu kia Ngai" ("Junge Männer sind ein Splitter Gottes") ausdrückte. Mitglieder der Aanake wa 40 nahmen in den 1950er Jahren auch an dem so genannten Mau-Mau-Aufstand gegen die britische Herrschaft teil. Die Mau-Mau-Führer forderten die Jugend auf, eine neue Generation zu bilden, die sie mit dem Namen iregi (Rebellen) bezeichneten, ein Begriff, der auf eine mythische Gründergeneration der Kikuyu verwies. Wiederum beriefen sich die jungen Männer auf die Tradition, um ihren Anspruch auf die Gestaltung der Zukunft zu behaupten.[1]

Der Fall Kenia ist nur scheinbar exotisch. Vielmehr macht er deutlich, in welch hohem Maß der Begriff der Jugend symbolisch aufgeladen ist. Als Sinnbild des Neuen, Vitalen, auf Veränderung Drängenden steht er nicht nur für die Auseinandersetzung zwischen Alten und Jungen,[2] sondern auch für die Deutung des Verhältnisses von Vergangenheit und Zukunft. Im Verständnis von Jugend spiegelt sich insofern sowohl der Zukunftsentwurf einer Gesellschaft als auch ihr Bild von der Vergangenheit wider. Jugend ist in dieser Sicht keine biologisch vorgegebene Lebensphase, die der Vorbereitung auf die Welt der Erwachsenen dient, sondern ein soziales und kulturelles Konstrukt, ein Produkt beständiger Aushandlung zwischen gesellschaftlichen Gruppen. Erst in der gesellschaftlichen Praxis zeigt sich, was unter Jugend verstanden, welcher symbolische Gehalt ihr zugeschrieben wird. Dies ist keine bloß mitteleuropäische Erscheinung, wie die starke Konzentration der historischen Jugendforschung auf die deutsche Jugendbewegung nahe legt, sondern ein transnationales Phänomen.

Fußnoten

1.
Vgl. Henry Kahinga Wachanga, The Swords of Kirinyaga. The Fight for Land and Freedom, hrsg. von Robert Whittier, Kampala 1975, S. XXIII f.; zu Kenia nach 1945 und zum Mau-Mau-Aufstand: E. S. Atieno-Odhiambo, The Formative Years 1945 - 55, in: Bethwell A. Ogot/William R. Ochieng' (Hrsg.), Decolonization and Independence in Kenya 1940 - 93, London 1995, S. 25 - 47; Bruce Berman/John Lonsdale, Unhappy Valley. Conflict in Kenya and Africa, London 1992; Wunyabari O. Maloba, Mau Mau and Kenya. An Analysis of a Peasant Revolt, Bloomington 1998.
2.
Vgl. Heinz Bude, "Generation" im Kontext. Von den Kriegs- zu den Wohlfahrtsstaatsgenerationen, in: Ulrike Jureit/Michael Wildt (Hrsg.), Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs, Hamburg 2005, S. 28 - 44, hier S. 34.