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12.5.2006 | Von:
Bernd Schüler

Farben als Wegweiser in der Politik

Über Farben erschließen wir uns die Welt des Politischen. Rot, Schwarz, Gelb, Grün sind elementare Orientierungsmuster der politischen Öffentlichkeit, da sie das parteipolitische Spektrum ordnen.

Einleitung

Farben vermitteln Politik. Wenn am Wahlabend auf den Fernsehschirmen die ersten farbigen Balken in die Höhe schießen, sind wir in Sekundenschnelle informiert - über die künftigen Machtverhältnisse im Parlament. Wenn ein Politiker im gelben Pullunder auftritt, versteht das Publikum das politische Bekenntnis - die persönliche Identifikation mit der FDP. Und wenn ein SPD-Generalsekretär im Wahlkampf behauptet, Schwarz und Gelb vermischten sich zu Grau, begreifen alle seine Botschaft: Die Konkurrenten können es angeblich nicht.






Über Farben erschließen wir uns die Welt des Politischen. Rot, Schwarz, Gelb, Grün sind elementare Orientierungsmuster der politischen Öffentlichkeit Deutschlands. Sie ordnen das parteipolitische Spektrum und markieren weltanschauliche Positionen. Unter den Bedingungen der Mediendemokratie wird durch Farben vieles visualisiert, was außerhalb unseres alltäglichen Erfahrungsbereiches liegt. Als Scheibe mit verschiedenfarbigen Kuchenstücken dargestellt, wird ein Wahlergebnis überschaubar. Eingerahmt in ein farbliches Ambiente mit einer typischen Leitfarbe, können abstrakte Gebilde wie Parteiorganisationen nicht nur rasch (wieder)erkannt, sondern auch voneinander unterschieden werden.

Die Situation demokratischer Konkurrenz treibt die Akteure dazu, immer wieder an ihrem Erscheinungsbild zu arbeiten: Nach außen versuchen sie mit einem eigenen farblichen Design Aufmerksamkeit und Zustimmung zu erzeugen. Dabei geht es darum, sich als Akteur optisch zu positionieren und so, inmitten einer Vielfalt anderer Angebote, unverwechselbar zu sein. Dies geschieht nicht nur über die Ausgestaltung öffentlichkeitsrelevanter Kulissen, sondern auch über Kleidung: Wer eine entsprechend farbige Krawatte trägt, wie sie von Parteien als Accessoires verkauft werden, signalisiert Zugehörigkeit. Nach innen fungieren Farben als Bindemittel: Farbige Schlüsselbänder zum Beispiel, die auf Parteitagen verteilt werden, machen untereinander den Status einer politischen Gemeinschaft sichtbar - ohne dass dafür programmatische Inhalte besprochen werden müssten. "Black is beautiful", ein Slogan der Jungen Union, oder "Rot ist die Liebe", ein Spruch von Jungsozialisten, bekräftigen zudem, dass es um Identitätsstiftung geht - um eine Form bejahender Selbstvergewisserung.

Farben reduzieren also die Komplexität politischer Praxis. Das zeigt sich auch bei der Sprache der Farben: Journalisten bedienen sich gerne formelhafter Farbbilder, um parteipolitische Ereignisse und Entwicklungen zu kommentieren: "Grün matt - gelb satt" titelte beispielsweise "Die Zeit", während in der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" einmal zu lesen war: "Die Gelben sehen Grün."

In der Sprache der Farben werden zugleich auch Wandlungen des Parteiensystems thematisiert und kritisiert: Die politische Farbenlehre sei nicht mehr stimmig, so der entsprechende Tenor, weil die angenommene Einheit von Ideologie und Partei auseinanderfalle. "Die Roten sind nur noch rötlich, die Ökopartei kaum noch grünlich", schrieb etwa "Die Welt".

So ergibt sich ein zwiespältiges Bild: Einerseits werden Farben nach wie vor als grundlegende Orientierungsmuster im politischen Raum genutzt. Andererseits lockern sich geläufige Zuordnungen von Farben als Symbole politischer Positionen einzelner Parteien. In den Worten eines Beobachters des Wahlkampfs 2005: "Die politische Farbenlehre (scheint) ausgespielt zu haben, genau wie die alte Aufteilung in Rechts und Links."[1] Es ist eine undurchsichtige Situation entstanden, welche die Parteien und ihre Marketingstrategen teilweise damit beantworten (und verstärken), dass sie sich öffentlich mit neuen, ergänzenden Leitfarben präsentieren. Je weniger man sich auf eine Farbe festlegt, so ließe sich ein Kalkül dahinter umschreiben, desto aussichtsreicher ist es, den wachsenden Kreis politisch nicht festgelegter Wählergruppen zu erreichen und für sich zu gewinnen.

Wie ein Blick in die Geschichte zeigt, war der Einsatz einzelner Farben schon immer vielfältig und ihre Bedeutung nie eindeutig fixiert. Konträre politische Haltungen wurden im Laufe der Zeit mit ein und derselben Farbe verknüpft. Ihr Gebrauch erklärt sich zumeist aus einer Mischung von praktischen, zufälligen Gegebenheiten, Tradition und Kalkül. Das zeigen zumindest die politischen Karrieren einzelner Farben, die in diesem Beitrag skizziert werden sollen. Zuvor jedoch sollen einige große Linien angedeutet werden, die den Wandel der Rolle der Farben in der politischen Geschichte beschreiben.

Fußnoten

1.
Erik Spiekermann, Gedeckte Stimmung, gedeckte Farben, in: Frankfurter Rundschau vom 1.9. 2005, S. 12.