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Das ehemalige Reichs-Kolonialdenkmal "Der Elefant", ein aus Backstein errichtetes zehn Meter hohes Mahnmal im Nelson-Mandela-Park in Bremen, wurde 1987 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet.

27.9.2019 | Von:
Caroline Authaler

Das völkerrechtliche Ende des deutschen Kolonialreichs. Globale Neuordnung und transnationale Debatten in den 1920er Jahren und ihre Nachwirkungen

Am 28. Juni 1919 unterzeichnete Deutschland den Versailler Friedensvertrag und erklärte dadurch wider Willen den Verzicht auf sein überseeisches Kolonialreich. Militärisch hatte Deutschland die Kolonien bereits während des Ersten Weltkrieges an die Alliierten verloren. Der Friedensvertrag schrieb die Abtretung der Kolonien völkerrechtsgültig fest und begründete dies ethisch mit "Deutschlands Versagen auf dem Gebiete der kolonialen Zivilisation".[1] Dieser Vorwurf gründete vor allem auf der Gewalt, die deutsche koloniale Akteure durch Kriege und Zwangsarbeit gegen Einwohner*innen der Kolonien verübt hatten. Als Beweis dienten insbesondere Stimmen von Bewohner*innen der Kolonien, die Großbritannien im "Blaubuch" von 1918 dokumentiert hatte. Ab 1919 gehörten somit deutsche Kolonialverwaltungen mit entsprechenden Polizei- und Militärstrukturen in Afrika und Asien der Vergangenheit an. Der deutsche Kolonialismus war damit aber nicht beendet. Staatliche Kolonialpolitik, koloniales Denken und koloniale Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den kolonial beanspruchten Gebieten dauerten an.

Das Ende der deutschen Kolonialverwaltungen rief auf den Pariser Friedenskonferenzen, in Deutschland sowie in den ehemaligen Kolonien gegensätzliche Reaktionen hervor. Durch deren Analyse lassen sich global geführte Debatten über Kolonialismus rekonstruieren, die gleichzeitig die Anfänge der heterogenen Erinnerungen an das deutsche Kolonialreich widerspiegeln. In der europäischen Debatte wurden Stimmen aus den Kolonien instrumentalisiert, um die eigenen Narrative zu untermauern. Eliten in den ehemaligen Kolonien wiederum verwendeten Erinnerungen an die deutsche Kolonialzeit, um die neuen Mandatsverwaltungen zu kritisieren. So produzierten viele Akteure – als Strategie in ihrem jeweiligen Kontext – Erinnerungen an die Zeit des deutschen Kolonialreichs, die teilweise bis heute prägend sind.

In der deutschen Geschichtsschreibung wurden Reaktionen auf das Ende des Kolonialreichs meist als nationale Debatten und Fantasien untersucht.[2] Die Reaktionen und Debatten transnational zu fassen, ist jedoch unerlässlich, weil wichtige Akteure, die die Prozesse geprägt haben, sonst übersehen werden. Die Akteure nahmen zudem transnational Bezug aufeinander und diskutierten vor dem Hintergrund des neuen internationalen Systems, das auf den Pariser Friedenskonferenzen durch die Gründung des Völkerbunds institutionalisiert wurde. Wenngleich sie keine offiziellen Vertreter*innen zu den Friedenskonferenzen entsenden durften, diskutierten auch die Gesellschaften der ehemaligen Kolonien über die Folgen des Endes der deutschen Kolonialverwaltungen und versuchten, Einfluss auf die Verhandlungen zu nehmen. Für die deutsche und europäische Geschichtswissenschaft ist es essenziell, Kolonialgeschichte multiperspektivisch und in ihren Verflechtungen und Wechselwirkungen zu untersuchen, wenn sie versucht, ihren Eurozentrismus zu überwinden.[3] Auf der politischen Ebene wiederum ist dies die Voraussetzung für eine gemeinsame Aufarbeitung der Kolonialgeschichte, zusammen mit den Gesellschaften der ehemaligen Kolonien.

Im Folgenden werde ich die Reaktionen auf das Ende des deutschen Kolonialreichs aus den Perspektiven verschiedener Akteure beleuchten, die sich in Deutschland, in den Gebieten der ehemaligen deutschen Kolonien sowie auf der internationalen Ebene damit auseinandersetzten.

Fußnoten

1.
Zit. nach Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, Paderborn 20126, S. 258.
2.
Vgl. z.B. Klaus Hildebrand, Vom Reich zum Weltreich. Hitler, NSDAP und die koloniale Frage, München 1967; Gründer (Anm. 1), S. 253–277; Florian Krobb/Elaine Martin, Weimar Colonialism. Discourses and Legacies of Post-Imperialism in Germany after 1918, Bielefeld 2014.
3.
Vgl. Sebastian Conrad, Globalgeschichte. Eine Einführung, München 2013, S. 26f. Siehe auch den Beitrag von Ulrike Schaper in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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Autor: Caroline Authaler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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