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Das ehemalige Reichs-Kolonialdenkmal "Der Elefant", ein aus Backstein errichtetes zehn Meter hohes Mahnmal im Nelson-Mandela-Park in Bremen, wurde 1987 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet.

27.9.2019 | Von:
Rebekka Habermas

Restitutionsdebatten, koloniale Aphasie und die Frage, was Europa ausmacht

2014 besuchte Octavius Seowtewa, ein Vertreter der Zuni, die im Süden der USA leben, die ethnologischen Museen in Paris, Berlin, London und Leiden. Er war auf der Suche nach sogenannten Ahayudas – geschnitzte Figuren, die als sakrale Objekte verehrt werden, da ihnen nachgesagt wird, vielfältige Formen von Schutz gewähren zu können. Obschon er viele Ahayudas fand, musste er unverrichteter Dinge nach Hause fahren. Kein einziges Museum war bereit, die sakralen Objekte zurückzugeben. Die Enttäuschung Octavius Seowtewas war auch deshalb sehr groß, weil er aus den USA eine andere Politik gewohnt war. Bereits 1980 hatte das Denver Museum of Art Ahayudas zurückgegeben, und seit 1990 regelt ein eigenes Gesetz, dass menschliche Überreste und bestimmte Kulturgüter der first nations, die sich in staatlichen Museen befinden, zurückgegeben werden müssen. Mittlerweile sind über eine Million solcher Objekte an die Gemeinschaften zurückgegeben worden, die diese in Museen ausstellen, im Rahmen sakraler Handlungen nutzen oder, wenn es sich um menschliche Überreste handelt, feierlich begraben. In Neuseeland hat die Regierung 2003 ein staatlich finanziertes Programm aufgelegt, das Forderungen nach Rückgabe menschlicher Überreste praktisch und finanziell unterstützt. Vergleichbares gibt es in Australien und Kanada.

Auch haben sich in den Museen dieser ehemaligen Siedlerkolonien mittlerweile neue Arbeitsformen etabliert. Man kooperiert nun ganz selbstverständlich mit den Nachkommen derjenigen, deren Objekte hier ausgestellt werden. Gemeinsam wird entschieden, wie und was präsentiert werden soll und was nicht. So gibt es in australischen Museen zahlreiche sakrale Objekte, die überhaupt nicht mehr ausgestellt werden, weil dies gemäß der lokalen Überlieferung deren Kraft vermindern beziehungsweise einen Tabubruch darstellen würde. Eine andere Folge ist, dass sich Museen nicht mehr ausschließlich als ein Ort verstehen, an dem die Dinge aufbewahrt werden, sondern verstärkt als eine Institution, die dafür Sorge trägt, dass die jeweiligen Gemeinschaften Kontakt zu ihrer eigenen Geschichte herstellen können, von der sie bisher manchmal kaum etwas kannten.

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