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Das ehemalige Reichs-Kolonialdenkmal "Der Elefant", ein aus Backstein errichtetes zehn Meter hohes Mahnmal im Nelson-Mandela-Park in Bremen, wurde 1987 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet.

27.9.2019 | Von:
Sebastian Conrad

Rückkehr des Verdrängten? Die Erinnerung an den Kolonialismus in Deutschland 1919–2019

Kolonialgeschichte hat gegenwärtig Konjunktur. Gut hundert Jahre nach dem Ende des deutschen Kolonialreichs hat die Geschichte der deutschen Kolonien stark an öffentlicher Aufmerksamkeit gewonnen. An den Universitäten vergeht kein Semester ohne Kurse zur deutschen Kolonialgeschichte, und auch im öffentlichen Erinnerungshaushalt sind koloniale Themen – von der Umbenennung von Straßennamen bis hin zur Diskussion um das Berliner Humboldt-Forum und die Rückgabe von Kunstobjekten – ständig präsent. Das war nicht immer so: Lange spielte die koloniale Vergangenheit so gut wie keine Rolle. Wie lässt sich das aktuelle Interesse erklären? Wie kommt es, dass mit größerer zeitlicher Distanz die Beschäftigung mit dem Thema sogar noch zunimmt?[1]

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die gegenwärtige Wiederentdeckung des Kolonialismus die Kehrseite einer lange währenden Amnesie darstellt: die Rückkehr des Verdrängten. Aber ein solches kollektiv-psychologisches Deutungsmuster ist wenig hilfreich. Produktiver ist es, nach den Bedingungen zu fragen, unter denen koloniale Themen bei einem breiteren Publikum Resonanz fanden. Immer dann, wenn der deutsche Kolonialismus zum politischen und öffentlichen Thema wurde, ging es nicht nur um die koloniale Vergangenheit selbst, vielmehr wurden jeweils gesellschaftliche Veränderungen sowie Deutschlands Rolle in der Welt mitverhandelt. Anders als das Bild der Amnesie es nahelegt, ging der Impuls zur Erinnerung nicht so sehr von der Vergangenheit selbst aus, sondern von der jeweiligen Gegenwart. Und noch etwas ist wichtig: Auch wenn bei den folgenden Überlegungen die deutsche Debatte im Vordergrund steht, sollte stets mitgedacht werden, dass die Dynamik jeweils von anderen Akteuren und Stimmen – in den ehemaligen Kolonien, in den europäischen Nachbarländern, in den USA – mitgeprägt wurde. Erinnerungspolitik findet nicht im abgeschlossenen nationalen Raum statt, sondern ist ein transnationales Phänomen.

Im Großen und Ganzen lassen sich drei Phasen des erinnerungspolitischen Interesses an der deutschen Kolonialgeschichte unterscheiden: der Kolonialrevisionismus der Zwischenkriegszeit, die Imperialismuskritik der 1960er Jahre sowie die breitere, noch anhaltende Diskussion seit dem Ende des Kalten Krieges.

Fußnoten

1.
Vgl. als ersten Überblick Sebastian Conrad, Deutsche Kolonialgeschichte, München 2019; Bradley Naranch/Geoff Eley (Hrsg.), German Colonialism in a Global Age, Durham 2014.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Sebastian Conrad für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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