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Fußball unterm Hakenkreuz


4.5.2006
Der Fußballsport war im "Dritten Reich" ein Spiegelbild der Gesellschaft. Die meisten Funktionäre und Spieler folgten mit großer Begeisterung den Parolen des nationalsozialistischen Regimes und trugen so zu seiner Stabilisierung bei.

Einleitung



Es gibt sicherlich nicht viele Bereiche, die sich derart gut zur Legendenbildung eignen, wie der Fußball. Die teilweise überbordende Begeisterung für diesen Sport, die hemmungslose Verehrung einzelner Spieler und das bisweilen anrührende Mitleiden der Fans sind der Nährboden für viele Mythen. Vielleicht trug dieses besondere Umfeld dazu bei, dass auch der Blick auf die Geschichte des deutschen Fußballs während des Nationalsozialismus lange durch verklärende Darstellungen getrübt wurde. Exemplarisch dafür war die 1954 veröffentlichte "Geschichte des Deutschen Fußballsports", deren Autor, Carl Koppehel, ab 1934 auf verschiedenen Positionen zu den wichtigsten Repräsentanten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gehörte. Darin schrieb er über den Fußball in der Zeit des Nationalsozialismus:




"Es galt, den Fußballsport durch die sich auftuenden Klippen hindurchzusteuern, dabei aber auch jene Kräfte auszuschalten, die im Sport nach einer Führerstelle strebten, um ihrem persönlichen Geltungsbedürfnis Genüge zu tun. An Versuchen, den Sport in das parteipolitische Fahrwasser zu ziehen und ihm Aufgaben zu stellen, die er niemals erfüllen konnte, fehlte es nicht. Die politischen Verhältnisse erschwerten die Innehaltung der bisher geltenden Linie, aber im allgemeinen gelang es doch, den alten Kurs zu steuern. Parteipolitisch waren die im Fußballsport führenden Männer nicht gebunden; sie brauchten also keine Umstellung vor[zu]nehmen. Immer wurde im Fußballsport auf der Grundlage des gemeinsamen Wirkens für das Volksganze eng zusammengearbeitet."[1]

Diese Darstellung, die in gewisser Hinsicht typisch für die Weigerung der jungen Bundesrepublik war, sich mit den Verbrechen des Nationalsozialismus intensiver auseinander zu setzen, war der alten Vorstellung verpflichtet, dass Sport und Politik strikt voneinander zu trennen seien.

Sport, Politik und Kommerz in der Weimarer Zeit



Das Diktum von der strengen Trennung zwischen Sport und Politik schrieb sich der DFB bereits bei seiner Gründung im Jahre 1900 auf die Fahne. Allerdings hielt er sich in den ersten beiden Jahrzehnten seines Bestehens nur selten daran. Vor allem im Ersten Weltkrieg teilte der Verband die verbreitete Kriegseuphorie und betätigte sich in seinen Publikationen als Propagandist deutscher Großmachtfantasien. "Dass wir diese Zeit erleben durften, darum wird uns die Nachwelt einst beneiden", schrieb beispielsweise Georg Blaschke, der ehrenamtliche Geschäftsführer des DFB, 1915 in einem vom Verband herausgegebenen "Kriegsjahrbuch"[2].

Anfang der zwanziger Jahre setzte bei der großen Mehrheit des DFB ein Umdenken ein. Zwar ging der nationale Gedanke bei der Dachorganisation des deutschen Fußballs nie verloren, doch bemühte sie sich nun, den schmalen Grat zwischen nationaler Grundhaltung und nationalistischer Aggressivität deutlich zu verbreitern. So schrieb Felix Linnemann, der 1925 zum DFB-Vorsitzenden aufstieg, zwei Jahre nach Kriegsende, dass "unmenschlicher nationaler Hass" im Fußball keinen Platz finden dürfe, weil er "den ausgleichenden und völkerversöhnenden Sport zum Tummelplatz politischer oder nationaler Leidenschaft werden lässt"[3].

Grund für diesen allmählichen Gesinnungswandel war vor allem die Einsicht, dass ein unkontrollierbarer Nationalismus den Interessen des Verbandes zuwiderlief. Länderspiele wurden in der Weimarer Zeit zu einer der wichtigsten Finanzquellen des DFB, sodass der Verband ungeachtet aller politischen Krisen und Konflikte in jenen Jahren zu einem Herold der Völkerverständigung wurde. Selbst bei Spielen zwischen deutschen und ausländischen Vereinsmannschaften auf heimischem Boden kassierte der DFB ein Prozent der Bruttoeinnahmen und auf fremdem Boden vier Prozent der vom Gastgeber gewährten "Reiseentschädigung"[4].

Das ausgeprägte kommerzielle Bewusstsein beim DFB, das sich in den zwanziger Jahren auch in dem Abschluss von Werbeverträgen mit Brauereien und Tabakherstellern offenbarte, entsprang der Notwendigkeit, eine stetig wachsende Organisation finanzieren zu müssen. Denn der Fußball entwickelte sich ungeachtet von Krieg, Besatzung und Inflation in Deutschland zur populärsten Sportart.

Die Mitgliederzahl des DFB, die 1920 bei rund 468.000 lag, wuchs im Durchschnitt um rund 40.000 jährlich. Für die Pioniere des deutschen Fußballs galt es daher, eine Infrastruktur für den Spielbetrieb aufzubauen. Die Beschaffung neuer Spielplätze, der Kauf von Sportgeräten, Fahrtkosten und die Bezahlung von Angestellten, die sich um die alltägliche Arbeit in einer rasch wachsenden Organisation kümmerten, verschlangen den Großteil der Einnahmen. Den Rest legte der DFB auf die hohe Kante, um für schlechtere Zeiten vorzusorgen, sodass er 1928 in seiner Vermögensaufstellung einen Betrag von fast 41.000 Reichsmark aufwies.[5]

Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise geriet der gesamte deutsche Fußball in Bedrängnis. Als die allgemeine Not Anfang der dreißiger Jahre ihrem Höhepunkt entgegenstrebte, wurde die finanzielle Grundlage der Vereine und seiner Dachorganisation gleich von drei Seiten unterspült, nämlich durch sinkende Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten, geringere Mitgliedsbeiträge und die Streichung öffentlicher Zuschüsse. Darüber hinaus begannen viele Spieler konsequenter als zuvor, Geld für ihre sportlichen Leistungen zu verlangen, und stellten damit das strenge Amateurstatut in Frage, das der DFB vor allem aus steuerrechtlichen Gründen heftig verteidigte.

Bei einer offiziellen Zulassung des Berufsfußballs, der in Ländern wie England, Österreich, Ungarn oder der Tschechoslowakei längst Normalität geworden war, wäre dem DFB und den ihm angeschlossenen Vereinen die Rechtsform der Gemeinnützigkeit aberkannt worden, mit der die Befreiung von fast allen Steuern verbunden war.[6] Mit Entsetzen schaute der DFB in den zwanziger Jahren nach Österreich, wo ihm die fiskalischen Folgen einer Einführung des Berufsfußballs drastisch vor Augen geführt wurden. Dort bewegten sich Vereine wie Rapid Wien stets am Rande des Bankrotts, weil sich Lustbarkeitssteuer, Körperschaftssteuer, Fürsorgeabgabe, Verbandssteuer und Warenumsatzsteuerrasch auf über 73 Prozent der Einnahmen summierten, wobei von dem kümmerlichen Rest auch noch Wohnbausteuer, Abgaben zur Kranken- und Unfallversicherung sowie Gehälter für Spieler und Verwaltungspersonal bestritten werden mussten.[7]

Der DFB vor der Spaltung



Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, stand der DFB wegen der Berufsspielerfrage vor der Spaltung. Auf der einen Seite standen große Vereine wie Eintracht Frankfurt, Bayern München, die Spielvereinigung Fürth, der VfB Stuttgart, der Karlsruher FV und der VfR Mannheim, die mit ihrem Austritt aus dem DFB drohten, falls sich der Dachverband weiterhin weigern sollte, den Berufsfußball zu erlauben,[8] auf der anderen Seite befanden sich der DFB und die kleinen Vereine, die auf den Erhalt der Steuerprivilegien zur Finanzierung des breiten, aber unwirtschaftlichen Amateurbereiches angewiesen zu sein glaubten. Ihnen war die besondere Problematik der großen Clubs insofern fremd, als sie sich nicht mit den finanziellen Ansprüchen der Spitzenkicker auseinander zu setzen hatten, für deren heimliche Bezahlung aus schwarzen Kassen die verantwortlichen Vorstände teilweise strafrechtliche Konsequenzen in Kauf nehmen mussten.[9]

Hans von Tschammer und Osten, der nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" das Amt des Reichssportführers übernahm, entschied den Streit nach einigem Zögern zu Gunsten des DFB. Entscheidend waren für ihn keine ideologischen Vorbehalte gegen den Berufssport - im Frühjahr 1933 spielte das NS-Regime mit dem Gedanken, eine Profifußballliga zuzulassen -, sondern ihm ging es um die Tatsache, dass bei den Olympischen Spielen keine Berufssportler zugelassen sein würden. Linnemann, der im Juni 1933 zum "kommissarischen Führer der Reichsfachschaft für Fußball" ernannt wurde,[10] warnte die neuen Machthaber eindringlich vor der Umsetzung eines solchen Plans, die aufgrund der damit verbundenen Abwanderung der stärksten Kicker in den Profibereich den "Verlust einer sicheren Goldmedaille" bei den bevorstehenden Olympischen Spielen in Berlin zur Folge habe.[11] Und da das NS-Regime die Spiele in Berlin zu einer trügerischen Demonstration deutscher Friedfertigkeit, deutscher Leistungsfähigkeit und deutschen Siegeswillens auszugestalten beabsichtigte, erübrigte sich jegliche weitere Diskussion über die Einführung des Berufsfußballs.

Der DFB als Nutznießer der "Machtergreifung"



Aus der "Machtergreifung" resultierten für den DFB weitere Vorteile, die dazu beitrugen, dass der DFB seine Krise überwinden konnte. Die formale "Gleichschaltung" des DFB, die sich in der Überführung der Organisation in den 1934 proklamierten Deutschen Reichsbund für Leibesübungen (DRL) äußerte, ging mit der Einführung des "Führerprinzips" einher. Am 9. Juli 1933 verkündete Linnemann auf dem DFB-Bundestag unmissverständlich seinen alleinigen Führungsanspruch und die Notwendigkeit, sich von den gewohnten Formen der Geschäftsleitung zu lösen: "Wir waren früher ein Verband, der sich auf dem alten Recht gegründet hat und sich liberalistisch aufbaute. Heute haben wir die selbstverständliche Pflicht, von diesem Wege abzugehen und die vom Staat ganz neu gestellte Ordnung, das Prinzip der Führerschaft, zu übernehmen."[12] Mit der Zerstörung des "liberalistischen" Aufbaus der Organisation war die Beseitigung der föderalen Strukturen im deutschen Fußball verbunden. Die sieben Landesverbände, die unter dem Dach des DFB vor 1933 stets großen Wert auf ein hohes Maß an Eigenständigkeit gelegt hatten, wurden 1933/34 nach und nach aufgelöst. An ihre Stelle traten 16 Gaue, deren Grenzverlauf hauptsächlich nach landsmannschaftlichen Kriterien festgelegt wurde. An ihrer Spitze standen die Gaufachwarte, die zwar formal vom Reichssportführer bestätigt, aber vom Reichsfachamtsleiter allein ernannt wurden und daher in der Regel aus den eigenen Reihen stammten.

Insofern befand sich der DFB nach 1933 trotz des Bestrebens der Nationalsozialisten, in alle Bereiche des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens einzudringen, in der Zeit bis zu den Olympischen Spielen von 1936 in einer komfortablen Situation. An dem üblichen Arbeitsablauf beim Verband änderte sich wenig, da der Reichssportführer von Tschammer und Osten den Sportfunktionären in den fachlichen Angelegenheiten zunächst weitgehend freie Hand ließ. Der Fußball stand zwar wie alle anderen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens unter der Kontrolle des NS-Regimes, erhielt jedoch einen derart großen Freiraum bei der Gestaltung seiner Angelegenheiten, dass sich der Eindruck von weitgehender Freiheit aufdrängt, in Wirklichkeit aber lediglich von einer überwachten Selbstständigkeit die Rede sein konnte.

Begeisterung für Hitler



Nach 1933 erlebte der deutsche Fußball einen enormen Aufschwung, der durch eine sportfreundliche Gesetzgebung, den Bau neuer und großer Arenen und die großzügige finanzielle Förderung der Vereine verstärkt wurde. Während die deutschen Länderspielbilanzen der Jahre 1931 (ein Sieg bei drei Unentschieden und drei Niederlagen) und 1932 (drei Siege und drei Niederlagen) allenfalls von Mittelmaß zeugten, startete die Nationalelf nach der "Machtergreifung" eine imponierende Erfolgsserie, die mit dem dritten Platz bei der Weltmeisterschaft 1934 einen ersten Höhepunkt erreichte. Aus dem Gefühl, dass es nach den Jahren ständiger Krisen und Angst nicht nur im Fußball, sondern auch im ganzen Land rasant "aufwärts" zu gehen schien, erwuchs bei nahezu allen Fußballspielern und Funktionären eine große Begeisterung für Adolf Hitler und das nationalsozialistische Regime.

Diese Euphorie war insofern bemerkenswert, als die führenden Funktionäre des DFB bis Anfang 1933 einem politischen Spektrum zuzuordnen waren, das teilweise in scharfem Gegensatz zur NSDAP stand. Linnemann bezeichnete sich als einen "gottgläubig[en]" Menschen, der bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 das Zentrum gewählt habe.[13] Geschäftsführer Georg Xandry engagierte sich in den Weimarer Jahren für die DDP beziehungsweise für die Deutsche Staatspartei;[14] und Reichstrainer Otto Nerz bekannte sich noch 1938 zu seiner sozialdemokratischen Vergangenheit.[15] Von einer einseitig nationalkonservativen oder nationalsozialistischen Ausrichtung des DFB, wie dies in einigen Publikationen zur Fußballgeschichte immer wieder gerne kolportiert wurde,[16] kann also weder in programmatischer noch in personeller Hinsicht die Rede sein. Der DFB und seine Vereine waren sowohl an der Basis als auch in der Führungsspitze politisch und ideologisch äußerst heterogene Gebilde, die nur von der Begeisterung für den Fußball und dem Willen zusammengehalten wurden, für ihren Sport die optimalen Voraussetzungen zu schaffen.

Die Ausgrenzung der jüdischen Sportler



Machtpolitischer Pragmatismus bestimmte selbst die Haltung des DFB gegenüber den Juden in Deutschland. In zahlreichen Vereinen, die sich für die Einführung des Profifußballs aussprachen, hatten Juden als Vorsitzende oder Sponsoren ein starkes Gewicht. Um das Amateurstatut und damit auch die Stellung des DFB als alleinige Dachorganisation des deutschen Fußballs zu retten, nutzte der DFB im Frühjahr 1933 die Gelegenheit, zumindest einen Teil der als bedrohlich empfundenen Berufsspielerbewegung auszuschalten. Er drängte darauf, Juden in führenden Stellungen von Vereinen und Verbänden ihrer Ämter zu entheben. Die Tatsache, dass er nicht wie andere Sportverbände jüdische Sportler vollständig aus den Vereinen ausschließen wollte, kennzeichnete die machtpolitisch-ökonomisch motivierte Handlungsweise des DFB, die sich von der rassisch-ideologisch begründeten, mit dem Vernichtungswillen einhergehenden Überzeugung der Nationalsozialisten unterschied, dass die Juden ein "minderwertiges Volk" seien. Das grausam-gedankenlose Kalkül in der Haltung gegenüber dem Schicksal der Juden in Deutschland verweist auf die Mitverantwortung des DFB an den weiteren verheerenden Entwicklungen in Deutschland.

Denn im Fußball setzte wie in der gesamten Gesellschaft ab 1933 ein kontinuierlicher Prozess der Marginalisierung der Juden ein. Jüdische Vereine, in denen die aus den "deutschen" Vereinen ausgegrenzten Sportler Zuflucht suchten, waren im Alltag Schikanen und Drangsalierungen jedweder Art ausgesetzt. Sie reichten von Beleidigungen über Bespitzelung und Sachbeschädigung bis hin zur körperlichen Gewalt. Der DFB und die meisten seiner Vereine schauten über die zunehmend unerbittlichere Behandlung ihrer ehemaligen jüdischen Sportkameraden hinweg und machten sich dadurch mitverantwortlich an der Ermordung der Juden.

Zu den wenigen bekannt gewordenen Ausnahmen im Sport, die sich dem antisemitischen Ungeist widersetzten und somit zeigten, dass neben dem lebensgefährlichen Widerstand auch Formen der weniger gefährlichen Resistenz möglich waren, gehörte der FC Bayern München. Obwohl sein Präsident Kurt Landauer am 22. März 1933 ebenso wie zahlreiche andere jüdische Funktionäre des Vereins zurücktreten musste, blieb er eine bestimmende Figur. Herbert Moll, der in den dreißiger Jahren in der Läuferreihe der Bayern spielte, erinnerte sich später, dass Landauer auch nach seinem Rücktritt im "Hintergrund gewirkt" habe.[17]

Dass er selbst nach 1933 Einfluss auf den FC Bayern München ausüben konnte, lag an der Mitgliederstruktur des Vereins, in dem die überzeugten NSDAP-Anhänger, überwiegend aus der Ski-Abteilung kommend, eine Minderheit bildeten und es nicht schafften, den Club dauerhaft unter ihre Kontrolle zu bringen.[18] Die Verbindung der Bayern zu Landauer blieb eng, auch nachdem der langjährige Präsident enteignet und im Gefolge der Reichspogromnacht für vier Wochen in das Konzentrationslager Dachau eingesperrt worden war. Im Mai 1939 wanderte er nach Genf aus, wo er ein Jahr später von der kompletten Bayern-Elf anlässlich eines Freundschaftsspiels gegen den FC Servette Besuch erhielt. Der "Judenclub" wurde dafür nach der Rückkehr seiner Mannschaft "von den Nazis schwer gescholten"[19].

Die Auflösung des DFB



Die Willfährigkeit und enge Kooperation mit dem NS-Regime verhinderten nicht, dass der DFB nach 1936 schrittweise aufgelöst wurde. Gerade aus dem fehlenden ideologischen Fundament des Verbandes erwuchs ein starkes Misstrauen der Nationalsozialisten gegenüber der Dachorganisation des deutschen Fußballs. So hielt von Tschammer und Osten den Verband für eine "typisch liberale Zweckgründung", die "eine stark international betonte Tendenz des Sports" vertreten habe.[20] Ähnlich urteilte auch Bruno Malitz, der im "Dritten Reich" bis zum NSDAP-Kreisleiter von Görlitz avancierte und als einer der wichtigsten nationalsozialistischen Sportideologen galt. Er führte in seiner programmatischen Schrift "Die Leibesübungen in der nationalsozialistischen Idee" den deutschen Fußball und insbesondere den DFB als Beispiel für eine aus seiner Sicht vollkommen fehlgeleitete Entwicklung des deutschen Sports an.

Malitz ärgerte sich besonders über die große Bedeutung des Geldes im Fußball, die den Drang zur Völkerverständigung verstärke: "Man sieht ja auch, wie der Deutsche Fußball-Bund sich um die Not seiner Vereine bekümmert. Nämlich gar nicht. Er legt Gelder auf 'die hohe Kante', seine Vereine gehen an großen Lasten zu Grunde. Er baut statt dessen große Verwaltungsgebäude. Er veranstaltet Länderspiele, deren Notwendigkeit nicht einzusehen ist, lässt sich als gemeinnützig Steuerfreiheit geben - aber die Arbeitslosenausweise gelten nicht. Es würde weiß Gott dem Deutschen Fußball-Bund aber auch gar nichts schaden, wenn er tüchtig Vergnügungssteuer zahlen würde; denn er ist Kapitalist."[21]

Angesichts dieser massiven Vorbehalte war es folgerichtig, dass das NS-Regime nach dem Erlöschen des Olympischen Feuers über den Berliner Wettkampfstätten dazu überging, den DFB aufzulösen. Schrittweise wurde der Verband ab 1936 liquidiert, sein Personal reduziert und durch ein Reichsfachamt für Fußball ersetzt, das unter der direkten Befehlsgewalt des Reichssportführers von Tschammer und Osten stand. Die Verstaatlichung des deutschen Fußballs kam auch darin zum Ausdruck, dass nach der formalen Auflösung des DFB im April 1940 sein Vermögen an den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) überschrieben werden musste.

Der politische Missbrauch des Fußballs



Die Liquidation des DFB und die Verstaatlichung des Fußballs waren Teil der allgemeinen Mobilisierung, mit der das NS-Regime Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland auf den als unvermeidlich erachteten "Krieg um Lebensraum" einzustimmen versuchte. Denn ab 1936 dienten Fußballländerspiele zunehmend den außenpolitischen Zielsetzungen und damit auch den Kriegsvorbereitungen des NS-Regimes: Über die Durchführung von Länderspielen sollten Kontakte zu anderen Staaten aufgenommen oder intensiviert, das freundschaftliche Verhältnis zu gleichgesinnten Regierungen demonstriert und die Stimmung anderer Völker zu Gunsten des "Dritten Reiches" beeinflusst werden.

Mit Kriegsbeginn erfuhr der Länderspielplan der deutschen Fußballnationalmannschaft eine noch größere politische Bedeutung. Die Reichssportführung, das Auswärtige Amt und das Reichspropagandaministerium betrachteten internationale Sportbegegnungen als ein Mittel, um Staaten und Regionen, die als politisch, militärisch oder geostrategisch wertvoll erachtet wurden, stärker in den deutschen Einflussbereich zu ziehen; der deutsche Fußball wurde wie der gesamte deutsche Sport als flankierende Maßnahme der kriegerischen Expansionspolitik betrachtet, die durch die Durchführung von stimmungsvollen Sportveranstaltungen einen harmlosen, beinahe friedvollen Schein erhalten sollte. Darüber hinaus legten die Reichssportführung und das Propagandaministerium in der ersten Kriegshälfte größten Wert auf die Fortsetzung des internationalen Sportverkehrs, um den Eindruck der Isolation des Deutschen Reiches zu vermeiden. Im Innern wurde der Fußball als ein Mittel der Zerstreuung eingesetzt, das die Bevölkerung vom Krieg ablenken, für Höhepunkte im Alltag sorgen und den Eindruck von Normalität vermitteln sollte.

Die führenden Repräsentanten des deutschen Fußballs offenbarten in den Kriegsjahren ein breites Spektrum an Verhaltensweisen und Einstellungen gegenüber dem NS-Regime. Die einen standen aus den unterschiedlichsten Gründen unbeirrt bis in den Untergang zum "Dritten Reich" und waren teilweise direkt oder indirekt an der Ermordung von Menschen beteiligt. Andere zogen sich aus dem öffentlichen Leben zurück und konzentrierten sich auf das Überleben im bedrückenden NS-Alltag. Einige versuchten, offensichtlichem Unrecht in ihrem kleinen Lebensbereich entgegenzuwirken. Oft lagen Begünstigung und Behinderung von Verbrechen, Billigung und Ablehnung von Gewalt, Beteiligtsein an und Betroffensein von kriminellen Machenschaften eng nebeneinander. Auch in dieser Hinsicht spiegelte der deutsche Fußball die gesamte Gesellschaft im "Dritten Reich" wider.

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Fußnoten

1.
Carl Koppehel, Geschichte des Deutschen Fußballsports, hrsg. in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fußball-Bund, Frankfurt/M. o.J. (1954), S. 189.
2.
Georg Blaschke, Vorwort, in: Kriegsjahrbuch des Deutschen Fußball-Bundes, o.O., o.J., S. 6.
3.
Felix Linnemann, Zwischen Krieg und Frieden, in: Deutscher Fußball-Bund (Hrsg.), Deutsches Fußball-Jahrbuch 1920, Kiel, S. 167f.
4.
Deutscher Fußball-Bund (Hrsg.), Jahresbericht 1923/24, Kiel, S. 10.
5.
Vgl. ders. (Hrsg.), Jahresbericht 1927/28, Berlin, S. 24.
6.
Vgl. ders. (Hrsg.), Jahresbericht 1924/25, Kiel, S. 41ff.
7.
Vgl. ebd., S. 18f.
8.
Vgl. Kicker (1930), Nr. 44 vom 28. 10. 1930, S. 1758f.; vgl. umfassend zur gesamten Thematik: Nils Havemann, Fußball unter Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz, Frankfurt/M. 2005.
9.
Bekannt wurde vor allem der Fall des Schalker Finanzobmanns Willi Nier, der sich 1930 nach der Aufdeckung von Bilanzmanipulationen im Verein aus Angst vor den strafrechtlichen Konsequenzen das Leben nahm. Vgl. dazu Stefan Goch/Norbert Silberbach, Zwischen Blau und Weiß liegt Grau. Der FC Schalke 04 im Nationalsozialismus, Essen 2005, S. 58ff.
10.
Vgl. Kicker (1933), Nr. 26 vom 27. 6. 1933, S. 1011.
11.
Stadtarchiv München, Amt für Leibesübungen 256, Denkschrift über die Notwendigkeit einer Bereinigung der Verhältnisse im deutschen Fußballsport durch Trennung von Amateur- und Berufssport, hrsg. von der Interessengemeinschaft deutscher Berufsfußballclubs im August 1947.
12.
Kicker (1933), Nr. 28 vom 11. 7. 1933, S. 1078.
13.
Vgl. Bundesarchiv in Berlin, D 5120/6035003028, von Linnemann ausgefüllter R. und S.-Fragebogen vom 1. 3. 1939; Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv, Nds. 171 Han. P 4921, Entnazifizierungsverfahren Felix Linnemann, von Linnemann ausgefüllter Fragebogen vom 12. 10. 1946.
14.
Vgl. Stadtarchiv Neu-Isenburg, Neu-Isenburger Anzeigeblatt vom 30. 5. 1919; Hessisches Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden, Abt 520/DZ, Nr. 515130, Entnazifizierungsverfahren Georg Xandry, Eidesstattliche Versicherung von Julius Calm vom 23. 10. 1946.
15.
Vgl. Bundesarchiv in Berlin, SA 0419151210, Personalfragebogen von Otto Nerz vom 5. 6. 1938.
16.
Vgl. z.B. Arthur Heinrich, Der Deutsche Fußballbund. Eine politische Geschichte, Köln 2000, oder Gerhard Fischer/Ulrich Lindner, Stürmer für Hitler. Vom Zusammenspiel zwischen Fußball und Nationalsozialismus, Göttingen 1999.
17.
Zit. in: G. Fischer/U. Lindner, ebd., S. 181.
18.
Vgl. Anton Löffelmeier, Grandioser Aufschwung und Krise. Der Münchner Fußball von 1919 bis 1945, in: Stadtarchiv München (Hrsg.), München und der Fußball. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1997, S. 70.
19.
Dietrich Schulze-Marmeling, Die Bayern. Vom Klub zum Konzern. Die Geschichte eines Rekordmeisters, Göttingen 1997, S. 68.
20.
Bundesarchiv Berlin, NS 8/177, von Tschammer und Osten: Situationsbericht über die Neugestaltung der Leibesübungen in den Jahren 1933-1935.
21.
Bruno Malitz, Die Leibesübungen in der nationalsozialistischen Idee, München 1933, S. 59.

 
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