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Die Suezkrise


20.4.2006
Im Schatten der Revolution in Ungarn machten Frankreich und Großbritannien am Suezkanal die Erfahrung, wie eng die Spielräume im Ost-West-Konflikt geworden waren.

Einleitung



Der Herbst 1956 war reich an einschneidenden politischen Ereignissen auf internationaler Ebene. Bundeskanzler Konrad Adenauer sprach in seiner Regierungserklärung vom 8. November zum einen von Entwicklungen, die Gegensätze überwinden halfen, um zu einem "gesunden Gleichgewicht" zu gelangen.

Zu ihnen zählte er insbesondere den Luxemburger Vertrag vom 27. Oktober 1956, in dem Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland die Rückgliederung des Saarlandes als Bundesland ab dem 1. Januar 1957 vereinbarten und damit einen "Zankapfel" aus dem Weg räumten, der die bilateralen Beziehungen immer wieder belastet hatte. Zum anderen sah er Spannungen und Konflikte, die in Teilen derWelt "in willkürlicher und unverantwortlicher Weise" die "Unordnung" gefördert hätten. Explizit nannte er die Volksaufstände in Polen und Ungarn, die er wie den 17. Juni 1953 in der DDR als "elementare Kundgebungen des Freiheitswillens der unterdrückten Völker gegen eine unerbittliche, unmenschliche und auf ausländische Machtmittel gestützte Diktatur" wertete.

Zurückhaltender war sein Urteil zu den Ereignissen während der Suezkrise, in die nicht nur die Verbündeten Frankreich und Großbritannien involviert waren, sondern zugleich auch Israel und Ägypten.[1] Das besondere Verhältnis der Bundesrepublik zum jüdischen Staat erschwerte eine offene Verurteilung, doch konnte es sich der Kanzler nicht leisten, einseitig Partei für die westlichen Partner zu ergreifen, gehörte Ägypten doch zu den führenden blockfreien Nationen, um die beide deutsche Staaten warben.

Die Suezkrise von 1956 hat Jost Dülffer als "Initiative zu einer für die westliche Staatenwelt nach dem Zweiten Weltkrieg einzigartigen Verschwörung zum Krieg" bezeichnet.[2] Die Unverhältnismäßigkeit der eingesetzten machtpolitischen Mittel spricht dafür, dass es sich bei der Militäraktion nicht alleine um den Versuch handelte, die Kontrolle über den Suezkanal zurückzugewinnen, nachdem der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser diesen nationalisiert hatte.[3] Um den multiplen Dimensionen der Krise auf die Spur zu kommen, soll in einem ersten Schritt erklärt werden, welchen Verlauf die Krise nahm und wie es schließlich zu einem französisch-britischen Fiasko auf diplomatischer Ebene kam, um dieses Ereignis im Anschluss im Rahmen der Dekolonisation, des Ost-West-Konflikts und der deutsch-französischen Beziehungen[4] zu verorten.



Fußnoten

1.
Erklärung der Bundesregierung zur weltpolitischen Entwicklung, abgegeben von Bundeskanzler Adenauer, 8.11. 1956, in: Dokumente zur Deutschlandpolitik, III. Reihe/Bd. 2 (1.1. bis 31.12. 1956), 2. Halbband, Bonn-Berlin 1963, S. 873ff.
2.
Vgl. Jost Dülffer, Atomkriegsgefahr 1956? - Die Suez- und Ungarn-Krise, in: ders., Im Zeichen der Gewalt. Frieden und Krieg im 19. und 20. Jahrhundert, Köln 2003, S. 219-237, hier: S. 223.
3.
Vgl. David Carlton, Britain and the Suez Crisis, London 1981; William R. Louis/Roger Owen (Hrsg.), Suez 1956. The Crisis and its Consequences, Oxford 1992; Maurice Vaïsse (Hrsg.), La France et l'opération de Suez de 1956, Paris 1997; Winfried Heinemann/Nobert Wiggershaus (Hrsg.), Das internationale Krisenjahr 1956, München 1999.
4.
Vgl. einleitend Corine Defrance/Ulrich Pfeil (Hrsg.), Der Elysée-Vertrag und die deutsch-französischen Beziehungen 1945 - 1963 - 2003, München 2005.