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6.4.2006 | Von:
Alexander Straßner

Funktionen von Verbänden in der modernen Gesellschaft

Jenseits von Korruptionsskandalen sind Verbände eine "Schule der Demokratie": Sie bündeln und wählen Interessen aus, bieten den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zur Partizipation und ermöglichen eine Selbststeuerung der Gesellschaft.

Einleitung

Was wie eine Banalität klingt, ist ein Kernsatz im Selbstverständnis eines pluralistischen Gemeinwesens: Verbände sind für die Funktionsfähigkeit politischer Systeme unverzichtbar.[1] Dessen ungeachtet haben sie mit erheblichen Vorurteilen zu kämpfen. In der öffentlichen Wahrnehmung dominieren Verbandsvertreter den politischen Prozess, höhlen die demokratisch legitimierten Institutionen aus und erkaufen politische Entscheidungen, die ihrem jeweiligen Verband zugute kommen.

Das Vorurteil, Verbände würden politische Institutionen, Prozesse und Akteure zu einem Spielball organisierter Interessen degradieren, lässt sich nur schwer aus der Welt schaffen.[2] Die von Theodor Eschenburg in den sechziger Jahren als Frage formulierte "Herrschaft der Verbände"[3] wurde ungerechtfertigt als Faktum begriffen. Zweideutig gehaltene Titel in wissenschaftlichen Publikationen weisen Verbände als "stille Macht"[4] aus und tragen ungewollt zum negativen Hautgout bei. Der positiv konnotierte Pluralismusbegriff ist so dem anrüchigen "Lobbyismus" gewichen.[5]

Neben den gesellschaftlichen Skeptizismus sind zusätzliche Probleme getreten: Die Bereitschaft zu ehrenamtlichem und bürgerschaftlichem[6] Engagement nimmt mehr und mehr ab, worunter besonders Verbände in sozialen Dienstleistungssektoren zu kämpfen haben.[7] Außerdem setzt sich das Phänomen des "Trittbrettfahrers" mehr und mehr durch, der ohne eigenes Engagement von den Ergebnissen eines durch Verbandsarbeit bereitgestellten Kollektivgutes profitiert.[8] Die Notlage einzelner Verbände und ganzer Verbandssektoren wird nur oberflächlich wahrgenommen. Mit der Schwäche einzelner Verbandssektoren ist aber ein gesamtgesellschaftliches Problem formuliert. Dass die rund 4 000 bundesweit tätigen und in der Lobbyliste des Deutschen Bundestages eingetragenen Verbände[9] neben ihrer eigentlichen Arbeit auch über einen erheblichen demokratiepraktischen Wert verfügen, ist bis dato nur am Rande thematisiert worden.[10]


Fußnoten

1.
Vgl. Martin Sebaldt/Alexander Straßner, Verbände in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung, Wiesbaden 2004, S. 15.
2.
Vgl. dazu Werner Reutter, Organisierte Interessen in Deutschland. Entwicklungstendenzen, Strukturveränderungen und Zukunftsperspektiven, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (1999) 9, S. 7 - 15.
3.
Theodor Eschenburg, Herrschaft der Verbände?, Stuttgart 19632.
4.
Thomas Leif/Rudolf Speth (Hrsg.), Die stille Macht. Lobbyismus in Deutschland, Wiesbaden 2003.
5.
Vgl. Christian Simmert, Die Lobby regiert das Land, Berlin 2002.
6.
Vgl. dazu Anne Hacket/Gerd Mutz, Empirische Befunde zum bürgerschaftlichen Engagement, in: APuZ, (2002) 9, S. 39 - 46.
7.
Vgl. dazu Roderich Kulbach, Das Ehrenamt im Wohlfahrtsverband. Quantitative und qualitative Entwicklungen, in: Soziale Arbeit. Zeitschrift für soziale und sozialverwandte Gebiete, (2002) 2, S. 55 - 60. Siehe dazu auch Karl-Heinz Boeßenecker, Ehrenamt und Wohlfahrtsverbände, in: Soziale Arbeit. Deutsche Zeitschrift für soziale und sozialverwandte Gebiete, (1999) 3, S. 87 - 93.
8.
Zur Theorie der NPÖ siehe Mancur Olson, Die Logik des kollektiven Handelns. Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen, Tübingen 20023; Ulrich von Alemann, Der Wandel organisierter Interessen in derBundesrepublik. Erosion oder Abgrenzung?, in: APuZ, (1985) 49, S. 3 - 21; Bernhard Ebbinghaus, Die Mitgliederentwicklung deutscher Gewerkschaften im historischen und internationalen Vergleich, in: Wolfgang Schroeder/Bernhard Wessels (Hrsg.), Die Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch, Wiesbaden 2003, S. 174 - 203.
9.
Vgl. Martin Sebaldt, Die "Stille Revolution" organisierter Interessenvertretung: Entwicklungs- und Transformationsmuster westlicher Verbandssysteme in komparativer Perspektive, in: Zeitschrift für Politik, (2004) 1, S. 1 - 28.
10.
Vgl. Jürgen Weber, Die Interessengruppen im politischen System der Bundesrepublik Deutschland, München 1981(2); Martin Sebaldt, Verbände und Demokratie: Funktionen bundesdeutscher Interessengruppen in Theorie und Praxis, in: APuZ, (1997) 36 - 37, S. 27 - 37; vgl. dazu aktuell Alexander Straßner, Zwischen Eigennutz und Gemeinwohl: Verbandsfunktionen in Theorie und Praxis, in: Gesellschaft-Wirtschaft-Politik, (2005) 2, S. 233 - 253.