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Stimmen aus Tschernobyl - Essay


21.3.2006
In der Nacht des 26. April 1986 gelangten wir an einen neuen Ort der Geschichte. Wir sprangen in eine neue Realität, und diese überstieg nicht nur unser Wissen, sondern auch unsere Einbildungskraft.

Einleitung



Ich bin eine Zeugin von Tschernobyl, des wichtigsten Ereignisses des 20. Jahrhunderts, ungeachtet der schrecklichen Kriege und Revolutionen, die man einst mit diesem Jahrhundert verbinden wird.[1] Zwanzig Jahre sind seit der Katastrophe vergangen, doch bis heute frage ich mich: Was dokumentiere ich da - die Vergangenheit oder die Zukunft? Man rutscht leicht ab in die Banalität des Schreckens.

Doch ich sehe Tschernobyl als den Beginn einer neuen Geschichte. Es ist nicht nur Wissen, sondern auch Vorwissen, denn seitdem ist der Mensch im Widerstreit mit seinen früheren Vorstellungen von sich und von der Welt. Wenn wir von Vergangenheit oder Zukunft sprechen, dann stützen wir uns dabei auf unsere Vorstellungen von Zeit. Tschernobyl aber ist vor allem eine Katastrophe der Zeit. Die radioaktiven Teilchen, die über unsere Erde verstreut wurden, halten sich fünfzig, hundert, zweihundert Jahre. Aus der Perspektive eines Menschenlebens sind sie ewig. Was also können wir begreifen? Steht es in unserer Macht, aus diesem uns noch unbekannten Grauen einen Sinn zu schöpfen und zu erkennen?

In der Nacht des 26. April 1986 gelangten wir an einen neuen Ort der Geschichte. Wir sprangen in eine neue Realität, und diese überstieg nicht nur unser Wissen, sondern auch unsere Einbildungskraft. Der Zusammenhang der Zeiten riss. Die Vergangenheit war plötzlich hilflos, auf nichts konnten wir uns stützen, im (wie wir glaubten) allwissenden Archiv der Menschheit gab es keinen Schlüssel, der diese Tür hätte öffnen können. Ich hörte in jenen Tagen oft Äußerungen wie: "Ich finde keine Worte für das, was ich gesehen und erlebt habe", "etwas Derartiges hat mir noch nie jemand erzählt", "so etwas habe ich noch in keinem Buch gelesen und in keinem Film gesehen". Zwischen dem Zeitpunkt der Katastrophe und dem Zeitpunkt, an dem die Menschen darüber zu sprechen begannen, lag eine Pause. Ein Augenblick der Hilflosigkeit. Daran erinnern sich alle. Irgendwo oben wurden Entscheidungen getroffen, geheime Anweisungen verfasst, Hubschrauber in den Himmel geschickt, eine gewaltige Technik in Bewegung gesetzt, unten aber wartete man auf Informationen und hatte Angst, lebte von Gerüchten. Doch niemand sprach über das Wichtigste: Was war passiert? Man fand keine Worte für die neuen Gefühle und keine Gefühle für die neuen Worte; erst allmählich drang man vor in eine Sphäre neuen Denkens. Fakten allein genügten nicht mehr, man wollte hinter die Fakten schauen, den Sinn des Geschehens erfassen. Die Erschütterung war offenkundig. Und ich suchte nach dem erschütterten Menschen. Er sprach neue Texte.

Die Stimmen aus Tschernobyl drangen mitunter wie aus einem Traum oder aus Fieberwahn, wie aus einer parallelen Welt. In der Nähe von Tschernobyl begann jeder zu philosophieren, wurde zum Philosophen. Die Kirchen füllten sich wieder - mit Gläubigen und Menschen, die kurz zuvor noch Atheisten gewesen waren. Sie suchten nach Antworten, die Physik und Mathematik nicht geben konnten. Die Grenzen der dreidimensionalen Welt verschwammen, und ich traf niemanden, der so kühn gewesen wäre, weiter auf die Bibel des Materialismus zu schwören. Grell war die Unendlichkeit aufgeleuchtet. Philosophen und Schriftsteller verstummten, aus der gewohnten Bahn von Kultur und Tradition geworfen. Am interessantesten waren in jenen Tagen nicht Gespräche mit Wissenschaftlern, Beamten oder hochrangigen Militärs, sondern mit alten Bauern. Sie leben ohne Tolstoi und Dostojewski, ohne Internet, doch ihr Bewusstsein hat das neue Weltbild auf eigene Weise aufgenommen.

Vermutlich wären wir eher mit einer atomaren Kriegssituation wie in Hiroschima fertiggeworden, darauf waren wir vorbereitet. Aber diese Katastrophe geschah in einem nichtmilitärischen Atomobjekt, und wir waren doch Kinder unserer Zeit und glaubten, wie wir es gelernt hatten, die sowjetischen Atomkraftwerke seien die sichersten der Welt, so sicher, dass man sie sogar auf den Roten Platz stellen könnte. Das kriegerische Atom, das waren Hiroschima und Nagasaki, das friedliche Atom war die Glühbirne in jedem Haushalt. Niemand ahnte, dass das kriegerische und das friedliche Atom Zwillinge sind. Komplizen. Inzwischen sind wir klüger, die ganze Welt ist klüger geworden, aber erst nach Tschernobyl.

Übersetzung aus dem Russischen: Ganna-Maria Braungardt, Berlin



Fußnoten

1.
Die weißrussische Autorin hat über mehrere Jahre Interviews mit Überlebenden der Katastrophe geführt. Ihr Band "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" erscheint in diesem Monat im Berlin Verlag.