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21.3.2006 | Von:
Swetlana Alexijewitsch

Stimmen aus Tschernobyl - Essay

In der Zone

Meine erste Fahrt in die Zone. Die Gärten blühten, das junge Gras leuchtete in der Sonne. Die Vögel sangen. Eine so vertraute Welt. Mein erster Gedanke: Es ist alles noch da, und alles ist wie früher. Dieselbe Erde, dasselbe Wasser, dieselben Bäume. Ihre Form, ihre Farbe und ihr Geruch sind ewig, daran kann niemand etwas ändern. Doch schon am ersten Tag erklärte man mir: Man sollte keine Blumen pflücken, sich lieber nicht auf die Erde setzen, kein Quellwasser trinken. Am Abend beobachtete ich, wie Hirten eine erschöpfte Herde zum Fluss trieben - die Kühe liefen zum Wasser und machten sofort kehrt. Irgendwie witterten sie die Gefahr. Die Katzen, erzählte man mir, fraßen keine toten Mäuse mehr, die überall herumlagen, auf dem Feld und auf den Höfen. Der Tod lauerte überall, aber dieser Tod war irgendwie anders. Er trug neue Masken, kam in einem anderen Gewand. Der Mensch wurde davon überrumpelt, darauf war er nicht vorbereitet. Nicht vorbereitet als biologische Art; sein natürliches Arsenal, ausgebildet zum Sehen, Hören und Tasten, versagte. Nichts davon war brauchbar; Augen, Ohren und Hände taugten nicht, waren keine Hilfe, denn Radioaktivität ist unsichtbar, lautlos und ohne Geschmack. Körperlos.

Wir haben unser Leben lang Krieg geführt oder uns auf einen Krieg vorbereitet, wissen so viel darüber - und dann! Wir hatten plötzlich einen neuen Feind. Töten konnte das abgemähte Heu. Der geangelte Fisch, das gefangene Wild. Ein Apfel. Die Welt um uns herum, uns früher so gefügig und freundlich gesonnen, flößte nun Angst ein. Alte Menschen, die evakuiert wurden und sich nicht vorstellen konnten, dass es für immer war, schauten zum Himmel. "Die Sonne scheint. Kein Rauch, kein Gas. Es wird nicht geschossen. Ist das etwa Krieg? Und trotzdem sind wir Flüchtlinge." Die vertraute Welt - eine unbekannte Welt. Wie sollten wir verstehen, wo wir uns befanden? Wir konnten niemanden fragen.

In der Zone und um die Zone herum: Verblüffend war das enorme Aufgebot an Militärtechnik. Soldaten mit nagelneuen Maschinenpistolen, in voller Kampfausrüstung. Nicht die Hubschrauber und Panzerfahrzeuge haben sich mir am meisten eingeprägt, sondern diese Maschinenpistolen. Der Mann mit dem Gewehr in der Zone: Auf wen sollte er dort schießen, gegen wen sich verteidigen? Gegen die Physik, gegen unsichtbare Teilchen? Die verseuchte Erde erschießen oder einen Baum? Im Kraftwerk ermittelte der KGB. Man suchte nach Spionen und Saboteuren, Gerüchte erklärten die Havarie zu einer geplanten Aktion westlicher Geheimdienste, um das sozialistische Lager zu schädigen. Man müsse wachsam sein.

Diese Kultur des Krieges ist vor meinen Augen zusammengebrochen. Wir betraten eine undurchschaubare Welt, wo das Böse keinerlei Erklärungen abgibt, sich nicht offenbart und keine Gesetze kennt. Ich habe gesehen, wie der Vor-Tschernobyl-Mensch zum Tschernobyl-Menschen wurde. Manche meinen, das Verhalten der Feuerwehrleute, die in der ersten Nacht den Brand im Atomkraftwerk löschten, und der Liquidatoren erinnere an kollektiven Selbstmord. Die Liquidatoren ("Freiwillige", die unmittelbare Hilfe leisteten) arbeiteten häufig ohne spezielle Schutzkleidung, gingen widerspruchslos dorthin, wo die Roboter "verreckten"; man verschwieg ihnen die Wahrheit über die hohe Strahlendosis, der sie ausgesetzt waren, und sie fanden sich damit ab, freuten sich anschließend noch über die von der Regierung verliehenen Urkunden und Medaillen, die man ihnen vor ihrem Tod überreichte. Viele bekamen sie nicht mehr ausgehändigt. Was also waren diese Menschen - Helden oder Selbstmörder? Opfer der sowjetischen Ideologie und Erziehung? Merkwürdigerweise gerät mit der Zeit in Vergessenheit, dass sie ihr Land retteten. Und Europa. Stellen wir uns einen Augenblick lang vor, wie es ausgesehen hätte, wären auch die drei übrigen Reaktoren explodiert...

Sie sind Helden. Helden der neuen Geschichte. Man vergleicht sie mit den Helden der Schlacht um Stalingrad oder der Schlacht um Waterloo, aber sie retteten mehr als ihr Heimatland, sie retteten das Leben selbst. Lebenszeit. Lebendige Zeit. Mit Tschernobyl hat der Mensch die Hand erhoben gegen die gesamte göttliche Welt, auf der außer dem Menschen Tausende andere Wesen leben, Tiere und Pflanzen. Ich hörte ihre Berichte, wie sie etwas völlig Neues, Unmenschliches taten: Sie begruben Erde in der Erde, sie versenkten verseuchte Erdschichten in speziellen Betonbunkern mitsamt allem, was darin lebte: Käfer, Spinnen, Larven. Vielfältige Insekten, deren Namen sie nicht einmal kannten. Nicht mehr wussten. Sie hatten einen ganz anderen Begriff vom Tod, er erstreckte sich auf alles - vom Vogel bis zum Schmetterling. Ihre Welt war bereits eine andere - mit einem neuen Recht auf Leben, mit einer neuen Verantwortung und einem neuen Schuldgefühl. Ihre Berichte sind durchzogen vom Thema "Zeit". Sie sagten "zum ersten Mal", "nie wieder", "für immer". Erzählten, wie sie durch leere Dörfer gefahren waren und dort einsame Alte getroffen hatten, die nicht mit den anderen weggehen wollten oder wieder zurückgekehrt waren aus der Fremde: Sie saßen abends bei Kienspanbeleuchtung zusammen, mähten das Heu mit der Sense, das Getreide mit der Sichel, fällten Bäume mit der Axt und wandten sich mit Gebeten an Tiere und Geister. An Gott. Genau wie vor zweihundert Jahren, nur, dass irgendwo hoch oben Raumschiffe umherflogen.

Die Helden von Tschernobyl haben ein Denkmal: den Sarkophag, in dem sie das Kernfeuer begruben. Eine Pyramide des 20. Jahrhunderts. In der Gegend von Tschernobyl bedauert man die Menschen, aber noch mehr die Tiere. Was blieb in der toten Zone, nachdem die Menschen weggegangen waren? Die alten Gottesäcker und so genannte Biogräber, also Tierfriedhöfe. Der Mensch rettete nur sich selbst, alle anderen ließ er im Stich. Nach seinem Weggang kamen Trupps von Soldaten oder Jägern in die Dörfer und erschossen die Tiere. Die Hunde liefen auf die menschlichen Stimmen zu, ebenso die Katzen. Auch die Pferde verstanden nicht. Dabei sind Tiere doch völlig unschuldig; sie starben wortlos, was noch schrecklicher ist. Im alten Mexiko und sogar im vorchristlichen Russland baten die Menschen die Tiere um Verzeihung, die sie für ihre Ernährung töten mussten. In Ägypten hatte das Tier das Recht, gegen den Menschen zu klagen. Auf einem in einer Pyramide gefundenen Papyrus heißt es: "Es gab keine einzige Klage des Stiers gegen N." Bevor die Ägypter ins Totenreich gingen, sprachen sie ein Gebet, das folgende Worte enthielt: "Ich habe kein einziges Geschöpf gekränkt. Ich habe keinem Tier Korn oder Gras geraubt."

Was hat uns die Tschernobyl-Erfahrung vermittelt? Hat sie uns der wortlosen, geheimnisvollen Welt der "anderen" zugewandt? Einmal habe ich gesehen, wie Soldaten in ein Dorf kamen, das die Menschen verlassen hatten, und schossen. Die hilflosen Schreie der Tiere ... Sie schrien in ihren Sprachen. Das ist schon im Neuen Testament beschrieben: Jesus kommt in den Tempel von Jerusalem und sieht dort Tiere, die geopfert werden sollen. Er ruft: "Mein Haus ist ein Bethaus; ihr aber habt's gemacht zur Mördergrube." Er hätte auch sagen können: "zum Schlachthaus". Für mich sind die Hunderte Tierfriedhöfe in der Zone das Gleiche wie die alten Götzentempel. Aber für welchen Gott? Für den Gott der Wissenschaft oder für den Gott des Feuers?

Ein alter Imker erzählte mir: "Ich komme am Morgen in den Garten, und irgendwas fehlt, ein vertrautes Geräusch. Keine einzige Biene war zu hören! Keine einzige! Was war das? Was war los? Auch am nächsten Tag flogen sie nicht aus. Und am übernächsten. Hinterher erfuhren wir von der Havarie im Atomkraftwerk, und das ist ganz in der Nähe. Aber lange wussten wir nichts. Die Bienen wussten Bescheid, aber wir nicht. Jetzt werde ich mich immer nach ihnen richten." Ich sprach mit Anglern, die an einem Fluss saßen. "Wir warteten darauf, dass man uns im Fernsehen etwas erklärte ... Uns sagte, wie man sich schützen kann. Aber die Regenwürmer ... Einfache Regenwürmer! Die verkrochen sich tief in der Erde, einen halben oder einen ganzen Meter tief. Wir buddelten und buddelten. Wir fanden keinen einzigen Regenwurm zum Angeln." Wer von uns ist also primär, stabiler und ewiger auf der Erde - wir oder sie? Wir sollten von ihnen überleben lernen. Und leben.

Zwei Katastrophen trafen zusammen: eine soziale - vor unseren Augen zerfiel die Sowjetunion, ging unser gewaltiger sozialistischer Kontinent unter - und eine kosmische - Tschernobyl. Zwei globale Explosionen. Die erste ist uns vertrauter, verständlicher. Die Menschen beschäftigt das Alltägliche: Wovon das Nötigste kaufen, wohin fahren? Woran glauben? Unter welchen Fahnen Zuflucht nehmen? Oder wie lernen, für sich selbst zu leben, sein eigenes Leben? Letzteres ist uns nicht vertraut, wir können es nicht, weil wir nie so gelebt haben. Das machen wir alle durch, jeder Einzelne. Tschernobyl aber möchten wir vergessen, weil unser Bewusstsein davor kapituliert. Eine Katastrophe des Bewusstseins. Hätten wir Tschernobyl besiegt oder es wirklich verarbeitet, würden wir mehr darüber nachdenken und schreiben. So aber leben wir in einer Welt, unser Bewusstsein aber existiert in einer anderen. Die Realität entgleitet, der Mensch kann sie nicht mehr erfassen.

Noch immer benutzen wir alte Begriffe wie "fern - nah", "unsere - Fremde". Aber was bedeutet nah oder fern noch nach Tschernobyl, da die radioaktiven Staubwolken schon vier Tage später über Afrika und China waren? Die Erde ist klein, sie ist nicht mehr wie zu Kolumbus' Zeiten unendlich. Wir haben ein neues Raumgefühl. Wir leben in einem bankrotten Raum. Und: Seit einigen Jahren werden die Menschen immer älter, trotzdem ist ein Menschenleben lächerlich kurz gegen die Lebensdauer der radioaktiven Teilchen. Viele davon werden Jahrtausende existieren. Angesichts dessen entsteht ein neues Zeitgefühl. Das alles ist Tschernobyl. Das sind seine Spuren. Dasselbe geschieht mit unserem Verhältnis zur Vergangenheit, zur Science Fiction, zum Wissen. Die Vergangenheit hat sich als hilflos erwiesen, es ist nur das Wissen über unser Unwissen geblieben. Es kommt zu einem Umbruch der Gefühle. Anstelle der üblichen Trostworte sagt ein Arzt nun zur Frau eines sterbenden Mannes: "Nicht nahe herangehen! Nicht küssen! Nicht streicheln! Das ist nicht mehr der geliebte Mensch, er ist ein verseuchtes Objekt." Dagegen verblasst selbst Shakespeare. Und der große Dante. Zu ihm gehen oder nicht? Küssen oder nicht küssen? Eine meiner Interviewpartnerinnen (sie war schwanger) ging zu ihrem Mann und küsste ihn, ließ ihn bis zu seinem Tod nicht im Stich. Dafür bezahlte sie mit ihrer Gesundheit und mit dem Leben ihres Kindes. Aber wie sollte sie wählen zwischen Liebe und Tod? Zwischen Vergangenheit und unbekannter Gegenwart? Und wer würde es wagen, die Frauen und Mütter zu verurteilen, die nicht bei ihren sterbenden Männern und Söhnen saßen? Bei radioaktiv verseuchten Objekten. In ihrer Welt veränderte sich auch die Liebe. Und der Tod.

Alles hat sich verändert, bis auf uns. Damit ein Ereignis Geschichte wird, braucht es mindestens fünfzig Jahre. Hier aber folgen wir frischen Spuren. Schicksal ist das Leben des Einzelnen, Geschichte das Leben von uns allen. Ich möchte Geschichte so erzählen, dass dabei das Schicksal nicht aus dem Blickfeld gerät: der Einzelne. Was sich in Tschernobyl am meisten einprägt, ist das Leben "danach": Dinge ohne Menschen, Landschaften ohne Menschen. Wege ins Nichts, Telegrafendrähte ins Nichts. Vergangenheit oder Zukunft? Manchmal fühlte ich mich wie eine Chronistin der Zukunft.

Im Folgenden soll eine besondere Stimme aus Tschernobyl zu Wort kommen.