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21.3.2006 | Von:
Swetlana Alexijewitsch

Stimmen aus Tschernobyl - Essay

Monolog über kartesianische Philosophie

Mein Name ist Gennadi Gruschewoi, Abgeordneter des weißrussischen Parlaments, Vorsitzender des Hilfsfonds "Für die Kinder von Tschernobyl". Ich lebte mit Büchern. Zwanzig Jahre lang hielt ich Vorlesungen an der Universität. Ich war Akademiker, Wissenschaftler. Das ist jemand, der sich seine Lieblingszeit aus der Geschichte herauspickt und darin lebt. Die Philosophie war bei uns zu jener Zeit marxistisch-leninistisch geprägt, und Themen für Doktorarbeiten hatten zu lauten: Die Rolle des Marxismus-Leninismus bei der Entwicklung der Landwirtschaft oder bei der Erschließung des Neulands, die Rolle des Führers des Weltproletariats usw. Da war kein Platz für kartesianisches Denken. Aber ich hatte Glück. Eine wissenschaftliche Arbeit, die ich als Student verfasst hatte, gelangte zu einem Wettbewerb nach Moskau, und von dort kam ein Anruf: "Rührt den Jungen nicht an. Lasst ihn schreiben." Ich beschäftigte mich mit dem französischen Religionsphilosophen Nicolas Malbranche, der die Bibel vom Standpunkt der rationalen Vernunft auszulegen suchte. 18. Jahrhundert - die Epoche der Aufklärung. Glaube an die Vernunft, daran, dass wir imstande sind, die Welt zu erklären.

Ich habe Glück gehabt. Ich bin nicht unter die Räder geraten, wurde nicht zermalmt. Zuvor hatte man mich mehrfach gewarnt: Für eine Studentenarbeit mag Malbranche ja ganz interessant sein. Aber für die Dissertation sollten Sie sich ein anderes Thema überlegen. Sie sind hier immerhin am Lehrstuhl für marxistisch-leninistische Philosophie. Und Sie emigrieren in die Vergangenheit. Sie verstehen...

Dann begann Gorbatschows Perestroika. Die Zeit, auf die wir so lange gewartet hatten. Das Erste, was mir auffiel: Die Gesichter der Menschen veränderten sich. Sogar ihr Gang veränderte sich, ihre Haltung, und sie lächelten sich an. In allem war eine neue Energie zu spüren. Irgendetwas hatte sich grundlegend verändert. Ich staune noch heute, wie schnell das geschah. Ich wurde aus meiner kartesianischen Welt gerissen. Statt philosophischer Schriften las ich nun Zeitungen und Zeitschriften, erwartete ungeduldig jede neue Nummer des "Ogonjok". Jeden Morgen standen die Leute vor den Kiosken Schlange; nie zuvor und nie danach wurden die Zeitungen so intensiv gelesen. So sehr vertraute man ihnen nie wieder. Es gab eine Lawine von Informationen. Lenins Testament, das ein halbes Jahrhundert in Geheimarchiven gelegen hatte, wurde veröffentlicht. In den Buchläden stand plötzlich Solschenizyn, dann Schalamow, Bucharin. Noch kurz zuvor war man für den Besitz dieser Schriften verhaftet worden, eingesperrt. Sacharow durfte aus der Verbannung zurückkehren. Zum ersten Mal wurden Sitzungen des Obersten Sowjets im Fernsehen gezeigt. Das ganze Land saß mit angehaltenem Atem vorm Fernseher. Wir redeten laut über Dinge, die wir vor kurzem noch flüsternd in unseren Küchen erörtert hatten. Wie viele Generationen haben bei uns ihre Zeit in Küchen zerredet! Vergeudet! Verträumt! Über siebzig Jahre! Die ganze sowjetische Geschichte. Nun gingen alle zu Kundgebungen, zu Demonstrationen. Unterschrieben Aufrufe, stimmten ab. Ich erinnere mich an den Fernsehauftritt eines Historikers: Er hatte eine Karte der stalinschen Lager mitgebracht. Ganz Sibirien war mit roten Fähnchen gespickt. Wir erfuhren die Wahrheit über Kuropaty. Das war ein Schock! Im weißrussischen Kuropaty befindet sich ein Massengrab von 1937. Dort liegen Weißrussen, Russen, Polen, Litauer. Zehntausende. Die NKWD-Leute hatten zwei Meter tiefe Gräben ausgehoben und die Toten in zwei, drei Schichten übereinander hineingelegt. Früher einmal lag dieser Ort weit vor Minsk, später gehörte er zum Stadtgebiet. Man konnte mit der Straßenbahn hinfahren. In den fünfziger Jahren wurde dort ein Wäldchen angepflanzt, die Kiefern wuchsen heran, und die nichtsahnenden Minsker picknickten dort im Sommer, liefen im Winter Ski. Man begann mit den Ausgrabungen. Die kommunistische Regierung log, suchte sich herauszuwinden. Nachts schüttete die Miliz die Gräber wieder zu, am Tag wurden sie erneut ausgehoben. Ich habe Dokumentaraufnahmen gesehen: Reihen blanker Schädel, alle mit einem Loch im Hinterkopf.

Tschernobyl hat den Zerfall der Sowjetunion beschleunigt. Das Imperium in die Luft gesprengt. Und mich zum Politiker gemacht. Am 4. Mai, am neunten Tag nach der Havarie, sprach Gorbatschow, das war natürlich Feigheit. Verwirrung. Wie Einundvierzig in den ersten Kriegstagen. Die Zeitungen schrieben von feindlichen Machenschaften und westlicher Hysterie. Von antisowjetischer Hetze und provokatorischen Gerüchten, die unsere Feinde verbreiteten. Angst hatten wir lange nicht, fast einen Monat warteten alle auf Mitteilungen wie: Unter Führung der kommunistischen Partei haben unsere Wissenschaftler ... unsere heldenhaften Soldaten und Feuerwehrleute ... ein weiteres Mal die Elemente bezwungen. Einen unerhörten Sieg errungen. Das kosmische Feuer ins Reagenzglas gesperrt. Die Angst kam nicht sofort. In unserem Bewusstsein passte sie nicht zum friedlichen Atom. Unser Weltbild sah so aus: Das kriegerische Atom, das ist ein unheilvoller Pilz am Himmel, wie in Hiroschima und Nagasaki, Menschen, die in einer Sekunde zu Asche verbrennen; das friedliche Atom dagegen, das ist die harmlose Glühlampe. Ein kindliches Weltbild. Wie aus einer Fibel.

Gespräche in den ersten Tagen: "Ein Atomkraftwerk brennt. Aber irgendwo weit weg. In der Ukraine." "Ich habe in der Zeitung gelesen: Militärtechnik ist unterwegs dorthin. Die Armee. Wir werden siegen!" "In Weißrussland gibt es kein einziges Atomkraftwerk. Wir können beruhigt sein." Meine erste Fahrt in die Zone ... Unterwegs dachte ich, dort würde alles mit grauer Asche bestäubt sein. Mit schwarzem Ruß. Dort aber war es schön. Wunderschön! Blühende Wiesen, die Wälder in zartem, jungem Grün. Diese Zeit mag ich besonders. Wenn alles zum Leben erwacht, wächst und singt. Das hat mich am meisten verblüfft - diese Verbindung von Schönheit und Angst. Die Angst war nicht mehr von der Schönheit zu trennen und die Schönheit nicht von der Angst. Alles war ins Gegenteil verkehrt. Ein unbekanntes Gefühl von Tod.

Wir fuhren als Gruppe hin, niemand hatte uns geschickt. Eine Gruppe weißrussischer Abgeordneter der Opposition. Die kommunistische Macht wurde schwach, unsicher. Doch die örtlichen Natschalniks (Leiter) empfingen uns unfreundlich: "Haben Sie eine Genehmigung? Haben Sie das Recht, die Leute zu beunruhigen? Fragen zu stellen? Wer hat Sie beauftragt?" Sie verwiesen auf Instruktionen von oben: "Keine Panik zulassen. Auf Anweisungen warten." Im Klartext: "Sie verunsichern das Volk, aber wir müssen den Plan erfüllen. Fleisch und Getreide." Ihre Sorge galt nicht der Gesundheit der Menschen, sondern dem Plan. Im Maßstab der Republik, der Union. Sie hatten Angst vor der höheren Obrigkeit. Und die wiederum vor denen, die noch höher saßen, und so immer weiter, bis hoch zum Generalsekretär. Ein einziger Mensch traf alle Entscheidungen, irgendwo ganz weit oben. So funktionierte die Machtpyramide. An der Spitze stand der kommunistische Zar. "Hier ist alles verseucht", erklärten wir. "Nichts von dem, was Sie produzieren, darf verzehrt werden." "Sie sind Provokateure. Unterlassen Sie Ihre feindliche Propaganda. Wir werden das melden ... Ein Anruf ..." Und sie meldeten es den zuständigen Stellen.

Das Dorf Malinowka: 59 Curie pro Quadratmeter. Wir gingen in die Schule. "Na, wie geht es euch?" "Alle sind natürlich verunsichert. Aber man hat uns beruhigt: Man muss nur die Dächer abspülen, die Brunnen mit Folie abdecken und die Wege asphaltieren. Dann kann man weiter hier leben. Aber die Katzen kratzen sich dauernd, und den Pferden hängt der Speichel bis zum Boden." Die stellvertretende Direktorin lud uns zu sich nach Hause ein. Zum Mittagessen. Das Haus war nagelneu, sie waren vor zwei Monaten eingezogen. Neben dem Haus eine solide Scheune, ein Vorratskeller. So etwas nannte man früher eine Kulakenwirtschaft, solche Leute waren enteignet worden. Man hätte sich für sie freuen und sie beneiden können. "Aber Sie werden bald hier wegziehen müssen." "Um keinen Preis! Hier steckt so viel Arbeit drin!" "Schauen Sie auf den Geigerzähler ..." "Die laufen hier rum ... Besserwisser, verdammte! Lassen die Leute nicht in Ruhe leben!" Der Hausherr winkte ab und ging auf die Wiese, das Pferd holen. Ohne sich zu verabschieden.

Unsere Mentalität ist ein Thema für sich. Bei uns kommt an erster Stelle das Gefühl. Das verleiht unserem Dasein Größe und Erhabenheit, ist aber zugleich verhängnisvoll. Von rationalen Entscheidungen halten wir nichts. Wir prüfen unsere Taten mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand. Betritt man im Dorf einen Hof, ist man sofort Gast. Eine Freude. Die Leute bemühen sich um einen, schütteln bedauernd den Kopf: "Ach, schade, es ist kein frischer Fisch da, nichts zum Anbieten..." Oder: "Einen Becher Milch? Ich gieße Ihnen was ein." Sie lassen einen nicht weg. Bitten einen in die Hütte. Manche hatten Angst, aber ich lehnte nie ab. Setzte mich an den Tisch. Aß das kontaminierte Brot, weil alle es aßen. Trank den Becher Milch. Und war sogar stolz darauf, dass ich so bin, dass ich das kann. Ich sagte mir: Wenn ich für diese Menschen schon nichts ändern kann, ist alles, was ich tun kann, mit ihnen zusammen dieses Brot zu essen, damit ich mich nicht schämen muss. Ihr Schicksal zu teilen. Das ist nun mal unser Verhältnis zum eigenen Leben. Aber ich habe eine Frau und zwei Kinder, und für die trage ich Verantwortung. Ich hatte ja einen Geigerzähler in der Tasche. Vor zehn Jahren war ich stolz darauf, so zu sein, heute schäme ich dafür, dass ich so bin. Trotzdem würde ich mich wieder mit an den Tisch setzen und das verfluchte Brot essen. Dieses verfluchte Brot ging mir nicht aus dem Kopf. Man muss es mit dem Herzen essen, nicht mit dem Verstand. Irgend jemand hat mal sehr richtig gesagt, dass wir im 20., jetzt ja schon im 21. Jahrhundert noch immer so leben, wie es uns die Literatur des 19. Jahrhunderts gelehrt hat.

Ich hatte ein Gespräch mit der Frau, inzwischen Witwe, eines der Hubschrauberpiloten. Eine kluge Frau. Wir saßen lange zusammen. Sie wollte den Tod ihres Mannes verstehen und einen Sinn darin sehen. Um sich damit abzufinden. Sie konnte es nicht. Über die Arbeit der Hubschrauberpiloten über dem Reaktor habe ich oft in der Zeitung gelesen. Erst warfen sie Bleiplatten ab, doch die verschwanden spurlos in dem Loch, bis jemandem einfiel, dass Blei bei siebenhundert Grad verdampft, und dort unten herrschten zweitausend Grad. Danach wurden Säcke mit Dolomit und Sand abgeworfen. Oben war es stockfinster durch den auffliegenden Staub. Nachtschwarz. Staubsäulen. Um richtig zu zielen, öffneten sie die Kabinenfenster und schauten, wohin sie steuern mussten - nach links oder rechts, nach oben oder unten. Bei der enormen Strahlung! Ich erinnere mich an die Schlagzeilen: "Helden am Himmel", "Die Falken von Tschernobyl". Und diese Frau gestand mir ihre Zweifel: "Sie schreiben, mein Mann sei ein Held gewesen. Ja, er war ein Held. Aber was ist ein Held? Ich weiß, dass mein Mann ein ehrlicher, disziplinierter Offizier war. Ein paar Monate nach seiner Rückkehr aus Tschernobyl wurde er krank. Im Kreml überreichte man ihm eine Auszeichnung, dort traf er seine Kameraden wieder, auch sie waren alle krank. Aber sie freuten sich über das Wiedersehen. Er kam glücklich nach Hause, mit dem Orden. Ich fragte ihn damals: Hättest du auch weniger abbekommen können? Deine Gesundheit mehr schonen?` Wahrscheinlich hätte ich das, wenn ich mehr überlegt hätte`, antwortete er. Wir hätten gute Schutzanzüge gebraucht, Spezialbrillen, Masken. Wir hatten nichts von alledem. Auch hielten wir uns nicht an die Sicherheitsvorschriften.` Wir alle dachten damals wenig nach." Ich stimme ihr zu. An sich selbst zu denken gilt aus der Sicht unserer Kultur als Egoismus. Als Kleinmut. Es gibt immer etwas, das mehr zählt als du. Als dein Leben.

Das Jahr Neunundachtzig... der 26.April, der dritte Jahrestag der Katastrophe. Aus der Dreißigkilometerzone waren die Menschen evakuiert worden, aber über zwei Millionen Weißrussen lebten noch immer in verseuchten Gebieten. Sie hatte man vergessen. Die weißrussische Opposition hatte für diesen Tag eine Demonstration in Minsk angesetzt, die Regierung im Gegenzug einen Subbotnik (freiwilliger Arbeitseinsatz) ausgerufen. In der ganzen Stadt hingen rote Fahnen, an jeder Ecke standen Verkaufswagen mit Mangelwaren: Räucherwurst, Schokoladenkonfekt, löslicher Kaffee. Überall fuhren Milizautos herum. Männer in Zivil fotografierten. Aber... Das war etwas Neues! Niemand beachtete sie, man hatte keine Angst mehr vor ihnen. Die Leute sammelten sich vor dem Tscheljuskinzy-Park. Es wurden immer mehr. Gegen zehn Uhr waren es schon zwanzig-, dreißigtausend (laut offiziellen Angaben der Miliz, die später vom Fernsehen verbreitet wurden), und die Menge wuchs von Minute zu Minute. Das hatten wir selbst nicht erwartet. Alle waren in gehobener Stimmung. Wer sollte gegen dieses Menschenmeer ankommen? Punkt zehn setzte sich die Menge wie geplant in Bewegung, über den Leninprospekt in Richtung Stadtzentrum, wo eine Kundgebung stattfinden sollte. Auf der ganzen Strecke schlossen sich immer neue Gruppen an, aus Parallelstraßen und Gassen. Aus Hauseingängen. Ein Gerücht ging um: Miliz und Militärpatrouillen hätten die Zufahrtsstraßen zur Stadt abgeriegelt, hielten Busse und Autos mit Demonstranten auf, schickten sie zurück, aber niemand gerate in Panik. Die Menschen stiegen aus und liefen zu Fuß weiter. Das wurde über Megaphon mitgeteilt. Aus dem Demonstrationszug ertönte ein mächtiges: "Hurra!". Die Balkons waren voller Menschen, sie öffneten die Fenster weit, kletterten aufs Fensterbrett. Irgendwie war die Miliz plötzlich verschwunden, auch die Jungs in Zivil mit den Fotoapparaten. Die Macht zog sich zurück, wartete ab. Die Macht war erschrocken. Die Menschen liefen und weinten, alle hielten sich an den Händen. Sie weinten, weil sie ihre Angst besiegt, sich von ihr befreit hatten.

Die Kundgebung begann. An das eilig zusammengezimmerte Rednerpult traten einfache Menschen aus der Gegend von Tschernobyl, ganz spontan und ohne Papier. Es bildete sich eine Schlange. Wir hörten den Augenzeugen zu. Eine Mutter mit zwei Kindern, ein Mädchen und ein Junge, trat ans Rednerpult: "Sie haben aufgehört zu lachen. Machen keine Dummheiten mehr. Laufen nicht mehr auf dem Hof herum. Sie haben keine Kraft mehr. Sie sind wie alte Leute." Eine Liquidatorin. Sie krempelte die Ärmel ihres Kleides hoch und zeigte der Menge ihre Arme - sie waren voller Geschwüre. Voller Schorf. "Ich habe die Wäsche der Männer gewaschen, die in der Nähe des Reaktors arbeiteten", erzählte sie. "Wir wuschen meist mit der Hand, man hatte uns zu wenig Waschmaschinen geliefert. Sie gingen durch die Überlastung schnell kaputt." Ein junger Arzt verlas zuerst den Eid des Hippokrates. Er berichtete, sämtliche Daten über die Erkrankungen seien mit dem Vermerk "geheim" und "streng geheim" versehen. Medizin und Wissenschaft würden in die Politik hineingezogen. Es war ein Tschernobyl-Tribunal.

Das war der größte Tag meines Lebens. Am nächsten Morgen wurden wir Organisatoren der Demonstration von der Miliz vorgeladen und gerügt: Die vieltausendköpfige Menge habe den Prospekt blockiert und den öffentlichen Nahverkehr lahmgelegt. Wir hätten nicht genehmigte Transparente getragen. Jeder von uns bekam fünfzehn Tage wegen "groben Unfugs". Der Richter, der das Urteil verkündete, und die Milizleute, die uns in die Zellen brachten, schämten sich. Und wir lachten. Weil wir glücklich waren. Nun standen wir vor der Frage: Was können wir? Was weiter tun?

In einem der Tschernobyl-Dörfer fiel eine Frau, als sie erfuhr, dass wir aus Minsk kommen, vor uns auf die Knie: "Retten Sie mein Kind! Nehmen Sie es mit! Unsere Ärzte wissen nicht, was mit ihm ist. Aber er bekommt keine Luft und wird ganz blau. Er stirbt." Ich kam ins Krankenhaus. Ein Junge, sieben Jahre. Schilddrüsenkrebs. Ich wollte ihn ablenken, scherzte. Da drehte er sich zur Wand. "Erzählen Sie mir bloß nicht, dass ich nicht sterbe. Ich weiß, dass ich sterbe."

In der Akademie der Wissenschaften. Man zeigte mir das Foto eines Mannes, der von "heißen Teilchen" versengt worden war. Die Lungen sahen aus wie der Sternenhimmel. "Heiße Teilchen", mikroskopisch klein, entstanden, als Blei und Sand in den brennenden Reaktor geworfen wurden. Blei-, Sand- und Graphitatome sind durch den Druck zusammengebacken und wurden hoch in die Luft geschleudert. Sie flogen über weite Strecken, Hunderte Kilometer. Über die Atemwege gelangen sie in den menschlichen Körper. Am häufigsten sterben daran Traktoristen und Kraftfahrer - Menschen, die viel im Freien sind, die pflügen und die Dorfstraßen befahren. Jedes Organ, in dem sich diese Teilchen ansiedeln, "leuchtet" auf Röntgenbildern. Hunderte Löcher, wie ein feines Sieb. Der Betroffene stirbt, verbrennt. Der Mensch ist sterblich, die "heißen Teilchen" dagegen sind unsterblich. Der Mensch wird in tausend Jahren zu Erde, zu Staub, die "heißen Teilchen" aber leben darin weiter. Und dieser Staub kann erneut töten.

Wenn ich von diesen Reisen zurückkam... die vielen Eindrücke. Ich erzählte. Meine Frau, sie ist Linguistin, hat sich früher nie für Politik interessiert, ebenso wenig wie für Sport. Stellte mir nun immer wieder dieselbe Frage: "Was können wir tun?" Und wir nahmen etwas in Angriff, das vom Standpunkt des gesunden Menschenverstands unmöglich schien. Wir beschlossen, Kinder zu retten. Um Hilfe zu bitten. Zu schreien. Alle Glocken zu läuten! Die Regierung schweigt, sie hat ihr Volk verraten, wir aber können nicht schweigen. Schnell, sehr schnell bildete sich ein Kreis Gleichgesinnter. Wir arbeiteten zwölf Stunden am Tag. Wir suchten einen Namen für unsere Organisation. Wir überlegten Dutzende Varianten und einigten uns auf das Einfachste: Hilfsfonds "Für die Kinder von Tschernobyl". Inzwischen gibt es zahllose Hilfsfonds wie unseren, aber 1989 waren wir die ersten. Die erste zivilgesellschaftliche Initiative, von niemandem "von oben" sanktioniert. Die Reaktion der Beamten war immer die gleiche: "Ein Hilfsfonds? Dafür haben wir das Gesundheitsministerium."

Tschernobyl hat uns befreit. Wir lernten frei zu sein. Ich sehe noch vor mir, wie die ersten Kühlwagen mit humanitärer Hilfe auf den Hof unseres Hauses gefahren kamen. An unsere Privatadresse. Ich schaute aus dem Fenster und war ratlos: Wie sollten wir das alles entladen, wo lagern? Ich erinnere mich noch gut, die Autos kamen aus Moldawien. Siebzehn bis zwanzig Tonnen Saft, Obst, Kindernahrung. Schon damals war durchgesickert: Um die Radioaktivität zu neutralisieren, braucht man möglichst viel Obst. Meine Frau und ich begannen mit dem Entladen, aber nach und nach kamen Leute aus unserem Haus dazu (immerhin ein Neungeschosser), auch Passanten blieben stehen und fragten: "Was sind das für Autos?" - "Hilfe für die Kinder von Tschernobyl." Am Abend waren alle LKWs entladen. Die Fracht verstaut in Kellern und Garagen, in einer Schule. Und als wir diese Hilfe in die verseuchten Gebiete brachten, sie verteilten... Meist versammelten sich die Leute in der Schule oder im Kulturhaus. Im Bezirk Witkowo, eine junge Familie. Sie bekamen wie alle Gläser mit Kindernahrung und Saftpackungen. Und der Mann setzte sich hin und fing an zu weinen. Diese Gläschen, diese Säfte konnten seine Kinder nicht mehr retten, er hätte wütend abwinken können. Aber er weinte, weil man sie nicht vergessen hatte. Weil jemand an sie dachte. Also gab es noch Hoffnung.

Es kamen Reaktionen aus der ganzen Welt. Angebote zur medizinischen Versorgung unserer Kinder kamen aus Italien, Frankreich und Deutschland. Die Lufthansa stellte kostenlose Flüge zur Verfügung. Als die Kinder zu den Flugzeugen gingen, fiel auf, dass sie alle sehr blass waren und ganz still. Es gab auch Kurioses: Der Vater eines Jungen kam in mein Büro und verlangte die Papiere seines Sohnes zurück. "Man wird unseren Kindern dort Blut abnehmen. Experimente mit ihnen machen." Natürlich, die Erinnerung an den schrecklichen Krieg ist noch lebendig. Außerdem: Wir hatten lange hinter dem Eisernen Vorhang gelebt. Im sozialistischen Lager. Wir hatten Angst vor der anderen Welt, weil wir sie nicht kannten. Die Mütter und Väter von Tschernobyl, das ist auch ein Thema für sich. Eine Fortsetzung unseres Gesprächs über die sowjetische Mentalität. Die Sowjetunion war zusammengebrochen, doch alle erwarteten noch lange Hilfe von dem großen, mächtigen Land, das es nicht mehr gab. Meine Diagnose? Eine Kreuzung aus Gefängnis und Kindergarten - das ist Sozialismus. Der sowjetische Sozialismus: Der Mensch opferte dem Staat seine Seele, sein Gewissen, sein Herz, und dafür bekam er seine Ration zugeteilt. Der eine mehr, der andere weniger. Gleich war nur eines: Man gab seine Seele dafür.

Im ersten Jahr schickten wir fünftausend Kinder ins Ausland, im dritten schon fünfzehntausend. Haben Sie mal mit Tschernobyl-Kindern gesprochen? Nicht mit Erwachsenen, sondern mit Kindern? Sie haben ganz überraschende Gedanken. Ein Mädchen erzählte, wie ihre Klasse im Herbst sechsundachtzig aufs Feld geschickt wurde, Möhren und Rüben ernten. Überall lagen tote Mäuse herum, und sie lachten: Erst sterben die Mäuse aus, die Käfer und Würmer, dann die Hasen und Wölfe. Und dann wir. Die Menschen sterben als Letzte. Dann stellten sie sich vor, wie die Welt ohne Tiere und Vögel aussehen würde. Ohne Mäuse. Eine Zeitlang würde es nur Menschen geben. Sonst nichts. Nicht einmal mehr Fliegen. Sie waren zwölf bis fünfzehn Jahre alt.

Noch eine Geschichte. Wir kamen in ein verseuchtes Dorf. Vor der Schule spielten Kinder Ball. Der Ball rollte in eine Blumenrabatte, die Kinder liefen darum herum und trauten sich nicht, den Ball herauszuholen. Erst begriff ich nicht, was los war, auch wenn ich theoretisch Bescheid wusste, aber ich lebte nicht da, ich war nicht ständig auf der Hut, ich kam aus einer normalen Welt. Ich ging auf die Rabatte zu. Da schrieen die Kinder: "Nein! Nicht! Onkel, nicht!" In den drei Jahren (das war neunundachtzig) hatten sie sich daran gewöhnt, dass man sich nicht ins Gras setzen darf, keine Blumen pflücken. Nicht auf Bäume klettern. Als sie ins Ausland kamen und man ihnen sagte: "Geht in den Wald, geht zum Fluss. Badet, sonnt euch", hätten Sie sehen sollen, wie unsicher sie ins Wasser gingen. Wie sie das Gras streichelten. Wie viel Glück war da plötzlich! Man konnte wieder tauchen, im Sand liegen. Sie liefen die ganze Zeit mit Blumensträußen herum, flochten Kränze aus Feldblumen.

Ja, wir können sie rausbringen und behandeln lassen, aber wie ihnen ihre frühere Welt zurückgeben? Ihre Vergangenheit? Und ihre Zukunft? Wir müssen eine Antwort finden. Wer sind wir? Was ist für uns das Leben? Was ist für uns Freiheit? Von Freiheit können wir nur träumen. Wir hätten frei sein können, sind es aber nicht geworden. Wieder nicht. Siebzig Jahre lang haben wir den Sozialismus aufgebaut, nun bauen wir den Kapitalismus auf. Früher haben wir Marx angebetet, heute den Dollar. Wir haben uns in der Geschichte verloren. Was haben wir über uns begriffen? Über unsere Welt? In unseren Militärmuseen, und davon haben wir mehr als Kunstmuseen, sieht man alte Maschinenpistolen, Bajonette, Granaten, Panzer und Minenwerfer. Man führt die Schüler dorthin und zeigt ihnen das alles - das ist der Krieg. Aber er ist bereits anders. Am 26. April 1986 haben wir einen anderen Krieg erlebt. Und er ist noch nicht zu Ende.