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21.3.2006 | Von:
Astrid Sahm

Dimensionen einer Katastrophe

Der Anfang vom Ende der Sowjetunion

Die Parteispitze ignorierte zunächst hartnäckig die aus der Wissenschaft laut werdenden Forderungen nach einer Intensivierung der Strahlenschutzmaßnahmen. So sandte der belarussische Schriftsteller Ales Adamowitsch bereits am 1. Juni 1986 einen Brief an Gorbatschow, in dem er diesen, unter Berufung auf die von belarussischen Naturwissenschaftlern erhaltenen Erkenntnisse, dazu aufrief, sich für weitere Umsiedlungen und gründliche Lebensmittelkontrollen einzusetzen, um langfristige gesundheitliche Folgen für eine große Bevölkerungszahl zu vermeiden: "Lieber Michail Sergejewitsch, es ist hier nicht bloß eine Anlage explodiert, sondern der gesamte Komplex an Verantwortungslosigkeit, Disziplinlosigkeit und Bürokratismus."[4]

Obwohl die Reaktorexplosion im Wesentlichen durch Konstruktionsmängel des in Tschernobyl zum Einsatz gekommenen graphitmoderierten Reaktortyps RBMK ermöglicht wurde, vertrat die sowjetische Führung weiterhin die offizielle Version, dass ausschließlich individuelle Fehler des Bedienungspersonals für die Katastrophe verantwortlich seien, um den geplanten Ausbau der Atomenergie nicht zu gefährden. Ende Juli 1987 wurde der AKW-Direktor Viktor Brjuchanow sowie drei weitere leitende Angestellte zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Anfänglich schien das Ausbauprogramm ungeachtet der Katastrophe weiterzulaufen. In der Ukraine wurden bis 1989 sechs von insgesamt 15 im Bau bzw. in Planung befindlichen Reaktorblöcken in Betrieb genommen, davon drei noch 1986.[5]

Die offizielle Geheimhaltungs- und Verharmlosungspolitik ließ sich allerdings nicht fortführen. Denn zum einem standen die anhaltenden Dekontaminierungsmaßnahmen in den betroffenen Regionen und das Rückkehrverbot in die entsiedelten Orte in einem zu auffälligen Kontrast zur behaupteten Wiederherstellung von Normalität. Zum anderen ermöglichte die Lockerung des Eisernen Vorhangs infolge der Perestroika der Bevölkerung zunehmend den Zugang zu westlichen Informationen - und damit auch über die in den westlichen Ländern in Reaktion auf das Unglück getroffenen Maßnahmen. Der Schock darüber, dass dort bereits in den ersten Tagen nach der Katastrophe größere Vorsichtsmaßnahmen als im eigenen Land getroffen worden waren, trug zum wachsenden Misstrauen vieler Menschen gegenüber dem sowjetischen System bei.

Von entscheidender Bedeutung für die Änderung der sowjetischen Politik wurde die erstmalige Abhaltung freier Wahlen 1989 und 1990. Die Parteifunktionäre in den betroffenen Republiken sahen sich neuem Legitimationsdruck von unten ausgesetzt, der ihre Hörigkeit gegenüber dem Moskauer Zentrum verringerte. So wurden die ersten, noch unvollständigen Karten über die Verteilung der radioaktiven Belastung im Vorfeld der Wahlen zum sowjetischen Volksdeputiertenkongress im Februar 1989 in den Medien veröffentlicht. Am Tag vor der Eröffnung des Kongresses am 25. Mai 1989 wurde die Informationssperre über die Katastrophenfolgen weitgehend aufgehoben. Zahlreiche unabhängige, kritische Abgeordnete wurden in den Kongress gewählt, darunter die belarussische Ärztin Swetlana Tkatschew aus Slawgorod oder die ukrainische Journalistin Alla Jaroschinskaja aus Naroditschi. Letztere wurde weltweit bekannt, als sie während ihrer Tätigkeit als Abgeordnete geheime Protokolle des Politbüros entwendete und veröffentlichte, welche den außerordentlichen Zynismus der Parteiführung im Umgang mit den Katastrophenfolgen dokumentierten.[6]

Der sich verstärkende Eindruck, dass vor allem Moskau die Verantwortung für die mehrjährige Verharmlosung der Katastrophe trug, förderte die Unabhängigkeitsbestrebungen in Belarus und der Ukraine. Obwohl die Kommunistische Partei in beiden Republiken nach den Wahlen zum Obersten Sowjet im März 1990 die Mehrheit behielt, unterstützen im Sommer 1990 auch die kommunistischen Abgeordneten die von den Volksfronten vorgeschlagenen Souveränitätserklärungen. Darin wurde das Territorium beider Republiken zum ökologischen Notstandsgebiet erklärt und ein Moratorium über den Bau neuer Atomkraftwerke verhängt. Das belarussische und das ukrainische Parlament verabschiedeten im Februar 1991 Gesetze, die umfassende Umsiedlungsprogramme und soziale Unterstützungsmaßnahmen für die Menschen vorsahen, die von den Folgen der Reaktorkatastrophe betroffen worden waren. Dabei legten sie deutlich niedrigere Grenzwerte im Hinblick auf Bodenbelastung und Gesamtkörperdosen zugrunde, als es von den im Auftrag der sowjetischen Unionsregierung tätigen Wissenschaftlern sowie dem von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) geleiteten "Internationalen Tschernobyl-Projekt" empfohlen wurde.[7]


Fußnoten

4.
Ales' Adamovic, Carnobyl' i ulada, in: ders., Apakalipsis pa hrafiku, Minsk 1992, S. 3. Deutsche Übersetzung in der April-Ausgabe der Zeitschrift Osteuropa.
5.
Vgl. Astrid Sahm, Transformation im Schatten von Tschernobyl. Umwelt und Energiepolitik im gesellschaftlichen Wandel von Belarus und der Ukraine, Münster 1999, S. 211 ff.; A.S. Djatlov, Cernobyl'. Kak eto bylo, Moskau 2000.
6.
Vgl. Alla Jaroschinskaja, Verschlusssache Tschernobyl. Die geheimen Dokumente aus dem Kreml, Berlin 1994.
7.
Die sowjetische Konzeption ging von einer zulässigen Gesamtkörperbelastung im Laufe von 70 Jahren in Höhe von 35 rem (radiation equal man) bzw. einer Jahresdosis von 5 mSv (Mikrosievert) aus, während die Republikskonzeptionen lediglich 7 rem bzw. 1 mSv zugrunde legten. Vgl. ausführlich A. Sahm (Anm. 5), S. 223ff.