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21.3.2006 | Von:
Astrid Sahm

Dimensionen einer Katastrophe

Umstrittene Folgen

Im Jahr 2003 wurde unter Leitung der IAEA ein Tschernobyl-Forum gegründet, dem neun UN-Organisationen sowie die Regierungen von Belarus, Russland und der Ukraine angehören. Zentrale Aufgabe des Forums sollte die Einschätzung der ökologischen, medizinischen und sozialökologischen Folgen von Tschernobyl bilden. Die im September 2005 veröffentlichten Bewertungen des Tschernobyl-Forums lösten unterschiedliche öffentliche Reaktionen aus. Dem Bericht zufolge stellen Rauchen und Alkoholgenuss insgesamt betrachtet ein höheres Gesundheitsrisiko für die Menschen dar als permanente radioaktive Niedrigstrahlung. Gleichwohl werden für einen eingeschränkten Betroffenenkreis von etwa 600 000 Personen, insbesondere Liquidatoren und Umsiedler aus der Sperrzone, signifikante medizinische Folgen anerkannt, wie beispielsweise die Zunahme von Schilddrüsenerkrankungen, die auf die Jodverstrahlung in den ersten Tagen nach der Reaktorexplosion zurückzuführen ist. Bis 2005 wurden insgesamt über 4 000 Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen festgestellt. Die Zahl der Tschernobyl-bedingten Todesfälle wird vom Internationalen Tschernobyl-Forum auf 4 000 geschätzt.[16] Insgesamt wird das Hauptproblem jedoch in der unbegründeten Angst vor der Strahlengefahr gesehen, die sich negativ auf die Gesundheit der Menschen auswirke. Der Bericht erinnert an den bereits im Internationalen Tschernobyl-Projekt von 1991 erhobenen Vorwurf der Strahlenphobie - auch wenn die psychischen Probleme der Menschen inzwischen ernster genommen werden als zuvor.

Im Unterschied zu 1991 herrscht zwischen der UNO und den Regierungen der drei Länder Konsens hinsichtlich der medizinischen Folgenbewertung, wie auch in der Tschernobyl-Resolution der UNO vom 14. November 2005 festgestellt wurde.[17] Hingegen lassen sich bei der Einschätzung der staatlichen Tschernobyl-Politik der betroffenen Länder, welche die zweite zentrale Aufgabe des Tschernobyl-Forums darstellte, weiterhin erhebliche Differenzen erkennen. Denn aus Sicht der UNO werden in den drei Staaten zu viele Ressourcen für Sozialmaßnahmen, wie beispielsweise die staatlich finanzierten jährlichen Erholungsmaßnahmen für Kinder aus den belasteten Regionen, aufgewendet. Demgegenüber besteht insbesondere die belarussische Regierung auf der Zweckmäßigkeit dieser Maßnahmen, denen sie einen wichtigen Anteil daran zuspricht, dass die faktischen Folgen von Tschernobyl bisher hinter ihren pessimistischeren Erwartungen von Anfang der neunziger Jahre zurückgeblieben seien.

Auch hinsichtlich der medizinischen Folgen lassen sich dem behaupteten Konsens zum Trotz Unterschiede in der Bewertung erkennen: So waren allein in der Ukraine 2005 bereits 17 500 Todesfälle als durch die Tschernobyl-Katastrophe bedingt anerkannt. Zudem betont der jüngste Nationale Tschernobyl-Bericht der Ukraine - ähnlich wie der Nationale Bericht von Belarus aus dem Jahre 2003 -, dass es für eine umfassende Folgenbewertung noch zu früh sei. Zu den Faktoren, die eine Einschätzung der Katastrophenfolgen erschweren, gehören insbesondere das Fehlen genauer Angaben über die radioaktive Belastung der Betroffenen in der ersten Periode nach der Reaktorexplosion und die Schwierigkeit, aufgrund der Multikausalität von Erkrankungen den Einfluss der Radioaktivität zu bestimmen. Schließlich ist der Zeitpunkt seit der Katastrophe für die Bewertung der Konsequenzen der beobachtbaren genetischen Veränderungen noch zu kurz. Der ukrainische Nationale Tschernobyl-Bericht hebt außerdem das Problem der auffälligen Immundefizite bei Kindern in den kontaminierten Regionen im Vergleich zu den unbelasteten Gebieten hervor. In Belarus wie in der Ukraine werden insgesamt nur 20 Prozent der in den kontaminierten Gebieten lebenden Kindern als gesund eingestuft.[18]


Fußnoten

16.
The Chernobyl Forum, Chernobyl's Legacy: Health, Environmental and Socio-economic Impacts and Recommendations to the Governments of Belarus, the Russian Federation and Ukraine, Vienna 2005, www.iaea.org/NewsCenter/Focus/Chernobyl/pdfs/05 - 28601_Chernobyl.pdf (7.3. 2006).
17.
UN General Assembly, Strengthening of international cooperation and coordination of efforts to study, mitigate and minimize the consequences of theChernobyl disaster, A/60/L19, zugänglich über: www.un.org/ha/chernobyl (7.3. 2006).
18.
Nacional'na dopovid (Anm. 10), S. 56 ff.; Posledstvija Cernobylja v Belarusi (Anm. 9), S. 18ff.