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21.3.2006 | Von:
Astrid Sahm

Dimensionen einer Katastrophe

Wiedereinstieg in die Atomenergie

Der Paradigmenwechsel in der Tschernobyl-Politik wurde in den betroffenen Staaten von einer analogen Positionsänderung hinsichtlich der zivilen Nutzung der Atomenergie begleitet. In der Ukraine wurde mit dem Ziel, die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu verhindern, bereits 1993 der AKW-Baustopp aufgehoben und der vorläufige Weiterbetrieb des AKW Tschernobyl beschlossen. Als Ausgleich für die Stilllegung des AKW Tschernobyl erwartete die Ukraine von der internationalen Staatengemeinschaft zudem finanzielle Unterstützung bei der Fertigstellung von zwei Reaktorblöcken in den AKW Chmelnitzkij und Riwne. Als diese Unterstützung ausblieb, entschloss sich die Ukraine, beide Blöcke aus eigenen Mitteln bzw. mit russischer Unterstützung in Betrieb zu nehmen - die Realisierung dieses Vorhabens gelang freilich erst Ende 2004.

Nach dem Amtsantritt von Präsident Viktor Juschtschenko erhielt die Atomenergieentwicklung in der Ukraine einen neuen Impuls: So kündigte Premierministerin Julia Timoschenko im Februar 2005 den Bau von elf weiteren Atomreaktoren bis 2030 an.[19] Juschtschenko sprach sich im Dezember 2005 bei einem Besuch im stillgelegten AKW Tschernobyl dafür aus, die Sperrzone als Endlagerstätte für atomaren Müll aus dem In- und Ausland zu nutzen. Von dem in der Ukraine zu beobachtenden Bestreben, an der Katastrophe zu verdienen, zeugen auch touristische Angebote für Exkursionen in die Sperrzone und zum Reaktor.[20]

Auch in Belarus wird bereits seit 1992 der Bau eines Atomkraftwerks als Option zur Erhöhung der nationalen Energiesicherheit diskutiert. Im Unterschied zur Ukraine verfügte Belarus als bisher AKW-freies Land für dieUmsetzung dieser Option jedoch über wesentlich ungünstigere Voraussetzungen. Zudem hatte Belarus weniger Möglichkeiten, die finanzielle Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft für einen AKW-Bau zu erhalten, da es über kein dem AKW Tschernobyl vergleichbares Faustpfand für Verhandlungen verfügte. Aus eigenen Mitteln vermochte Belarus ein entsprechendes Projekt nicht zu realisieren. 1999 entschied sich das belarussische Parlament daher nach intensiven öffentlichen Diskussionen auf der Grundlage der Empfehlung einer nationalen Expertenkommission, das AKW-Moratorium um zehn Jahre zu verlängern. Angesichts der zunehmenden Konflikte zwischen Belarus und Russland um die Gasversorgung des Landes warf der belarussische Präsident 2005 erneut die Frage eines AKW-Baus auf. Bedenken wegen der damit verbundenen Risiken wischte der belarussische Präsident Alexander Lukaschenka mit dem zynischen Argument beiseite, dass das Land ohnehin von Atomkraftwerken umgeben sei, die in den Nachbarländern Litauen, Russland und Ukraine betrieben würden. Allerdings dürfte die AKW-Option in Belarus nur mit erheblicher Unterstützung aus Russland zu realisieren sein - und damit die Energieabhängigkeit des Landes von Russland nicht verringern.[21]

Die betroffenen Staaten stehen 20 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl an einem Scheideweg: Einerseits sehen sie sich mit der Notwendigkeit konfrontiert, für die Menschen in den kontaminierten Regionen Lebensbedingungen zu schaffen, welche die gesundheitlichen Risiken maximal reduzieren. Andererseits sind sie der Gefahr ausgesetzt, dass die Normalisierung des Lebens in den verseuchten Gebieten zu einer Verharmlosung der Katastrophenfolgen führt. Begünstigt werden diese Tendenzen sowohl durch den komplexen Charakter der mit Tschernobyl verbundenen Probleme als auch durch den erfolgten bzw. geplanten (Wieder-) Einstieg in die Atomenergienutzung.


Fußnoten

19.
Vgl. A. Sahm (Anm. 5), S. 310 ff.; Uranium Information Centre, Nuclear Power in Ukraine, Briefing paper 63, August 2005, www.uic.com.au/nip63.htm (7.3. 2006).
20.
Vgl. Cernobyl'skaja zona mozet stat' kladbiscem jadernych otchodov iz drugich stran, Korrespondent vom 8.12. 2005, www.korrespondent.net. Ein Überblick über die touristischen Angebote in die Tschernobyl-Zone findet sich unter: http://pripyat.com/ru/tourism_in_ an_ area (7.3. 2006).
21.
Vgl. Gazovaja pauza zakancivaetsja, in: Belarus i rynok vom 30.1. 2006.