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16.3.2006 | Von:
Brigitte Geißel

Kritische Bürgerinnen und Bürger - eine Gefahr für Demokratien?

Untersuchungsergebnisse zeigen, dass kritikbereite Bürger politisch informierter, partizipationsfreudiger und stärker mit der Demokratie identifiziert als nicht kritikbereite sind.

Einleitung

Politische Unterstützung gilt in der Regel als eine wichtige Ressource für die Stabilität von Demokratien.[1] Nur wenn die Bürgerinnen und Bürger ein demokratisches System ausreichend unterstützten, würden sie Regeln und Normen einhalten, und das System könne gut funktionieren.[2]





Ein über Wahlperioden hinweg andauernder Verlust an politischer Unterstützung würde demokratische Institutionen schwächen, den Glauben an die Demokratie untergraben und schließlich unweigerlich zu ernsthaften Krisen oder sogar Zusammenbrüchen führen. Unterstützung galt deshalb als unentbehrliche staatsbürgerliche Tugend und stand - mit einigen wenigen Ausnahmen[3] - bis in die achtziger Jahre im Zentrum der Forschung.

Seit den neunziger Jahren setzte sich die Vorstellung von Kritik als Ressource für (die Weiterentwicklung von) Demokratien immer stärker durch. Kritik wird heute seltener als Krisenindikator und Bedrohung von Demokratie, sondern als Antriebskraft und Stimulus für politische Reformen interpretiert.[4] Demokratische Systeme entwickelten sich weiter, wenn kritische Bürgerinnen und Bürger die Umsetzung demokratischer Ideale einforderten und für institutionelle Reformen kämpften.

Entsprechende Forderungen hätten beispielsweise zur Ausweitung des Wahlrechts in allen Demokratien geführt sowie zur Beschränkung der Macht von Eliten (beispielsweise des House of Lords in Großbritannien). Ohne kritische Bürger würden sich Korruption, Selbstbereicherung und andere Formen der Misswirtschaft unter dem politischen Führungspersonal ausbreiten.[5] Die gegenwärtige politische Kritik sei ein historischer Schritt für die nächsten Verbesserungen demokratischer Institutionen und Prozesse.[6]


Fußnoten

1.
Vgl. David Easton, A Systems Analysis of Political Life, New York u.a. 1965.
2.
Vgl. z.B. Russell J. Dalton, Democratic Challenges, Democratic Choices. The Erosion of Political Support in Advanced Industrial Democracies, Oxford 2004, S. 159.
3.
Vgl. Paul M. Sniderman, A Question of Loyalty, Berkeley u.a. 1981; Geraint Parry, Trust, Distrust, and Consensus, in: British Journal of Political Science, (1976) 6, S. 129 - 142; s. auch Bettina Westle, Politische Folge- und Kritikbereitschaft der Deutschen, in: ZUMA-Nachrichten, 21 (1997) 41, S. 100 - 126; Pippa Norris, Critical Citizens: Global Support for Democratic Governance, Oxford 1999.
4.
Vgl. P. Norris (ebd.).
5.
In politischen Debatten der Bundesrepublik hatte der Terminus "kritischer Bürger" seinen Zenit bereits in den achtziger Jahren überschritten. Vor allem in linksorientierten, bildungspolitisch interessierten Gruppen war der "kritische Bürger" in den sechziger und siebziger Jahren eine wichtige Zielorientierung. In der internationalen Forschung wurden "critical citizens" erst in den neunziger Jahren prominent und empirisch untersucht.
6.
Vgl. Russell J. Dalton, Citizen Politics: Public Opinion and Political Parties in Advanced Industrial Democracies, New York u.a. 2002, S. 253.