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16.3.2006 | Von:
Reinhard Fatke
Martin Biebricher

Jugendbeteiligung - Chance für die Bürgergesellschaft

Eine stärkere Beteiligung von Kindern und Jugendlichen schafft Lernorte für Demokratie und bürgerschaftliches Engagement. Der Beitrag zeigt, wie es um die Partizipation von jungen Menschen steht und gibt Handlungsempfehlungen für die kommunale Praxis.

Einleitung

Politik und Leben fallen zunehmend auseinander. In der Konfrontation mit einem nur noch begrenzt als leistungsfähig erlebten Staat wird die Rückgewinnung des Bürgers als eigenverantwortlich handelndes Subjekt zum Ansatzpunkt gesellschaftspolitischer Reformen. Dieser Prozess lässt sich für viele westliche Länder beobachten und wird aus unterschiedlichen Quellen gespeist:[1]




  • Die Überlastung des Staates durch die Übernahme immer neuer Aufgaben im Zuge des Ausbaus des Sozialstaats wird dynamisiert durch die bereits Mitte der siebziger Jahre einsetzende Stagnation der wirtschaftlichen Entwicklung.
  • Die Steuerungsfähigkeit des demokratischen Systems wird eingeschränkt durch Globalisierungsprozesse. Die Handlungsspielräume nationaler Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik werden immer stärker reduziert.
  • Die Bildungsexpansion seit Ende der sechziger Jahre steigert das Partizipationsbedürfnis der Menschen. Beteiligung gilt als zukunftsweisendes Prinzip der postindustriellen liberalen Demokratie. Die aktive Teilhabe des Bürgers kann in dieser Sicht nicht auf das Wahlrecht beschränkt werden, sondern das demokratische Gemeinwesen verwirklicht sich erst in einer möglichst umfassenden Mitwirkung des Einzelnen an Entscheidungen. Demokratie wird nicht mehr vorrangig als Staatsform angesehen, sondern als Lebensform. [2]
Vor diesem Hintergrund gewinnt das Leitbild der Bürgergesellschaft an politischer Überzeugungskraft: Der Einzelne übernimmt einerseits für die Belange des Gemeinwesens größere Verantwortung und bekommt andererseits erweiterte Teilhabemöglichkeiten.





"Bürgergesellschaft heißt, sich von der Vorstellung der Allzuständigkeit des Staates zu verabschieden, zuzulassen und zu fordern, dass Bürgerinnen und Bürger in größerem Maße für die Geschicke des Gemeinwesens Sorge tragen. Bürgergesellschaft ist eine Gesellschaft selbstbewusster und selbstverantwortlicher Bürger, eine Gesellschaft der Selbstermächtigung und Selbstorganisation."[3]

Die skizzierten gesellschaftspolitischen Entwicklungslinien haben dazu beigetragen, dass in den vergangenen 20 Jahren ein grundlegender Umdenkungsprozess im Bereich der Kinderrechte stattgefunden hat. Insbesondere die Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention im Jahr 1992 hat das Thema der Kinder- und Jugendbeteiligung in Deutschland befördert. Doch die normative Forderung "Auch Kinder haben Rechte!" ist nicht der einzige Begründungszusammenhang. In der öffentlichen Diskussion wird für eine Stärkung der Kinder- und Jugendbeteiligung mit weiteren Argumenten geworben:

  • Die Individualisierung von Lebensläufen, die Pluralisierung von Lebensformen und die Internationalisierung der Bevölkerung bedingen die Frage, wie die Vermittlung gesellschaftlicher Werte und der Aufbau sozialen Kapitals zukünftig gelingen kann. Partizipationsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche werden vor diesem Hintergrund pädagogisch begründet. Sie sind Handlungsansatz der Erziehung und der Wertevermittlung. In dieser Perspektive werden Partizipationsprojekte auch zum Hebel, um defizitäre gesellschaftliche Entwicklungen, wie beispielsweise Gewalt und Rechtsextremismus, zu bekämpfen.
  • Zunehmend in den Mittelpunkt rückt der demografische Begründungszusammenhang. Kinder werden als "Humanressource", als zukünftiges Kapital für die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft wahrgenommen. Der nachwachsenden Generation wird einerseits die Aufgabe zugeordnet, gesellschaftliche Innovationen anzustoßen, anderseits geht es um Fragen der Systemstabilisierung, etwa der Finanzierung der Sozialversicherungen. Funktional und nicht vom Kind als Subjekt ausgehend, wird die Notwendigkeit der Kinder- und Jugendpartizipation mit einem Kompetenzaufbau für künftige Aufgaben begründet. Das Argument, aus Zweck-Mittel-Überlegungen die Partizipationsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen zu stärken, zieht jedoch berechtigte Kritik auf sich.
  • Ebenfalls durch den demografischen Wandel hat der Aspekt der Generationengerechtigkeit an Gewicht gewonnen. Da die nachwachsende Generation erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte vor der Situation steht, dass sie mit weniger Ressourcen auskommen muss, anstatt von einem ungebremsten Wachstum profitieren zu können, stellt sich die Frage des Interessenausgleichs zwischen Alt und Jung neu. Die Forderung, Kinder und Jugendliche stärker zu beteiligen, wird angesichts des anstehenden Problemdrucks mit der Notwendigkeit begründet, der Tendenz demokratischer Systeme zu begegnen, Probleme in die Zukunft zu verschieben und ihre Lösung den nächsten Generationen zu überantworten.
  • Im Hinblick auf Planungsprozesse, beispielsweise in der Stadtentwicklung, hat sich in den vergangenen Jahren ein kommunikativer Ansatz durchgesetzt: Die Betroffenen werden von Anfang an einbezogen. Auf diese Weise sollen nicht nur Planungsfehler vermieden werden, sondern es wird auch darauf abgezielt, Umsetzungswiderstände zu minimieren. Dialogorientierte Verfahren sollen dazu beitragen, Städte lebenswerter zu machen - und diese im zunehmenden Standortwettbewerb auch als kinder- und familienfreundlich zu profilieren.
Eine Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an sie betreffenden Planungsprozessen entspricht den Qualitätsanforderungen dieses Planungsverständnisses. Sie werden als Experten für ihre eigenen Angelegenheiten angesprochen; ihnen wird die Möglichkeit gegeben, ihre Anliegen und Bedürfnisse einzubringen, da Planer diese nur in Teilen antizipieren können.

Die Partizipation junger Menschen hat in den vergangenen 20 Jahren somit in Wissenschaft und Praxis eine deutliche Aufwertung erfahren. Dabei sind nachhaltige Demokratieentwicklung, Schaffung individueller Bildungschancen, Qualifizierung von Planungsprozessen und soziale Integration gewichtige Argumente für die Beteiligung junger Menschen.

In Anbetracht dieser Zielsetzung ist mit Partizipation also mehr als nur die übliche deutsche Übersetzung des lateinischen Wortes "Teilhabe" gemeint. Denn Teilhabe bedeutet im umgangssprachlichen Gebrauch im Allgemeinen nicht mehr, als sich an irgendetwas zu beteiligen. Viele Erwachsene - in der Politik und in der Erziehung - verstehen unter Partizipation nur, dass man Kinder und Jugendliche zu Wort kommen lässt und ihnen Gehör schenkt.

Doch erst wenn Kinder und Jugendliche an Entscheidungen mitwirken, die sie betreffen, wenn sie in wichtigen Belangen mitbestimmen und auf diese Weise aktiv ihre Lebensbereiche mit gestalten, kann von Partizipation im eigentlichen Sinne gesprochen werden.[4] So verstanden, bedeutet Partizipation von Kindern und Jugendlichen - in Übereinstimmung mit dem ursprünglichen lateinischen Wortsinn (partem capere) -, einen Teil der Verfügungsgewalt über die eigene Lebensgestaltung von den Erwachsenen zu übernehmen.

Der Partizipation im öffentlichen Raum, das heißt im kommunalen Gemeinwesen, kommt eine besondere Bedeutung zu, weil der Wohnort und damit das unmittelbare Lebensumfeld biografisch der erste gesellschaftliche und politische Lernort ist. Hier entscheidet sich maßgeblich, welche Einstellungen junge Menschen zur Politik und deren Vertretern sowie zur Demokratie allgemein erwerben, ob Kinder und Jugendliche tatsächlich als Akteure ihrer eigenen Lebensgestaltung ernst genommen und in die Gestaltung des gesellschaftlichen und politischen Lebens einbezogen oder ob sie nur für politische Zwecke der Erwachsenen instrumentalisiert werden.


Fußnoten

1.
Vgl. Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags, "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements", Bürgerschaftliches Engagement: Auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft, Opladen 2002, S. 95ff.
2.
Vgl. Manfred G. Schmidt, Demokratietheorien, Opladen 2000.
3.
Vgl. Enquete-Kommission (Anm. 1), S. 76.
4.
Das ist auch der Sinn von Art. 12 der "Konvention über die Rechte des Kindes" der Vereinten Nationen: "Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife."