APUZ Dossier Bild
1|2|3|4 Auf einer Seite lesen

16.3.2006 | Von:
Holger Backhaus-Maul

Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen

Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen ist in Deutschland ein traditionsreiches Thema. Im Zuge der Globalisierung erfährt die gesellschaftliche Rolle von Unternehmen aber besondere Dynamik in Gestalt innovativer Verknüpfungen von wirtschaftlichem Handeln und gesellschaftspolitischem Engagement.

Einleitung

Alter Wein in neuen Schläuchen? Moderne oder, wie manche meinen, modische Themen werfen die Frage auf, was ist alt und was ist neu? Und wenn es neu ist, ergibt es Sinn und stiftet es Nutzen?

Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen ist in Deutschland kein neues, sondern ein ausgesprochen traditionsreiches Thema. Gutes zu tun war für viele religiös geprägte und gesellschaftspolitisch inspirierte Unternehmerpersönlichkeiten und deren bisweilen unterschätzte Ehefrauen jahrzehntelang eine gepflegte kulturelle Selbstverständlichkeit.

In Deutschland sind es vor allem kleinere und mittlere Unternehmen, und hier vor allem Handwerksbetriebe, die sich besonders engagieren.[1] Die inhaltliche Ausrichtung ihres Engagements ist zumeist diffus und basiert in der Regel auf persönlichen Kontakten vor Ort. Diese Unternehmen verhalten sich bisweilen wie Bürger, und manchmal gehen beide Rollen ineinander über und die Konturen verwischen. Dieses Engagement ist verlässlich, eine kulturelle Selbstverständlichkeit und "ein Stück gelebte soziale Marktwirtschaft".[2] Insofern ist es in hohem Maße löblich und nicht zu kritisieren, aber es hat zugleich auch seine Grenzen: Es ist - in einem umfassenden und politischen Sinn - kein gesellschaftliches Engagement.

Politische Leitorientierungen

Im Zuge der "nachholenden" Globalisierung von Deutungen und Interpretationen wirtschaftlichen Handelns in Deutschland erfährt die gesellschaftliche Rolle von Unternehmen besondere Aufmerksamkeit. Spätestens seit Anfang der achtziger Jahre wurde vor allem in den USA mit dem Begriff Corporate Citizenship über die Rolle von Unternehmen in der Gesellschaft diskutiert.[3] Unter den Bedingungen einer marktliberalen Gesellschaft werden Unternehmen als Corporate Citizens - als Unternehmens-Bürger - weitgehende gesellschaftspolitische Rechte eingeräumt und entsprechende Verantwortungen zugewiesen. In der Corporate Citizenship-Debatte geht es folglich um die Rolle von Unternehmen in der Gesellschaft bzw. die Umweltbezüge von Unternehmen und ausdrücklich nicht um eine gesellschaftspolitische Bewertung innerbetrieblicher Abläufe. Die Corporate Citizenship-Debatte geht der Frage nach, wie sich in Unternehmen das Verständnis und die Vorstellungen von Gesellschaft entwickeln und wie sie ihre gesellschaftliche Position und Rolle deuten. Das jeweilige Gesellschaftsbild von Unternehmen ist einerseits nationalstaatlich und -kulturell geprägt und verweist andererseits auf Erfahrungen mit globalen Wettbewerbsbedingungen und Aushandlungsprozessen.[4] In diesem Sinne ist die wissenschaftliche Corporate Citizenship-Debatte und -Forschung in Deutschland in erster Linie sozialwissenschaftlich, insbesondere soziologisch und politikwissenschaftlich, ausgerichtet.[5]

Im Unterschied dazu ist der Begriff Corporate Social Responsibility (CSR), der seit Ende der neunziger Jahre im Mittelpunkt der europäischen Debatte steht, weiter gefasst.[6] Mit diesem Begriff werden sowohl innerbetriebliche Prozesse und Entscheidungen als auch die Umweltbezüge von Unternehmen im Hinblick auf ihre gesellschaftlichen Auswirkungen thematisiert: Die Einhaltung von Menschenrechten sowie von arbeits- und sozialrechtlichen Regelungen, der schonende Umgang mit natürlichen Ressourcen und die Formulierung und Einhaltung ethischer Standards sind typische CSR-Themen. Besondere Aufmerksamkeit finden dabei wirtschaftliche Nutzenerwägungen, die Formulierung und Operationalisierung von CSR-Kriterien sowie deren Messung und Evaluation. In Deutschland ist die Corporate Social Responsibility-Debatte und -Forschung wirtschaftswissenschaftlich, insbesondere betriebswirtschaftlich, ausgerichtet.[7] In der CSR-Perspektive werden unternehmerische Entscheidungen und Prozesse im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Bedeutung und mögliche Auswirkungen diskutiert und bewertet. Damit eröffnet die CSR-Perspektive weitgehende Einblicke in innerbetriebliche Abläufe und ermöglicht deren gesellschaftspolitische Bewertung. Gleichwohl bleiben die zugrunde liegenden Vorstellungen von Gesellschaft in der CSR-Debatte merkwürdig konturenlos. Staat, Bürger und Nonprofit-Organisationen wirken darin wie Fremdkörper, denen allenfalls ordnungspolitisch definierte Positionen zugewiesen werden. Im Unterschied dazu dunkelt der Corporate-Citizenship-Begriff die Sphäre betrieblicher Prozesse und Entscheidungen ab und rückt die Rolle von Unternehmen in der Gesellschaft in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Im Kern geht es in beiden Debattensträngen, das heißt sowohl bei Corporate Citizenship als auch Corporate Social Responsibiliy, einerseits um eine strategische Verknüpfung von wirtschaftlichem Handeln und gesellschaftlichem Engagement und andererseits um zeitgemäße Instrumente und Formen gesellschaftlicher Verantwortungsübernahme durch Unternehmen, sei es etwa in Form von Geld- und Sachspenden oder als Mitarbeiterengagement.[8]

Beide Stränge der globalen Debatte über die gesellschaftliche Rolle von Unternehmen sind in Deutschland relativ spät und "zurückhaltend" rezipiert worden.[9] So wurde in den neunziger Jahren - im außerwissenschaftlichen Kontext - etwa argumentiert, dass es sich um ausländische, insbesondere US-amerikanische Erfahrungen handeln würde, die sich auf die spezifische deutsche Situation nicht übertragen ließen, oder dass mit vermeintlich "modischen" Begriffen, wie Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility, gesellschaftliche Phänomene beschrieben werden würden, die seit Jahrzehnten fester Bestandteil der traditionsreichen deutschen Unternehmenskultur seien.

Veränderte Rahmenbedingungen erfolgreichen wirtschaftlichen Handelns

Aber hierzulande erfährt seit einigen Jahren gepflegte "philanthropische" Tradition oder "bewährte Routine" gesellschaftlicher Verantwortungswahrnehmung von Unternehmen durch zwei grundlegende Veränderungen besondere Dynamik: erstens durch die Globalisierung des Wirtschaftens und zweitens durch den Wandel des nationalen Sozialstaates.

Globalisierung des Wirtschaftens

Die Globalisierung des Wirtschaftens forciert die gesellschaftliche Verantwortungsübernahme von Unternehmen als Teil der wirtschaftlichen Unternehmensstrategie. Gesellschaftliches Engagement ist für global tätige Unternehmen eine Strategie zur sozialen Verankerung an Betriebsstandorten und darüber hinaus in Gesellschaften, in denen man produziert und verkauft. So ist etwa für zahlreiche global tätige US-amerikanische Unternehmen gesellschaftliches Engagement ein integraler Bestandteil der Firmenstrategie. Und in Großbritannien - um ein weiteres Land mit strategisch ausgerichtetem Unternehmensengagement zu nennen - zeigt die gesellschaftliche Verantwortungsübernahme von Unternehmen als Teil der wirtschaftlichen Unternehmensstrategie eine andere Ausprägung. Die Unternehmen engagieren sich im Sinne eines Community Involvements gezielt an den Betriebsstandorten. Unternehmerisches Engagement bedeutet hier, kommunalpolitisch mitzugestalten und mitzuentscheiden.

In diesem Sinne werden Corporate Giving, das heißt Geld- und Sachspenden, und Corporate Volunteering, das heißt die Bereitstellung von Personalressourcen für Engagementprojekte, als ein Investment in Social Capital[10] verstanden: Das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen zielt in erster Linie darauf ab, Sozialkontakte und Netzwerke zu schaffen, also Sozialkapital zu bilden. In modernen Gesellschaften ist Sozialkapital das Nadelöhr bzw. ein knappes, wertvolles und ungleich verteiltes Gut.[11] Und dort, wo Sozialkapital vorhanden ist und gepflegt wird, ist die Einwerbung finanzieller Ressourcen erfahrungsgemäß eine vergleichsweise leicht zu bewältigende Herausforderung.

Vor dem Hintergrund einer forcierten Globalisierung des Wirtschaftens bleibt - insbesondere für die deutsche Diskussion - festzuhalten, dass gesellschaftliches Engagement von Unternehmen nach wie vor auf freiwilliger Initiative basiert. Engagierte Unternehmen verstehen sich folglich nicht als Ausfallbürgen des Staates. Gesellschaftliches Engagement wird vielmehr als gesellschaftspolitische Partizipation und Einmischung aufgefasst, wobei dieses Engagement nicht als Ausdruck einer diffusen Gemeinwohlorientierung oder als schmückendes Beiwerk philanthropischen Unternehmerhandelns, sondern als ein integraler Bestandteil der wirtschaftlich begründeten Unternehmensstrategie zu verstehen ist.

Wandel des nationalen Sozialstaates

In Deutschland ist ein vielfach hinausgezögerter Wandel der Staatlichkeit zu beobachten und zu erleben. Manche meinen, es würde sich um den Rückzug des Staates handeln. Da sozialstaatliche Veränderungen institutionellen Entwicklungspfaden folgen und nicht eine Abfolge abrupter Systemwechsel sind, ist es angemessener, von einer Veränderung des Staates zu sprechen. Gleichzeitig sind aber auch Wandlungen im Selbstverständnis und im Handeln von Unternehmen, Bürgern und gemeinnützigen Organisationen festzustellen. Im gesellschaftlichen Gefüge kommt es zu einer Neuverteilung von Rechten und Verantwortung zwischen Staat, Bürgern, gemeinnützigen Organisationen und nicht zuletzt Unternehmen.

Ein konventionell denkendes Unternehmen würde unter Verweis auf das deutsche Sozialstaatsmodell verkünden, wir zahlen Beiträge und Steuern und bilden aus, damit ist der sozialen Verantwortung Genüge getan. Diese Argumentationsfigur wird zum Auslaufmodell. Es ist zu erwarten, dass Unternehmen künftig weniger Steuern zahlen werden und auch bei den Beiträgen zu den Sozialversicherungen mit weiteren Entlastungen rechnen können. Diese finanziellen Entlastungen wiederum lassen einen weiteren Bedeutungsverlust des Staates erwarten. Im Zuge dessen werden die politischen und gesellschaftlichen Anforderungen an Unternehmen - unter gleichzeitig verschärften globalen Wettbewerbsbedingungen - öffentlich vernehmbar steigen.

Gesellschaftspolitisch geht es im Wesentlichen um nichts Geringeres als einen neuen Welfare Mix, dass heißt eine neue Rollenverteilung zwischen Staat, Bürgern, Nonprofit-Organisationen und Unternehmen. Diese wurde in Deutschland früher mit einem so sperrigen Begriff wie Subsidiarität umschrieben und war etwa konstitutiv für genossenschaftliche Unternehmen.[12] Äußerst bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sich in Deutschland Regierungen und Parteien mit Regulierungsüberlegungen in Fragen des gesellschaftlichen Engagements von Unternehmen bisher weitgehend zurückgehalten haben. So können gesellschaftlich engagierte Unternehmen nach wie vor mit einem beachtlich breiten politischen Wohlwollen rechnen, das allenfalls saisonal bedingt von "Warnhinweisen vor Insektenplagen" überlagert wird.

Angesichts dieser günstigen politischen Bedingungen eröffnen sich für Unternehmen weitreichende Gestaltungsspielräume bis hinein in Kernbereiche hoheitlichen Handelns. So verdeutlicht das seit Jahren zunehmende Engagement von Unternehmen und Unternehmensberatungen an deutschen Schulen die Chancen und auch Risiken einer engagementpolitischen Mitgestaltung und -entscheidung von Unternehmen im Kernbereich der Kulturhoheit der Länder. Unternehmen übernehmen vielerorts - vor dem Hintergrund gravierender Ressourcenmängel - eine Führungsrolle bei der Unterrichts- und Lehrplangestaltung in Fragen des Wirtschaftens. Damit können einerseits wichtige Lücken im Lehrangebot geschlossen werden, andererseits kann es aber auch zu einer einseitigen Einflussnahme auf Lehrinhalte und schulische Abläufe, einer Begünstigung bereits privilegierter Schulen und auch zu einer Zweckentfremdung von Unterricht zur Nachwuchsrekrutierung kommen. Bereits an diesem einen Beispiel wird deutlich, dass für Unternehmen neuartige und weitreichende gesellschaftspolitische Mitentscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten entstehen, die staatlich kaum noch zu steuern und nur bedingt zu regulieren sind, gleichzeitig aber - im Sinne der Idee einer Bürgergesellschaft - auch nicht öffentlich diskutiert zu werden scheinen.

Und Deutschland heute?

Was lässt sich in Deutschland vor dem Hintergrund einer konventionellen Engagementtradition in Zeiten globalen Wirtschaftens und sozialstaatlichen Wandels auf Unternehmensseite allgemein beobachten?

Auf neue Herausforderungen im Bereich des Engagements von Unternehmen wird in Deutschland zumeist reflexartig reagiert:

Erstens: Das jeweilige Unternehmen - so wurde etwa verkündet - sei schon seit eh und je engagiert. Begriffe wie Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility seien schlicht "alter Wein in neuen Schläuchen".

Zweitens: Zuweilen wurde behauptet, dass gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen bedeute, Ausbildungs- und Erwerbsarbeitsplätze zu schaffen sowie Steuern- und Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen.

Drittens: Oder es wurde leicht apodiktisch festgestellt, dass das jeweilige Unternehmen allein wirtschaftliche Zwecke verfolge und gesellschaftliches Engagement daher nicht seine Aufgabe sei.

Und die deutsche Öffentlichkeit? Sie kultiviert seit Jahrzehnten mehrheitlich ein eindimensionales Unternehmensbild: Unternehmen erzeugen soziale, kulturelle und ökologische Missstände und verursachen Lasten; rücksichtsloser Arbeitsplatzabbau, ausbeuterische Kinderarbeit und Risiken für das Weltklima sind einige der Stichworte.[13] Sie beschreiben Ausschnitte aus der Wirklichkeit, aber langfristige und relativ unspektakuläre Entwicklungen einer sukzessiven gesellschaftlichen Verantwortungsübernahme von Unternehmen geraten leicht aus dem Blick, zumal sie nicht in Form von Skandalen medientauglich kommuniziert werden können. Und wenn öffentlich über eine gesellschaftliche Verantwortungsübernahme von Unternehmen berichtet wird, dann geschieht dieses zumeist anhand zufällig ausgewählter Best-Practice-Beispiele, die in zahlreichen Preisverleihungen belobigt werden, aber letztlich keinen tieferen gesellschaftspolitischen Sinn und Zusammenhang erkennen lassen.

In den aktuellen Diskussionen über Corporate Citizenship, Corporate Social Responsibility und gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen lassen sich grundlegende gesellschaftspolitische Veränderungen ausmachen (wissenschaftliche Untersuchungen hierzu gibt es in Deutschland nicht), denen zufolge Unternehmen sich auf der Suche nach einer neuen gesellschaftlichen Rolle im Spannungsfeld zwischen staatlicher und supranationaler Standardisierung einerseits und marktwirtschaftlicher Selbstregulierung andererseits befinden. In fast allen Branchen praktizieren Einzelunternehmen die ihnen verstärkt zufallende neue gesellschaftliche Verantwortung. Diese "Pioniere" engagieren sich freiwillig, sind gesellschaftspolitisch ambitioniert und verknüpfen ihr Engagement mit wirtschaftlichen Unternehmenszielen.

Engagierte Unternehmen in der Bürgergesellschaft

Der Begriff der Zivilgesellschaft bzw. seine deutsche Übersetzung der Bürgergesellschaft wird landläufig als ehrenamtliches, freiwilliges und bürgerschaftliches Engagement von Privatpersonen umschrieben. In diesem Zusammenhang wird seit der Arbeit der Bundestagsenquetekommission zur Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements auch das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen in seinen sozialen, kulturellen und sonstigen Umweltbezügen diskutiert.[14] Geld- und Sachspenden sowie tätiges Engagement von Unternehmensmitarbeitern sind Ausdruck dieses unternehmerischen Selbstverständnisses als Corporate Citizen: "Corporate Citizenship ist das gesamte über die eigentliche Geschäftstätigkeit hinausgehende Engagement des Unternehmens zur Lösung gesellschaftlicher Probleme. Es ist der Versuch, ein Unternehmen auf möglichst vielfältige Weise positiv mit dem Gemeinwesen zu verknüpfen, in dem es tätig ist. Das Unternehmen soll sich wie ein guter Bürger für die Gemeinschaft engagieren, es soll ein good Corporate Citizen sein."[15] Das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen ist mit ihren wirtschaftlichen Zielen verknüpft und in die Unternehmensstrategie integriert. Unternehmen, die sich bürgerschaftlich engagieren, verstehen Corporate Citizenship als Investitionen in die Zukunft, die geeignet sind, das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft zu verbessern und auch soziale Spannungen abzubauen.[16]

Eine so verstandene unternehmerische Corporate Citizenship-Strategie richtet sich vor allem an Mitarbeiter und deren Angehörige, Pensionäre, Zulieferer und sonstige Auftragnehmer, Tochterunternehmen sowie an Verwaltungen und Bürger an den Betriebsstandorten, an Kunden, die Medien und die allgemeine Öffentlichkeit.[17] Des Weiteren kooperieren Unternehmen mit externen Partnern wie Bildungs-, Sozial- und Kultureinrichtungen, Bürgerinitiativen, Verbänden und mit der Politik, um "konkrete Probleme ihres gesellschaftlichen Umfeldes zu lösen, hier also eine Art Pfadfinderfunktion auszuüben. Corporate Citizens bringen dabei nicht nur Geld, sondern auch Mitarbeiterengagement, fachliches Know-how, Organisationstalent, Informationen in diese Kooperation ein."[18]

Die Vielfalt der unternehmerischen Möglichkeiten, auf das gesellschaftliche Umfeld gestaltend Einfluss zu nehmen, aber auch die hohen Erwartungen seitens der Öffentlichkeit, erfordern von Unternehmen bei der Planung und der Durchführung von Corporate Citizenship-Aktivitäten neuartige Kompetenzen und Kooperationsfähigkeiten und nicht zuletzt Sensibilität "im Umgang mit dem Fremden".

In Deutschland hingegen ist die Corporate Citizenship-Praxis vielmehr von Zufälligkeiten, Spontaneität und auch Semiprofessionalität gekennzeichnet: "Das Bild eines ungeordneten Sammelsuriums von Abteilungen, Zielgruppen, Themen, Förderarten zeichnet die Realität in vielen Unternehmen. Wo etwa das Konzept eines Corporate Citizenship Berichtes mit der Praktikantin wechselt, die ihn zusammengeschrieben hat, da sind noch nicht alle Potenziale einer professionellen Behandlung des Themas wirklich ausgeschöpft."[19] Diese bisweilen unübersichtliche Gemengelage ist durchaus auch positiv zu bewerten, wenn man in Rechnung stellt, dass es sich um nichts Geringeres als Suchbewegungen von Unternehmen in der Bürgergesellschaft handelt.

Bürger als Stakeholder

Eine Vielzahl deutscher Unternehmen bewegt sich im Qualitätssegment und würde kaum wirtschaftliche Erfolgsaussichten haben, wenn sie auf billige Produkte setzen würde. Unternehmer, die nur auf den Faktor Kosten schauen, verdienen Artenschutz, sind vom Aussterben bedroht. "Kluges" Führungspersonal hat auch andere Faktoren im Blick. Bei Qualitätsprodukten sind Unternehmen rasch und selbstverständlich mit "kritischen" Fragen konfrontiert, die sich auf das Produkt und seinen Produktionsprozess richten. Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei die Anforderungen anspruchsvoller Konsumenten.[20] Sie fragen, woher das Produkt kommt, welche Qualität und welchen Preis es hat. Als Stakeholder fungieren aber auch gesellschaftliche Gruppen wie etwa Bürgerinitiativen und Interessenverbände, deren Forderungen nicht auf den wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb des Unternehmens beschränkt sind. Diese Stakeholder haben in einem weiten Sinne politische Ansprüche an das Unternehmen.[21] "Die Unternehmung wird nicht mehr als private Veranstaltung, sondern als öffentlich exponierte Organisation verstanden."[22]

Nimmt ein Unternehmen seine gesellschaftliche Verantwortung nicht oder nur rhetorisch wahr oder verweigert sich sogar dem Diskurs mit Stakeholdern, so ist mit einem Imageverlust und Umsatzeinbußen zu rechnen, wie etwa am Beispiel der inkriminierten Arbeitsbedingungen bei Nike[23] oder der angekündigten Versenkung der Bohrinsel "Brent Spar" des Shell-Konzerns deutlich wurde.[24]

Für anspruchsvolle Konsumenten, Bürgergruppen und Nonprofit-Organisationen sind Unternehmen, die sich als Corporate Citizen verstehen und Corporate Social Responsibility für sich reklamieren, zweifelsohne Adressaten erster Wahl. Aber die verschiedenen Stakeholdergruppen werden von Unternehmen in Deutschland immer noch selten als gleichberechtigtes Gegenüber wahrgenommen. Vielmehr dominieren in Deutschland anstelle der viel beschworenen Partnerschaftsrituale und Stakeholderdialoge zumeist immer noch Unternehmensmonologe die Praxis des Corporate Citizenship und der Corporate Social Responsibility.

Es wäre also eine "kluge" Unternehmensstrategie, mit den einzelnen Stakeholdergruppen in Dialog zu treten.[25] Selbstverständlich werden Unternehmen erst einmal Bedenken gegenüber kritischen Fragen und überschwänglichen Erwartungen auf Seiten von Stakeholdergruppen haben. Aber Stakeholderdialoge verfügen über ein hohes Innovationspotenzial, wenn - um ein Beispiel zu nennen - ein Autohersteller den Kontakt mit Umweltinitiativen aufnimmt. Derartige Dialoge können sich positiv auf die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens auswirken, etwa wenn es um Energieeffizienz, Schadstoffausstoß und Mobilität geht.

In den vergangenen Jahren haben Kostensenkungen und Effektivitätssteigerungen in vielen Branchen in Deutschland einen erheblichen Preiswettbewerb ausgelöst. In den Branchen und Unternehmen, in denen sich an der "Preisschraube" - jenseits einer Produktionsverlagerung - "nicht mehr viel drehen lässt", ist es erforderlich, sich auf andere Art und Weise von Mitwettbewerbern zu unterscheiden, das heißt vorrangig durch die Qualität des Produktes, die Art und Weise des Produktionsprozesses und die gesellschaftspolitische Rolle des Unternehmens. Als Corporate Citizens verfügen Unternehmen über ein breites Repertoire an Strategien, um Endverbrauchern und anderen Stakeholdern markante Unterschiede deutlich zu machen.[26] Hier liegt eine Chance, die mittelfristig vielversprechender ist als der lauthals propagierte Geiz der anderen.

1|2|3|4 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen, Gütersloh 2005; Frank Maaß, Corporate Citizenship als partnerschaftliche Maßnahme von Unternehmen und Institutionen, in: Institut für Mittelstandsforschung (Hrsg.), Jahrbuch zur Mittelstandsforschung, Bonn 2005.
2.
Vgl. Forsa/Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen, "Corporate Social Responsibility" in Deutschland, Berlin 2005.
3.
Vgl. Holger Backhaus-Maul, Corporate Citizenship - liberale Gesellschaftspolitik als Unternehmensstrategie in den USA, in: Frank Adloff/Ursula Birsl/Philipp Schwertmann (Hrsg.), Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Theoretische und empirische Perspektiven. Jahrbuch für Europa- und Nordamerika-Studien, Wiesbaden 2005.
4.
Vgl. André Habisch/Jan Jonker/Martina Wegner/René Schmidtpeter (eds.), Corporate Social Responsibility across Europe, Berlin - Heidelberg - New York 2005.
5.
Vgl. Judith Polterauer, Corporate Citizenship: Systemfunktionalistische Perspektiven, in: F. Adloff u. a. (Anm.3); Frank Heuberger/Maria Oppen/Sabine Reimer, Der deutsche Weg zum bürgerschaftlichen Engagement von Unternehmen, Bonn 2004; Gerd Mutz/Susanne Korfmacher, Sozialwissenschaftliche Dimensionen von Corporate Citizenship in Deutschland, in: Holger Backhaus-Maul/Hasso Brühl (Hrsg.), Bürgergesellschaft und Wirtschaft - zur neuen Rolle von Unternehmen, Berlin 2003.
6.
Vgl. Europäische Kommission/Generaldirektion Beschäftigung und Soziales, Europäische Rahmenbedingungen für die soziale Verantwortung der Unternehmen. Grünbuch, Brüssel 2001.
7.
Vgl. Franz Liebl, Wie verkauft man mit "Gemeinwohl", in: Herfried Münkler/Karsten Fischer (Hrsg.), Gemeinwohl und Gemeinsinn, Rhetoriken und Perspektiven sozial-moralischer Orientierung, Berlin 2002; Henry Schäfer/Axel Hauser-Ditz/Elisabeth C. Preller, Transparenzstudie zur Beschreibung ausgewählter international verbreiteter Rating-Systeme zur Erfassung von Corporate Social Responsibility, Gütersloh 2004; Bernhard Seitz, Corporate Citizenship: Zwischen Idee und Geschäft, in: Josef Wieland/Walter Conradi (Hrsg.), Corporate Citizenship. Gesellschaftliches Engagement - unternehmerischer Nutzen, Marburg 2002.
8.
Vgl. Bradley Googins, The Journey towards Corporate Citizenship in the United States, in: Journal for Corporate Citizenship, 5 (2002) 1, S. 85 - 101; Susanne Lang/Frank Solms Nebelung, Geschäftsstrategie Verantwortung. Corporate Citizenship als Business Case, Bonn 2004.
9.
Vgl. die Beiträge in H. Backhaus-Maul/H. Brühl (Anm.5); Reinhard Lang, Das bürgerschaftliche Engagement von Unternehmen in Deutschland - eine Bestandsaufnahme, in: Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements" (Hrsg.), Bürgerschaftliches Engagement und Erwerbsarbeit, Opladen 2002.
10.
Vgl. Robert D. Putnam, Making Democracy Work. Civic Traditions in Modern Italy, Princeton 1993.
11.
Vgl. Claus Offe/Susanne Fuchs, Schwund des Sozialkapitals? Der Fall Deutschland, in: Robert D. Putnam (Hrsg.), Gesellschaft und Gemeinsinn. Sozialkapital im internationalen Vergleich, Gütersloh 2001; Sebastian Braun, Soziales Kapital, sozialer Zusammenhalt und soziale Ungleichheit, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ), (2002) 29 - 30, S. 6 - 12.
12.
In diesem Zusammenhang sei nur auf die Volksbanken und Raiffeisenbanken, die EDEKA als größtem Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen in Deutschland und die zahlreichen lokalen Wohnungsbaugenossenschaften verwiesen; vgl. Stefan Nährlich, Bürgerstiftungen als Ausdruck modernen Corporate Citizenships, in: ders. u.a. (Hrsg.), EDEKA Juniorengruppe (Hrsg.), 75 Jahre EDEKA Juniorengruppe e.V., Hamburg 2005. Bürgerstiftungen in Deutschland, Wiesbaden 2005; Genossenschaftsforum (Hrsg.), Bürgerschaftliches Engagement als genossenschaftliche Ressource, Berlin 2003.
13.
Vgl. Bundesverband Verbraucherinitiative (Hrsg.), Verantwortlich Produzieren und Konsumieren - Memorandum zur Transparenz der Unternehmensverantwortung, Berlin 2005.
14.
Vgl. Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements", Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft. Bericht, Berlin 2002.
15.
Achim Westebbe/David Logan, Corporate Citizenship. Unternehmen im gesellschaftlichen Dialog, Wiesbaden 1995, S. 13.
16.
Vgl. Aktive Bürgerschaft (Hrsg.), Corporate Citizenship, in: www.aktive-buergerschaft.de/vab/arbeitsbereiche/corporatecitizenship (10.8. 2005).
17.
Vgl. A. Westebbe (Anm. 15), S. 18ff.
18.
Vgl. André Habisch, Corporate Citizenship. Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen in Deutschland, Berlin 2003, S. 1.
19.
Ebd.
20.
Vgl. die Beiträge in Heft 4 (2005) des Forschungsjournals Neue Soziale Bewegungen.
21.
Volker Heins, Mächtige Zwerge, umstrittene Riesen - NGOs als Partner und Gegenspieler transnationaler Unternehmen und internationaler Organisationen, in:www.aktive-buergerschaft.de/vab/informationen/schriftenreihe (18.8. 2005), S. 2.
22.
Matthias Karmasin, Stakeholderorientierung als Kontext zur Ethik von Medienunternehmen, in: Rüdiger Funiok/Udo F. Schmälzle/Christoph H. Werth (Hrsg.), Medienethik - die Frage der Verantwortung, Bonn 1999, S. 187.
23.
Vgl. Jonah Peretti/Michele Micheletti, The Nike Sweatshop Email: Political Consumerism, Internet, and Culture Jamming, in: Michele Micheletti/Andreas Follesdal/Dietlind Stolle (Hrsg.), Politics, Products, and Markets. Exploring Political Consumerism, New Brunswick-London 2004.
24.
Vgl. Kaevan Gazdar/Klaus Rainer Kirchhoff, Unternehmerische Wohltaten - Last oder Lust: Vom Stakeholder Value, Corporate Citizenship und Sustainable Development bis Sponsoring, Neuwied 2004.
25.
Vgl. Frank Ebinger, NGO's im Kontext von Unternehmensverantwortung. Der Dialog von Unternehmen mit seinen Stakeholdern, in: Ökologisches Wirtschaften, 19 (2005) 3, S. 43 - 45; Brigitte Rudolph, Neue Kooperationsbeziehungen zwischen dem Dritten und dem Ersten Sektor, in: Karl Birkhölzer/Ernst Kistler/Gerd Mutz (Hrsg.), Der Dritte Sektor. Partner für Wirtschaft und Arbeitsmarkt, Opladen 2004.
26.
Vgl. Jörn Lamla, Kontexte der Politisierung des Konsums. Die Zivilgesellschaft in der gegenwärtigen Krisenkonstellation von Politik, Ökonomie und Kultur, in: F. Adloff u. a. (Anm.3).