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10.3.2006 | Von:
Eva-Maria Auch

Mythos Kaukasus

Die gegenseitige, vorurteilsbehaftete Wahrnehmung von Russen und Kaukasiern ist noch heute von der Eroberung Kaukasiens und der nationale Identitätsbildung der Russen bestimmt.

Einleitung

Die gegenseitige Wahrnehmung von Russen und Kaukasiern beschreiben zu wollen bedeutet, ein schier unendliches Themenfeld zu betreten. Und es ist ein sehr riskantes Unterfangen. Ausdrücklich soll es nachfolgend nicht darum gehen, als unbeteiligte Dritte Mythen und Zerrbilder, die es sowohl unter "den" Kaukasiern in Bezug auf "die" Russen als auch umgekehrt gibt, nach ihrem Wahrheitsgehalt zu untersuchen oder gar zu werten. Anliegen dieses Beitrags ist es, in der russischen Öffentlichkeit existierende Erkennungscodes in Bezug auf Kaukasien und Kaukasier aufzuzeigen und anhand von Beispielen in ihren historischen Kontext einzuordnen.






Dies scheint - trotz methodologischer Bedenken[1] - aus mehreren Gründen sinnvoll: erstens, weil die Eroberung Kaukasiens und die nationale Identitätsbildung der Russen zeitlich und inhaltlich in engem Zusammenhang stehen, denn die nationale Eigenwahrnehmung[2] der Russen erfolgte in Abgrenzung von "ihren Wilden", "ihren Orientalen/Asiaten" - den Kaukasiern. Zweitens lebt die zu beobachtende Tendenz eines wachsenden Nationalismus in der Russländischen Föderation zu einem erheblichen Teil von der Abgrenzung gegenüber "den Kaukasiern", aber zugleich vom Mythos Kaukasus in der russischen Militärgeschichte und vor allem in der klassischen russischen Literatur. Und nicht zuletzt ergibt sich die Aktualität der Fragestellung aus einer Mediensprache und aus der russischen Tagespolitik, die gerade in Bezug auf das russisch-kaukasische Verhältnis an traditionelle Vorurteile anknüpft.

Ausgespart werden muss eine Analyse des Diskurses über Vorurteile und die Instrumentalisierung von Stereotypen, der im Unterschied zu einem russisch-kaukasischen Dialog unter russischen Wissenschaftlern, Politikern und Publizisten durchaus geführt wird.[3] Ein solcher Dialog zwischen den Kulturen setzt eine "Kultur des Dialogs" voraus, die nach wie vor unterentwickelt erscheint. Während es in den neunziger Jahren eine Vielzahl von Forschungen, wissenschaftlichen Tagungen und NGO-Aktivitäten zu Problemen der russisch-kaukasischen Beziehungen im Sinne einer Verständigung gab, ist derzeit eher eine Tendenz der Verhärtung zu beobachten, die Argumente aus der Mentalitätsgeschichte zur Befürwortung eines schärferen Vorgehens der russischen Regierung in Kaukasien nutzt. Aber auch die Schließung von Fernsehanstalten, Zeitungen, Sendern, die Verfolgung oder Diskreditierung von unabhängigen Journalisten, Kontrollen der Tätigkeit von NGOs im Zusammenhang mit deren Bemühungen um ein realistischeres Bild von und über Tschetschenien und den Kaukasus weisen darauf hin, dass man heute von einem Dialog noch weiter entfernt ist als vielleicht Ende der neunziger Jahre. Nicht zuletzt muss auch die Perspektive des Westens unberücksichtigt bleiben. Auch hier gibt es tradierte Meinungen über Russen in Kaukasien und Kaukasier in Russland bzw. das kaukasisch-russische Verhältnis, die nicht frei sind von Klischees und Politisierungen, einseitigen Parteinahmen oder Ignoranz, was in der deutschen Presse bereits zu Kontroversen führte[4] und von russischen Medien lebhaft aufgegriffen wird.[5]


Fußnoten

1.
Es gilt als Allgemeinplatz, dass Vorurteile zum täglichen Leben gehören. "Bilder von Anderen" sind Bestandteil der Sozialisation eines jeden Menschen oder von Menschengruppen, sie sind zwangsläufig in der Geschichte wandelbar und je nach sozialen Gruppen verschieden. Diese differenzierte Sicht kann hier nicht vorgestellt werden.
2.
Vgl. zur Problematik der Entstehung nationaler Vorurteile: Winfried Schulze, Die Entstehung des nationalen Vorurteils. Zur Kultur der Wahrnehmung fremder Nationen in der europäischen Frühen Neuzeit, in: GWU, 46 (1995), S. 642 - 665; Valeria Heuberger/Arnold Suppan/Elisabeth Vyslonzil (Hrsg.), Das Bild vom Anderen, Frankfurt/M. 1998.
3.
Vgl. V.K. Mal'kova (Hrsg.), Diagnostika tolerantnosti v sredstvach massovoj informacii, Moskva 2002; Tatjana Novikova, Recevaja agressija v zurnalistskich tekstach kak otrazenie intolerantnosti, in: REGA, 3 (2006), S. 125.
4.
Vgl. Thomas Immanuel Steinberg, Warum Tschetschenien? Der Terrorakt in Beslan und die Destabilisierung der Region, in: Junge Welt vom 25.9. 2004; Kai Ehlers, Feindbild Russland, in: Freitag, Nr. 42 vom 8.10. 2004.
5.
Vgl. Vladimir Degoev, Ctob ne propast' poodinoke. Kavkaz i Bol'saja Evropa: realii protiv soblaznov, in: Druzba narodov, 3 (2005): http://magazines.russ.ru/druzhba/2005/3/de10-pr.html; V. P. Ulanov, Severnyj Kavkaz v russkom etnièeskom soznanii, in: www. rustrana.ru/article.php (25.1.2005); Gurija Murklinskaja, Kavkazskij geopoliticeskij uzel i sud'by rossijskoj civilizacii, in: www.riadagestan.ru (26.6. 2005).

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