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10.3.2006 | Von:
Eva-Maria Auch

Mythos Kaukasus

Der Kaukasier als "homo sovieticus"

Obwohl dank der russischen Klassik (sie blieb während der gesamten Sowjetzeit Schulstoff) die romantischen Kaukasus-Klischees nie ganz ausstarben, verschwanden sie doch mit der Vernichtung des kulturellen und sozialen Milieus, in welchem sie einstmals entstanden waren. Es erfolgte eine Reduzierung auf das literarische Phänomen. Gleichzeitig konnten bestimmte Eigenschaften umgedeutet (Freiheitswille = Widerstand, nicht gegen die russische Fremdherrschaft, sondern gegen das Zarenregime) und für die Schaffung neuer Strukturen genutzt werden. Zunächst gelang jedoch eine Entschärfung der Feindbilder. Die bis dahin vorwiegend russischen Verwaltungsbeamten wurden im Zuge der Lenin'schen Nationalitätenpolitik, der "Einwurzelung" (korenizacija), durch Einheimische ersetzt. An den Schulen lehrte man die lokalen Sprachen, von denen viele nun erstmals auch schriftlich kodifiziert wurden. Die Entscheidung für das ethnonationale Prinzip des sowjetischen Staatsaufbaus räumte den Titularnationen bestimmte Rechte in "ihrem Territorium" ein und definierte Privilegien entlang sozialer und politischer Kriterien. Vor der sozialen Definition als "Werktätiger" oder Bolschewik traten primordiale (verwandtschaftliche, dorf- oder stadtgemeinschaftliche) Bindungen zurück. Der "kaukasische Räuber" verwandelte sich in einen Vorzeigetyp für die Freundschaft der Völker inder Sowjetunion. Alphabetisierungsprogramme, Entschleierungs- und Atheismuskampagnen machten mit Hilfe des "russischen Bruders" aus unterdrückten Kaukasiern "aufgeklärte Sowjetbürger".

Gegen Ende der zwanziger Jahre griffen die sowjetischen Behörden jedoch immer brutaler in die Lebensverhältnisse der kleinen Völker ein. Lokale Rechts- und Verwaltungsorgane, autonome Dorfgerichte und islamische Bildungs- und Rechtsinstitutionen wurden beschnitten und schließlich liquidiert. Nach 1928 begann die Kollektivierung der Landwirtschaft, die im Nordkaukasus mit Zwangsumsiedlungen von Gebirgs- in Talregionen begleitet war. Die Antwort war eine Serie von Aufständen unter der Losung "Ghazavat", die in sowjetischen Quellen als "reaktionäres Banditentum" abgestempelt wurden. Islam wurde mit Fanatismus, Widerstand mit Verrat und Zusammenarbeit mit dem ausländischen Klassenfeind gleichgesetzt. Der noch vor Jahren gefeierte "kaukasische Rebell gegen die Zarenarmee" wurde fortan zum "unzuverlässigen Element", zum "Verräter am Sowjetvolk", den es auszumerzen galt. Während im Zuge der Stalin'schen "Säuberungen" auch Antipathien auf ethnischer Grundlage eine Rolle gespielt haben mögen, erreichte die Tabuisierung von kaukasischen Negativ-Stereotypen mit dem Ausbau der Macht Stalins einen Höhepunkt. Waren in den zwanziger Jahren Kaukasus-Klischees durchaus noch Stoff für Satire, Witze oder Komödien, konnte das nun als Verhöhnung der Staatsgewalt aufgefasst werden. Dafür entstanden durch Politiker kaukasischer Herkunft (neben Stalin z.B. Ordschonikidse, Beria, Mikojan) auf der Basis von Stereotypen der Klassik neue Bilder: Stalin, der Stählerne; Kreml = Kaukasus als uneinnehmbare Hochburg/Festung. Tatsächliche (oder propagierte) Eigenschaften wurden als typisch kaukasisch interpretiert: Stalin als Patron (Gastgeber und Hausherr, "Landesvater") mit unbestechlichem Gerechtigkeitsgefühl und Scharfsinn, Bedachtsamkeit, aber auch Heißblütigkeit, der unberechenbare und mit eiserner Hand durchgreifende Held und Kriegsherr. Selbst der Personenkult erinnerte an den "einsamen Kaukasier" an der Spitze des Staates, an den "Ehrenmann, der sich aufopfert".

Trotz Völkerfreundschaft und Solidarität, erheblichen ethno-demografischen Veränderungen im Zuge der Industrialisierung Kaukasiens, die den Anteil slawischer Volksgruppen vor allem in den Städten deutlich ansteigen ließ, blieben die Vorurteile virulent und wurden durch die Machtkonzentration und Gewalt in den Händen des kaukasischen Gespanns Stalin/Beria noch verstärkt. Der Zweite Weltkrieg änderte an diesem zwiespältigen russisch-kaukasischen Verhältnis kaum etwas. Der Kampf ums Überleben verdrängte zunächst nationale Antipathien. Kaukasier erwiesen sich als besonders wagemutige Kämpfer in den Reihen der Roten Armee und bekräftigten somit Züge des früheren "kaukasischen Ritters". Andere erhofften dagegen in nationalen Verbänden der deutschen Wehrmacht eine Befreiung ihrer Heimat und entsprachen so dem Stereotyp des Verräters.

In Tschetschenien hatten sich die Unruhen bis in die Zeit des "Großen Vaterländischen Krieges" fortgesetzt. Seit Januar 1940 formierte sich hier erneut bewaffneter Widerstand. In einem regelrechten Rachefeldzug wurden nach den Deutschen 1941 (1,2 Millionen, darunter rund 50 000 Kaukasusdeutsche) in den Jahren 1943/44 mehrere kaukasische Völkerschaften deportiert: die Karatschaier vom November 1943 bis Februar 1944 (rund 70 000 Deportierte), im Februar 1944 Tschetschenen und Inguschen (310 000 bzw. 81 000), im März 1944 Balkaren (rund 37 000) und im Mai 1944 die Krimtataren (mehr als 200 000) und Volksgruppen aus dem Südkaukasus. Als Vorwand diente zumeist die Beschuldigung, die Volksgruppen stünden mit dem Kriegsgegner in Kontakt. Die deutschen Truppen hatten die betreffenden Gebiete aber in einigen Fällen (z.B. Tschetschenien) gar nicht erreicht. Die Deportierten wurden in Viehwaggons mit den Aufschriften "Banditen" und "Volksfeinde" nach Zentralasien und Sibirien transportiert, und dieser Akt genozider Gewalt ging mit dem Verbot jeder weiteren Erwähnung der deportierten Völker und einer Umdeutung ihrer und eines Teils der russischen Geschichte einher: Aus dem "Ghazavat" des 19. Jahrhunderts als antikolonialer Widerstand wurde ein Aufstand feudaler, reaktionärer Kräfte, aus dem Volkshelden Schamil ein fanatischer Mullah. In den Augen der ausgebluteten Völker im europäischen Teil der Sowjetunion setzte sich das Bild der "kaukasischen Verräter und Kollaborateure" fest, denn die Propaganda verwies nicht umsonst auf die geopolitische Lage und die deutschen Interessen an den Naturressourcen Kaukasiens.

Während die tribal organisierten Tschetschenen und Inguschen in der Deportation eine Art "nationale Geburt" erlebten und sich nach dem Tode Stalins auf den Rückweg in ihre Heimat machten, wurden sie für einen Teil der russischen Intelligenzija zum Symbol für unbeugsamen Widerstand. Solschenizyn beschrieb die Tschetschenen als Nation, die sich in der Deportation am konsequentesten weigerte, "die Psychologie der Unterwerfung zu akzeptieren". Als nach ihrer Rehabilitation 1957 die vormaligen Gebietskörperschaften wieder eingerichtet wurden, kam es nicht nur zu ersten Auseinandersetzungen um ausgetauschte und beschnittene Territorien; viel entscheidender war, dass die Rückkehrer auf jene stießen, die inzwischen dort angesiedelt worden waren.

Auch in Zentralrussland kam es in der Tauwetterperiode nach 1956 zu einer Enttabuisierung russischer Feindseligkeiten gegenüber Kaukasiern, die 1986 mit der Publikation von Viktor Astafjews Erzählung "Der Fang der Gründlinge in Georgien" ihren Höhepunkt erreichte. Es kehrten nicht nur die Witze und Anekdoten über kaukasische Typen zurück. Der Ausbau der Kurorte am Schwarzen Meer und im Nordkaukasus ermöglichte auch eine Wiedergeburt kaukasischer Exotik. Die Tourismusbranche erwartete in "ihrem Orient" eine besondere Lebensart, für die vor allem die Georgier standen. Sie profitierten nicht nur vom Tourismusgeschäft, sie profilierten sich als neue "Ritter" nicht nur an den Tafelrunden ihrer Heimat, sondern zunehmend auch in den Restaurants der Städte Russlands. Die Eigenschaften der Kaukasier als Liebhaber wurden sprichwörtlich. Filme ("Die Gefangene im Kaukasus") und Theaterstücke griffen diese Typen mit (auch schwarzem) Humor auf. Andererseits erschlossen sich Kaukasier im Zuge der industriellen Entwicklung Sibiriens und des Hohen Nordens, aber auch innerhalb der Armee neue Einnahmequellen. Während "die" Russen harter, ehrlicher Arbeit nachgingen und sich beschränken mussten, machten in ihren Augen "spitzfindige Kaukasier" "schmutzige Geschäfte" und "gaben an". Das Ergebnis: Während Kaukasier sich bestärkt fühlen konnten im Gefühl einer Überlegenheit ihrer "Lebenskünste", entwickelten sich Sozialneid, Eifersucht und Verachtung für die Gesten und Posen, hinter denen nur Leere stehen konnte, aber auch Rachegelüste. Letztere konnten sich in der Verweigerung von Dienstleistungen, besonderer Dienstbeflissenheit bei der Kontrolle von Vorschriften, strengeren Prüfungen, aber auch in klarer Ablehnung oder Übergriffen auf Kaukasier in der Armee äußern. Oftmals wurden diese Mechanismen wiederum allmählich durch "kleine Geschenke" seitens der Kaukasier an die "strengen", "konservativen" Russen ausgeglichen. Man arrangierte sich, bis die Krise des Sowjetsystems immer mehr Freiräume für Schwarzmarktmechanismen ließ und ehrliche Arbeit an gesellschaftlichem Ansehen verlor. Der "geldgierige, die gutgläubigen Leute im Norden betrügende Basarnik und Kopekenzähler" wurde seit der Breschnew-Zeit neben dem "nach Autos und Importen jagenden, nur auf Mode und Äußerlichkeiten bedachten, Kinder maßlos verwöhnenden Kaukasier" zum negativen Stereotyp. Man verachtete oder hasste ihn, selbst wenn man von ihm profitierte.

In den siebziger Jahren zeitigte die territoriale Gliederung nach ethnischen Prinzipien noch andere Konsequenzen. Während die Russen dort, wo sie die Mehrheit stellten, auf Distanz zu den Kaukasiern gehen konnten, ohne ihre gesellschaftliche Stellung zu gefährden, verloren sie in Kaukasien ihre führenden Positionen an einheimische Eliten. Zunehmend differenzierte sich die Gesellschaft in Angehörige der Titularnation(en) und Minderheiten, deren Lebenswelten weitestgehend parallel existierten. Es kam zu einer Asymmetrie, die Russen zu "Gästen" machte, die dem Wohlwollen ihrer "Gastgeber" ausgeliefert waren. Während seitens der Russen Dankbarkeit für ihre Verdienste um Kultur, Wissenschaft, Bildung erwartet wurde und hier immer noch der Gedanke einer zivilisatorischen Mission bestand, hatten in den Augen der Kaukasier die Russen dafür dankbar zu sein, dass der Hausherr "für sie sorgte", dass sie bleiben "durften". Die Russen waren Fremde geblieben oder geworden in dieser großen "Sowjetheimat".

Glasnost und Perestrojka Ende der achtziger Jahre trafen auf Menschen, die bereits resigniert hatten oder nach den Ursachen für die immer offensichtlicheren Mängel des Systems suchten. Mit der Enthüllung des Ausmaßes von Verbrechen (Deportationen, Umweltfragen), von Korruption und Ämtermissbrauch kam es schnell zu Solidarisierungen, aber auch zu Schuldzuweisungen auf ethnischer Grundlage. Eine Politisierung sozio-psychologischer Vorurteile setzte ein und führte zu extremen Wortgefechten in der Literatur und in den Medien - bis hin zur Diskussion, wer denn in diesem "Haus Russland" überhaupt einen Platz finden sollte.[20]


Fußnoten

20.
Vgl. die Projekte Sacharows vom Herbst 1989 und Solschenizyns 1990 über den Umbau der UdSSR bzw. Russlands: A. I. Solzenicyn, Kak nam obustroit' Rossiju, in: Komsomol'skaja pravda vom 18.9. 1990. Hier schlug er vor, dass ein neues Russland nur aus slawischen Völkern bestehen sollte. Nur im äußersten Fall sollten die Völker an der Wolga, Sibiriens und des Nordkaukasus aufgenommen werden, und wenn, dann ohne jegliche Autonomie.

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