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10.3.2006 | Von:
Eva-Maria Auch

Mythos Kaukasus

Der Feind im eigenen Haus

Der Zerfall der UdSSR und die bewaffneten Konflikte in den kaukasischen Republiken mit ihren Todesopfern und Tausenden von Flüchtlingen zeichnete ein neues Bild des Kaukasiers. Mit der Verstärkung nationaler Bewegungen unter den Völkern der sich auflösenden Sowjetunion gerieten auch die territorialen Verhältnisse im Nordkaukasus in Bewegung und in Konfrontation zur geschwächten russischen Zentralgewalt. Neben vielen anderen hatte im November 1990 die "Tschetscheno-Inguschische Autonome Republik"[21] innerhalb der Russländischen Föderation ihre Souveränität erklärt. An die Spitze der Nationalbewegung setzte sich im Sommer 1991 General Dschochar Dudajew, der vor dem Hintergrund des Moskauer Putschversuches die kommunistische Republikführung und das von Moskau unterstützte Republikparlament auflöste. Als er der ultimativen Forderung nach Durchführung regulärer Parlamentswahlen nicht nachkam, wurden die Beziehungen zu Tschetschenien zu einem zentralen Thema russischer Medien. Man warnte vor Gewaltanwendung im Nordkaukasus, erinnerte an die Kaukasuskriege der Vergangenheit, aber das Bild vom tschetschenischen Banditen wurde um das der politischen Mafia erweitert und das politische Handeln der Tschetschenen zunehmend kriminalisiert. Die Wahl Dudajews zum Präsidenten und die Unabhängigkeitserklärung der "Tschetschenischen Republik" vom 1. November 1991 erklärte Moskau für illegal. Ein Interventionsversuch mit Sicherheitstruppen scheiterte. Es folgte eine zweijährige Periode ungeklärter Verhältnisse zwischen Moskau und Grosny.

In der Republik vollzogen sich politische Machtkämpfe zwischen Dudajew und oppositionellen Kräften. Der größte Teil der Wirtschaft lag brach. Die Arbeitslosigkeit schnellte in die Höhe. Die in ganz Russland expandierende Schattenwirtschaft und Wirtschaftskriminalität griff in Tschetschenien besonders stark auf alle Lebensbereiche aus. In dieser Zeit wurde in Russland der Begriff der "kriminellen Freihandelszone" für die abtrünnige Republik geprägt. Das passte sowohl in das Klischee vom "räuberischen Tschetschenen", das im Kaukasusbild des 19. Jahrhunderts etabliert worden war, als auch in die Erfahrungswelt des russischen Bürgers, der den Schritt vom schlitzohrigen Geschäftemacher zum kriminellen Tschetschenen nachvollziehen konnte. Dass kriminelle Transaktionen wie die Fälschung von Finanzdokumenten und die illegale Ausfuhr von Ölprodukten ohne Hintermänner in Russland selbst kaum möglich war, blieb ausgeblendet.

Als Dudajew 1993 die Verfassung in Richtung einer Präsidialautokratie verändern wollte, kam es zum Bruch mit dem Parlament. Tschetschenien spaltete sich politisch und regional zunehmend auf. Der Moment schien günstig für einen russischen Militärschlag, der am 11. Dezember 1994 begann. Während das russische Vorgehen mit massiver Gewalt das kaukasisch-tschetschenische Bild prägte und als "unsinnige Wut", "Ausdruck eines Urhasses gegen den Freiheitswillen der Tschetschenen" aber auch als "letztes Aufbäumen eines sterbenden Tieres, eines Schwächlings" gewertet wurde, begründeten tschetschenische Kriegsherrn wie Schamil Bassajew und Salman Radujew ihren Ruhm als Widerstandshelden. In der russischen Wahrnehmung passten sie in das Bild der "Wilden", der "fanatischen Muslime", die vom Ausland unterstützt wurden (bekanntlich rekrutierten sich in den tschetschenischen Reihen auch Kämpfer aus dem Ausland), um Russland zu zerstören.

Zwar wurde der Friedensschluss vom 12. Mai 1997 von russischer Seite offiziell mit den Worten kommentiert, hier werde ein "Krieg von vierhundert Jahren endgültig beendet", aber die russische Armee zog sich zutiefst gedemütigt aus Tschetschenien zurück. Russische Militärs entwickelten eine Dolchstoßlegende, wonach schwache Politiker und Kapitulanten sie daran gehindert hätten, in Tschetschenien gründlich "aufzuräumen". Wehmütig wurde an Befugnisse von Kommandierenden des 19. Jahrhunderts erinnert und nach mehr Freiheiten für die Armee gerufen. Bis zum Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges im Herbst 1999 hatte infolge des Zusammenbruchs der Volkswirtschaft und aufgrund von Zerstörung und Vertreibung fast die gesamte russische Bevölkerung die Region verlassen, und auch hunderttausende Tschetschenen waren zu Flüchtlingen geworden. Vor dem Hintergrund materiellen Elends und fehlender Staatlichkeit nahmen Wirtschafts- und Gewaltkriminalität extreme Maßstäbe an: Raubüberfälle auf Gütertransporte, auf Reisende, Viehdiebstähle gerade auch jenseits der Grenzen, illegaler Handel im "zollfreien Transit" zwischen Russland und den transkaukasischen sowie nahöstlichen Nachbarstaaten (Waffen, Rauschgift, Alkohol, Mädchen, Erdölprodukte) gehörten zum Alltag. Dazu trat die Gefangenenhaltung und Ausbeutung geraubter Zivilisten, aber auch russischer Soldaten als Sklavenarbeiter.

Die Verhältnisse ähnelten den Berichten von Kaukasus-Reisenden des 18. und 19. Jahrhunderts und belebten in den Köpfen vieler Russen Negativ-Stereotype. Hinzu kam, dass von 1998 an die militant islamistische Komponente der Gegner von Präsident Aslan Maschadow, insbesondere Bassajew, deutlicher hervortrat, worauf Maschadow mit einer "Islamisierung" der Staats- und Rechtsorgane reagierte. Diese politische Instrumentalisierung des Islam schürte neue Erinnerungen an den "Ghazavat" unter Imam Schamil, aber vor allem an den verlorenen Feldzug in Afghanistan. Das Trauma von Afghanistan durfte sich in Tschetschenien keinesfalls wiederholen. Noch vor dem 11. September 2001wurde im Zusammenhang mit den Übergriff tschetschenischer Verbände auf das Territorium Dagestans von "Terroristen" gesprochen, und der etwa dreiwöchige Dagestankrieg diente Moskau zum Anlass, zum zweiten Mal massiv militärisch in Tschetschenien vorzugehen. Diese Militärkampagne wurde als "Kampf gegen lokale Terroristen und ihre ausländischen Komplizen" deklariert. Ihr Beginn fiel mit dem Aufstieg Wladimir Putins an die Spitze der Staatsführung zusammen. Putin übertrug 2001 die Leitung der "Anti-Terror-Operation" vom Verteidigungsministerium an den Inlandsgeheimdienst FSB und 2003 an das Innenministerium. Die Tschetschenen waren nun nicht mehr nur "Abtrünnige", sondern "Staatsfeinde" und "Terroristen". Während die russische Seite mit "Säuberungsaktionen" und "Sondermaßnahmen" agierte, trug die Gegenseite durch Selbstmordattentate den Krieg in die russischen Städte.[22]


Fußnoten

21.
Vgl. zeitnah zum ersten Tschetschenienkrieg: Henrik Bischof, Sturm über Tschetschenien: Rußlands Krieg im Kaukasus. Studie zur Außenpolitikforschung, 65 (1995).
22.
Obwohl die Mehrzahl der Orte im nordkaukasischen Teil der Russländischen Föderation lagen, wurden Sprengstoffanschläge in Moskau besonders wahrgenommen.

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