APUZ Dossier Bild

9.2.2006 | Von:
Andreas Dörner

Politik als Fiktion

Medienkultur und politische Kultur

Der Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist die Annahme einer engen Verzahnung von Medienkultur und politischer Kultur. Erst in dieser Perspektive kann deutlich werden, worin sich die enorme politische Bedeutung von Medienkommunikation begründet - auch und gerade dann, wenn es sich um fiktionale und unterhaltende Medienformate handelt. Fernsehsendungen, so die im Folgenden zu begründende These, sind ein wichtiger Bestandteil des politisch-kulturellen Prozesses in modernen Gegenwartsgesellschaften.[2] Sie konstituieren eine politische Medienkultur.

Wenn hier von politischer Kultur gesprochen wird, dann zielt der Begriff auf "die für eine soziale Gruppe maßgebenden Grundannahmen über die politische Welt und damit verknüpfte operative Ideen (...). Diese Grundannahmen stellen so etwas wie Maßstäbe dar, an Hand derer Politik wahrgenommen, interpretiert und beurteilt wird."[3] Es geht also um politische Denk- und Wahrnehmungsmuster sowie die damit verbundenen Werte einer Gesellschaft, um ein zu Handlungskonventionen geronnenes Wissen darüber, wie Probleme gelöst werden und welche Antworten sich in der Vergangenheit bewährt haben.[4]

Moderne Gesellschaften sind in immer größerem Maße zu Mediengesellschaften geworden. Neueren Studien zufolge erstreckt sich in Deutschland der durchschnittliche Medienkonsum pro Tag auf etwa 600 Minuten.[5] Dabei dominieren die Massenmedien Fernsehen und Radio, auf die insgesamt 441 Minuten des täglichen Zeitbudgets der Bürger entfallen. Das Fernsehen erweist sich nach wie vor als das Leitmedium der Gesellschaft - nicht nur, weil der Durchschnittsdeutsche pro Tag 3 Stunden und 40 Minuten vor dem Bildschirm verbringt, sondern weil das Fernsehen über die größte Reichweite aller Massenmedien verfügt: 89 Prozent der Bevölkerung schauen täglich fern, 95 Prozent zumindest mehrmals die Woche. Das Fernsehen und die anderen Massenmedien durchdringen allgegenwärtig den modernen Alltag.

Der Zeichen- und Wahrnehmungsraum, der durch die Medien umschrieben wird, definiert den Menschen ihre Selbstverständlichkeiten und Normalitäten.[6] Das hat stets zugleich zwei mögliche Konsequenzen, die auch empirisch beobachtbar sind.

Erstens fungiert der Mediendiskurs als Befestigung des kulturellen Status quo. Mediensysteme sind heute in der Regel marktförmig organisiert, und die Anbieter müssen darauf achten, dass sie die Erwartungen des Publikums möglichst genau bedienen. Erwartungen, Normalitätsvorstellungen, Werte und Sinnkonstrukte werden somit stabilisiert und auf Dauer gestellt. Dies ist insofern wichtig, als die "Partitur" politisch-kultureller Vorstellungs- und Deutungsmuster einer ständigen "Aufführung" bedarf, wenn sie nicht verblassen oder zur bloßen Folklore verkommen soll. Die Medien führen uns - beinahe rituell - die geltenden Selbstverständlichkeiten in immer wieder neuer Form vor und halten sie somit im kulturellen Gedächtnis lebendig. Medien sind in diesem Sinne ein Moment der politischen Soziokultur.[7] Sie dienen dazu, politische Kulturen auf Dauer zu stellen.

Zweitens werden Veränderungstendenzen unterstützt - wenn sie von einflussreichen Akteuren aufgegriffen werden oder aufgrund ihres Aufmerksamkeitswertes besonders mediengängig sind. Daher können Medien immer auch Verstärker von Wandlungsprozessen sein, indem sie etwas "Neues" - eine neue Wertpräferenz, einen neuen Way of Life - immer wieder in den öffentlichen Wahrnehmungsraum bringen, dadurch "normalisieren" und auch in anderen Teilen der Bevölkerung akzeptabel machen.[8]

Solche Wandlungsprozesse können von Seiten einer politischen Deutungskultur auch bewusst vorangetrieben werden. Deutungskulturelle Aktivitäten sind dabei keineswegs auf den Informationssektor der Medienkultur beschränkt. In zunehmendem Maße wird der Unterhaltungssektor zum Forum politischer Kommunikation.[9] An dieser Dimension von öffentlicher Auseinandersetzung und kulturellem Kampf um Einfluss und Anerkennung setzen vor allem die Arbeiten der "British Cultural Studies" an.[10] Sie verweisen darauf, dass die mediale Unterhaltungskultur als Raum des populären Vergnügens zu einem wichtigen Forum des Kampfes um Identität, Anerkennung und Deutungshoheit geworden ist. Dabei geht es nicht nur um die "große Politik" von Kanzlern, Präsidenten und Parteien, sondern auch um die Mikropolitik des Alltagslebens: um all jene Macht- und Herrschaftsprozesse, die sich über die Achsen von Klassen- und Geschlechterverhältnissen, über ethnische und konfessionelle Abgrenzungen, über Altersunterschiede und Lebensstile konstituieren.

Die wichtigste Funktion der Massenmedien liegt also darin, politische Kultur und den Kampf um die Deutung von politischen Realitäten sichtbar zu machen. Vorstellungswelten, Werte, Normalitäten und Identitäten nehmen hier weithin wahrnehmbar sinnliche Gestalt an. Diese Visibilisierung des Kulturellen ist die Grundvoraussetzung für die Präsenz einer politischen Kultur im Wahrnehmungsraum der Bürger.


Fußnoten

2.
Vgl. Andreas Dörner, Politische Kultur und Medienunterhaltung. Zur Inszenierung politischer Identitäten in der amerikanischen Film- und Fernsehwelt, Konstanz 2000.
3.
Karl Rohe, Politische Kultur: Zum Verständnis eines theoretischen Konzepts, in: Oskar Niedermayer/Klaus von Beyme (Hrsg.), Politische Kultur in Ost- und Westdeutschland, Berlin 1994, S. 1 - 21.
4.
Vgl. Karl Rohe, Politische Kultur und der kulturelle Aspekt von politischer Wirklichkeit - konzeptionelle und typologische Überlegungen zu Gegenstand und Fragestellung der politischen Kultur-Forschung, in: Dirk Berg-Schlosser/Jakob Schissler (Hrsg.), Politische Kultur in Deutschland, Opladen 1987, S. 39 - 48, und Andreas Dörner, Politische Kulturforschung, in: Herfried Münkler (Hrsg.), Politikwissenschaft. Ein Grundkurs, Reinbek 2003, S. 587 - 619.
5.
Diese und die folgenden Daten sind der neuesten Welle der Langzeitstudie "Massenkommunikation" entnommen, die seit 40 Jahren Nutzungsdaten der Massenmedien in Deutschland erfasst; vgl. Christa-Maria Ridder/Bernhard Engel, Massenkommunikation 2005: Images und Funktionen der Massenmedien im Vergleich, in: Media Perspektiven, (2005) 9, S. 422 - 448.
6.
Vgl. Ulrich Sarcinelli, Politische Kommunikation in Deutschland. Zur Politikvermittlung im demokratischen System, Wiesbaden 2005, S. 146.
7.
Vgl. zur Unterscheidung von politischer Soziokultur und politischer Deutungskultur Karl Rohe, Politik. Begriffe und Wirklichkeiten. Stuttgart u.a. 1994(2), S. 171.
8.
Vgl. John Fiske, Media Matters. Race and Gender in U. S. Politics, Minneapolis/London 1994(2), und zum Normalisierungsdiskurs in modernen Gesellschaften: Jürgen Link, Versuch über den Normalismus, Opladen u.a. 2002(2).
9.
Vgl. John Street, Politics and Popular Culture, Philadelphia 1997; Andreas Dörner, Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft, Frankfurt/M. 2001, und Liesbet van Zoonen, Entertaining the Citizen: When Politics and Popular Culture Converge, Boulder 2005.
10.
Vgl. Dominic Strinati, An Introduction to Theories of Popular Culture. London, New York 1995, und Rainer Winter/Lothar Mikos (Hrsg.), Die Fabrikation des Populären. Der John Fiske Reader, Bielefeld 2001.