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9.2.2006 | Von:
Andreas Dörner

Politik als Fiktion

Politik im "Kanzleramt"

Über lange Zeit hinweg zeigte das deutsche Fernsehen - ganz ähnlich wie der deutsche Kinofilm - eine weitgehende Abstinenz gegenüber den Themen und Figuren der "großen Politik". Erst im Herbst des Wahljahres 1998 machte bemerkenswerterweise der Privatsender Sat.1 den Anfang, indem ein deutscher Kanzlerkandidat zur Hauptfigur eines Polit-Thrillers avancierte.

In der hochkarätig besetzten Produktion Macht wurde vorgeführt, wie ein moralisch fragwürdig agierender Spitzenpolitiker entführt und letztlich nur durch das couragierte Handeln seiner Ehefrau gerettet wird. Er begreift, dass er zum Opfer jenes Intrigenspiels wurde, das er selbst über lange Jahre aktiv mitgestaltet hat. Moralisch geläutert tritt er am Ende des Films von allen seinen Ämtern zurück. Ein solches Szenario bleibt letztlich, auch wenn es im Format eines spannenden Thrillers nach amerikanischem Zuschnitt dargeboten wird, der alten deutschen Tradition einer tiefgreifenden Politik-Skepsis verbunden, in der das politische Geschäft als schmutziges Geschäft erscheint und folglich nur der Unpolitische seine Integrität dauerhaft bewahren kann.[11]

Ungeachtet dieser spezifischen Ausrichtung hat der Sat.1-Film 1998 doch einer neuen Entwicklung den Weg bereitet, die den thematischen Focus immer häufiger auf die "große Politik" setzt, dabei jedoch gleichsam einen anderen, insgesamt positiveren Zugang zu einer Welt wählt, die dem Erfahrungshorizont der meisten Bürger ziemlich fern ist. Im Wahljahr 2005 erreichte diese Entwicklung ihren vorläufigen Höhepunkt. Mit der aufwändig produzierten Serie Kanzleramt, die von März bis Juni des Jahres 2005 in 12 Folgen jeweils am Mittwoch im Hauptabendprogramm gesendet wurde, traten renommierte deutsche Fernsehschauspieler an, um einen Blick auf die inneren Mechanismen der Macht in der Hauptstadt Berlin zu eröffnen.

Im Mittelpunkt der Serie steht die Figur des Bundeskanzlers Andreas Weyer, gespielt von Klaus J. Behrendt. Behrendt hatte seit 1993 in der actionbetonten Krimiserie A.S. auf Sat.1 mitgewirkt. Seit 1997 verkörpert er erfolgreich den impulsiven und tatkräftigen Kölner "Tatort"-Kommissar Max Ballauf. Diese durch den Schauspieler hergestellte intertextuelle Semantik eines Menschen, der sich nicht primär durch taktische Brillanz, Weltgewandtheit oder Feinsinnigkeit, sondern durch Erdung und (mitunter auch körperliche) Durchsetzungskraft auszeichnet, passt gut in den Rollenzuschnitt des fiktiven Bundeskanzlers hinein. Der Berufspolitiker erscheint hier nicht als glatter Machtmensch, sondern als handfeste Type mit Ecken und Kanten, der man grundsätzlich auch an der Theke in der Eckkneipe begegnen könnte. Die Figur dieses instinktsicher agierenden Politikers, der zunächst eine Lehre absolviert und dann erst studiert hatte und dessen Sprache die Herkunft aus einfachen sozialen Verhältnissen nicht leugnet, lässt durchaus Parallelen zum damaligen Kanzler Gerhard Schröder erkennen.

Ihm zur Seite agieren in der Serie Kanzleramtschef Norbert Kraft (Robert Atzorn), Büroleiterin Birte Schmitz (Rita Russek), Regierungssprecher Conny Bergmann (Herbert Knaup), Redenschreiber Alexander Nachtweih (Heikko Deutschmann) und die außenpolitische Beraterin Edith Lambert (Claudia Michelsen). Diese Mannschaft im Zentrum der Macht bildet die Figurenkonstellation, um die sich der politische Prozess im Kanzleramt dreht. Hinzu kommen private Figuren: allen voran Nina, die halbwüchsige Tochter des verwitweten Kanzlers, die alterstypische Bedürfnisse und Probleme weiblicher Teenager vorführt; eine Ärztin, mit der Kanzler Weyer zarte Bande knüpft; der Ex-Mann der Büroleiterin, der seine Beziehung nutzen will, um Aufträge für die eigene Firma an Land zu ziehen; und schließlich die schwangere Ehefrau des Redenschreibers, die an der permanenten Abwesenheit ihres Mannes zu verzweifeln droht. Die einzelnen Folgen bieten also eine Mischung aus Politik und "Human Interest", die dazu dient, den Unterhaltungsbedürfnissen der Zuschauer gerecht zu werden und das politische Personal als Menschen "wie du und ich" mit je spezifischen Schwächen erscheinen zu lassen. Zudem werden Anleihen bei anderen Genres gemacht, beispielsweise beim Agententhriller in der Folge "Schattenkrieger".

Die politischen Geschichten sind durchaus realitätsnah angelegt[12] - was nicht heißt, dass die Serie durchweg "realistisch" gemacht wäre: Ein Unterhaltungsfilm kann und will die komplexen, langwierigen, teilweise unsichtbaren und mitunter auch langweiligen Mechanismen der Macht nicht wirklich abbilden, aber er kann sie andeuten. Es geht um Machtkämpfe zwischen Regierung und Parlamentsfraktion, um die Besetzung von hohen EU-Ämtern, um Tabaksteuer, Beutekunst und Rentenloch, um "schwierige" Kabinettskollegen und anstößige Staatsgäste, die zwar im Sinne der Außenhandelsbilanz gerne gesehen sind, aus der Perspektive der Menschenrechte jedoch eigentlich keine Ehrerweisung verdienten. Die Anlehnung an die Realität der Schröder-Ära ging so weit, dass reale Ereignisse wie die Holzmann-Intervention oder die Ohrfeige für den Kanzler durch einen Arbeitslosen leicht verfremdet als Handlungselemente eingebaut wurden. Das Kanzleramt versuchte also durchaus, ein realitätsnahes Politik-Bild und keine politischen Märchen zu vermitteln.

Die Hauptfiguren sind allerdings grundsätzlich positiv gezeichnet. Schurken und reine Machtmenschen erscheinen nur an der Peripherie. Es handelt sich um verantwortungsbewusste, dem Gemeinwohl verpflichtete Akteure, die zwar jeweils ihre persönlichen Schwächen haben, insgesamt jedoch die für eine solche Serie erforderlichen Identifikationspotentiale im Sinne einer Wir-Gemeinschaft mit dem Zuschauer aufbauen. Wenngleich dies unrealistisch anmutende Züge aufwies, so wurde doch die "Erdung" des Szenarios dadurch erreicht, dass die Akteure bei der Wahl ihrer Mittel keineswegs reine Gutmenschen waren. Die Realpolitik des Kanzleramts sieht auch Intrigen, Täuschungen, ja Formen der Erpressung als legitime Mittel vor, wenn es zur Organisation einer parlamentarischen Mehrheit oder zur Durchsetzung eines Wunschkandidaten in einem politischen Amt erforderlich ist. Und es wird gezeigt, dass häufig nicht einfach zu bestimmen ist, was jeweils im Sinne des Gemeinwohls als richtig gelten soll: Ist es die moralische Verpflichtung zur Wahrung der Menschenrechte oder ist es der lukrative Handelsvertrag, der wiederum heimische Arbeitsplätze sichert? Zu einfache Antworten werden dabei vermieden, es bleibt Raum für jene Ambivalenz, die oft auch reales politisches Handeln kennzeichnet.

Die Bildgestaltung der Serie transportiert visuell jenen Glanz und den partiellen Monumentalismus, wie er in der neuen Hauptstadtarchitektur Berlins präsent ist. Die Gebäude sind groß, modern, architektonisch interessant gestaltet. Der Einrichtungsstil der Räumlichkeiten ist schick, die Akteure bewegen sich in der Regel gut gekleidet durch die Szene.

Es ist interessant, dass die Serie Kanzleramt in der Zuschauergunst nicht so erfolgreich war, wie es sich zu Beginn abzeichnete und wie es von den Machern auch erwartet worden war, die nach dem zunächst guten Start schon von weiteren Staffeln sprachen. Hatte die mit großem Werbeaufwand vorbereitete erste Folge der Serie am 23. März noch fast fünf Millionen Zuschauer und damit etwa 15 Prozent Marktanteil, fiel die Reichweite in den folgenden Wochen stetig ab. Am letzten Sendetag im Juni erreichte die ausgestrahlte Doppelfolge nur noch knapp über eine Million Zuschauer. Für diese schlechte Entwicklung lassen sich vielfältige Ursachen benennen, etwa die eines ungünstigen Sendeplatzes mit häufiger Konkurrenz zu Fußballübertragungen und Polit-Talks wie Hart aber fair. Vielleicht waren große Teile des Publikums auch nicht bereit, dieses vergleichsweise positive Bild der politischen Akteure anzunehmen in einer Zeit, in der das Image der Politiker eher schlecht war. Oder aber das politisch-kulturell verankerte Misstrauen gegenüber dem "schmutzigen Geschäft" der Politik wirkt noch immer nach und man macht sich lieber im Stil von Kabarett und Comedy lustig über die Politiker, als in ihnen heldenhafte Vorkämpfer für das Wohl der Gemeinschaft zu sehen. Hier zeigt sich eine deutliche Differenz zum amerikanischen Kontext: Auch die US-Zuschauer wissen, dass Politiker in der Regel keine Helden sind; aber als symbolische Form, als inszenierte Wirklichkeit des Politischen und auch als positives Bild dessen, wie es in der Politik sein sollte, wissen sie solche fiktionalen Welten durchaus zu schätzen.

Dennoch zeigt die Serie und zeigen zahlreiche andere Filme, in denen die neue Hauptstadtarchitektur immer mehr in den visuellen Mittelpunkt der Politikinszenierung rückt, eine Veränderung an. Der Blick auf die große Politik "amerikanisiert" sich. Die politische Ordnung bekommt ein charismatisches Zentrum, eine symbolisch verdichtete Sinnstruktur, über die sich zunehmend die kollektive Identifikation der Bürger mit dem Gemeinwesen organisieren wird. Die Filme popularisieren dieses charismatische Zentrum, indem sie es von der physischen Präsenz ablösen und in Millionen Wohnzimmer hineintragen. Diese politische Ästhetik und Ikonographie bewegt sich in Richtung dessen, was "Washington" für die politische Symbolik der USA bedeutet. Allerdings haben wir es, wie in der Architektur auch, niemals mit ungebrochenem Pathos und Monumentalität zu tun, sondern mit symbolischen Formen, die in der Demonstration neuen Selbstbewusstseins stets das Bewusstsein für das Problematische der eigenen Geschichte bewahren. Sowohl der umgestaltete Reichstag als auch das Holocaust-Denkmal stehen für diese neue Identität, die das Charismatische mit vielfachen Brüchen durchaus zu vereinbaren weiß. Und so sind auch die Helden der neuen Polit-Unterhaltung im Fernsehen nie wirklich strahlende, sondern immer etwas gebrochene und leicht ambivalente Helden.


Fußnoten

11.
Vgl. dazu schon Thomas Manns 1918 erstmals erschienenes Werk, Betrachtungen eines Unpolitischen, Frankfurt/M. 1993.
12.
So ist an vielen Stellen bemerkbar, dass mit Martin E. Süskind ein durchaus sachkundiger Journalist der "Süddeutschen Zeitung" und früherer Redenschreiber von Willy Brandt (1975 - 1979) beteiligt war. Süskind war für die Serie beratend tätig und verfasste insgesamt fünf Drehbücher.