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9.2.2006 | Von:
Andreas Dörner

Politik als Fiktion

Große und kleine Politik

Ungeachtet der Schwierigkeiten von Kanzleramt ist zu prognostizieren, dass es mit der unterhaltenden Thematisierung der "großen Politik" weitergehen wird; und diese Visualisierungen werden zu einer weiteren Umgestaltung der öffentlichen Wahrnehmung der Politik und damit der politischen Kultur des Landes beitragen. Ein Symptom dafür sind zwei ARD-Produktionen, die Amt und Person des Bundeskanzlers aus ganz unterschiedlicher Perspektive beleuchtet haben. Auf der einen Seite die Romanze Küss mich, Kanzler (2004), auf der anderen Seite das Drama Spiele der Macht (2005). Während der letztgenannte Film durchaus noch starke Bezüge zur politik-kritischen Tradition aufweist und die Ambivalenzen der Macht in den Mittelpunkt stellt, weist die Romanze in eine andere Richtung. Die Liebesgeschichte zeigt Anklänge an die Hollywood-Produktion The American President (1995), in der Michael Douglas als verwitweter Präsident Shepherd eine Liebesbeziehung zu einer Umweltaktivistin aufnimmt. Nach einigen Turbulenzen findet er sein privates Glück, und darüber hinaus gelingt ihm auch die Arbeit als Politiker besser. In der deutschen Variante ist es der attraktive Bundeskanzler (Robert Atzorn), der sich von seiner untreuen Frau trennt und statt dessen in eine polnische Migrantin verliebt, die im Kanzleramt putzt, obwohl sie studierte Zahnärztin ist. Die Machart des Films mit der Hauptstadtarchitektur als Kulisse und einem attraktiven Darstellerpaar, das nach vielen (komischen) Verwicklungen zueinander findet,[13] schließlich das Einhergehen von privatem Glück und politischer Moral - all dies sind Zutaten aus der Tradition des politischen Films in den USA von Frank Capras Mr. Smith Goes to Washington bis zu Ivan Reitmans Dave, die das Politische im Modus des Feel-Good, der guten Laune und der Hoffnung auf ein Happy End rahmen. Dass heutzutage nicht nur der britische Premierminister,[14] sondern auch der deutsche Bundeskanzler so dargestellt wird, lässt sich durchaus als Anzeichen einer weitergehenden Verwestlichung der politischen Kultur Deutschlands lesen.

Das alltägliche Erscheinungsbild des Politischen im Unterhaltungsfilm sieht in Deutschland jedoch noch immer anders aus. Nicht Kanzler und Minister, sondern allenfalls kommunalpolitische Größen, Polizeipräsidenten und korrupte Amtsträger auf niederer Ebene bevölkern die Szenerie. Politik findet hier vor allem statt als Kampf um Anerkennung, der zwischen verschiedenen sozialen Schichten, ethnischen Gruppen, Geschlechtern und Generationen, zwischen "Ossis und Wessis" sowie immer wieder zwischen Mehrheiten und Randgruppen ausgefochten wird.[15] Das prominenteste und reichweitenstärkste Forum einer solchen Konstruktion ist nach wie vor die 1970 mit "Taxi nach Leipzig" gestartete ARD-Reihe Tatort. Die ermittelnden Kommissare agieren hier als Protagonisten einer mitunter jenseits der Legalität liegenden Gerechtigkeit. Sie decken politische und soziale Missstände sowie administrative Funktionsstörungen auf,[16] und sie kämpfen immer wieder zuverlässig gegen neonazistische Umtriebe.[17]


Fußnoten

13.
Die komischen Momente sind hier jedoch anders gelagert als im Polit-Märchen Der Job seines Lebens (2003, Fortsetzung 2005), wo der "kleine Mann" den Politikern zeigt, wie man "richtige" Politik macht. In diesen Filmen erscheint die etablierte Politik als negative Karikatur, als Gegenbild zum guten Leben, und das Publikum goutiert den Triumph des kleinen Mannes nach dem Muster des "Hauptmanns von Köpenick".
14.
Siehe die erfolgreiche Romanze Love Actually (2003) von Drehbuchautor und Regisseur Richard Curtis; in der Rolle des Prime Minister, gleichsam Tony Blair als Junggeselle, agiert der britische Schauspielerstar Hugh Grant.
15.
Die politisch-kulturelle Ost-West-Thematik ist noch immer relativ häufig in Unterhaltungsfilmen zu finden. Der Kinoerfolg Good Bye, Lenin ist hier nur das auffälligste Beispiel einer Vielzahl von Produktionen wie zum Beispiel Die Nachrichten (ZDF), wo die vermeintliche Stasi-Vergangenheit eines Nachrichtensprechers im Mittelpunkt steht.
16.
Der WDR-Tatort Minenspiel etwa thematisierte das internationale Problem der Landminen, und im Umfeld dieses Films traten die Schauspieler Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt bei politischen Bildungsveranstaltungen auf. Das Prominenz- und Vertrauenskapital der Filmfiguren sollte hier genutzt werden, um die Ächtung von Landminen voranzutreiben.
17.
Vgl. A. Dörner, Politainment (Anm. 9), S. 189ff.