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9.2.2006 | Von:
Andreas Dörner

Politik als Fiktion

Die Gegenwart der Vergangenheit

Damit ist das Stichwort für ein weiteres Merkmal der Kontinuität gegeben. Wie oben bereits angedeutet, liegt ein spezifischer Unterschied zwischen der medialen Politikinszenierung in Deutschland und den USA noch immer darin, dass die Differenz in den historischen Erfahrungen zum Tragen kommt. Die politische Kultur ist hierzulande nach wie vor ohne den identitätsstiftenden Bezug zur nationalsozialistischen Vergangenheit nicht vorstellbar, und dies schlägt sich auch im medialen Bild des Politischen nieder.

Populäre Dokumentationen über die NS-Zeit erfreuen sich einer ungebrochenen Nachfrage.[18] Nahezu alle Aspekte der Zeit, von Hitlers Frauen und dem Privatleben seiner engsten Vertrauten über die Außenpolitik bis hin zu Detailfragen des Alltags unterm Hakenkreuz werden aufbereitet, und die unterhaltenden Dimensionen kommen dabei nicht zu kurz: Neu entdeckte Aufnahmen vom Obersalzberg sind hier ebenso zu nennen wie die gezielte Inszenierung des monströs Bösen, das noch immer ein Gutteil der negativen Faszination des Nationalsozialismus ausmacht.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nur plausibel, dass mit fiktionalen oder zumindest teilfiktionalen Formen der Aufarbeitung dieser Thematik große Zuschauerzahlen erzielt werden. Das gilt etwa für Speer und Er (2005), ein zweiteiliges Dokudrama des renommierten Autors und Regisseurs Heinrich Breloer. Durch die Montage von dokumentarischem Material und hochkarätig besetzten Spielszenen erreicht diese Realitätskonstruktion der politischen Vergangenheit eine ästhetische und emotionale Intensität, wie sie über rein dokumentarische Formen kaum möglich wäre. Gleichzeitig wird die Fiktion durch das Dokumentarische jeweils beglaubigt und auf den harten Boden historischer Tatsachen zurückgeholt.

Noch einen Schritt weiter ging die Kino-Produktion Der Untergang (2004), die auch international große Aufmerksamkeit erregte und im vergangenen Jahr in einer verlängerten Fassung im Fernsehen zu sehen war.[19] Unter der Regie von Oliver Hirschbiegel wurden der "Führer" und sein personelles Umfeld zum Gegenstand eines abendfüllenden Kinofilms. Der renommierte Schauspieler Bruno Ganz brillierte in der Rolle Hitlers, der sich mühsam und doch voller negativer Energie durch seine letzten Tage schleppt. Dieses Kinoereignis zeigt zugleich Kontinuität und Wandel an. Einerseits markiert der Film Kontinuität, weil der Nationalsozialismus noch immer im Zentrum der massenmedial vermittelten, politisch-kulturellen Ordnung steht. Andererseits ändert sich die Zugangsweise. Berührungsängste, sich dem Thema in leicht zugänglichen - und das heißt eben immer auch unterhaltend angelegten - Spielfilmen zu nähern, sind offenbar überwunden. Die Rezeption Oscar-prämierter internationaler Produktionen wie Schindlers Liste oder Das Leben ist schön hat hier offenbar neuen Entwicklungen die Tür geöffnet. Vermutlich werden sich diese Tendenzen weiter fortsetzen und das politisch-kulturelle Selbstverständnis auch in den kommenden Generationen prägen.


Fußnoten

18.
Vgl. dazu auch Peter Zimmermann, Hitler & Co. als Fernsehstars. Das "Dritte Reich" in Film- und Fernsehdokumentationen. Vortrag im Haus des Dokumentarfilms, Stuttgart 2005.
19.
Die beiden Teile erzielten eine Reichweite von etwa 7 Millionen Zuschauern und damit einen Marktanteil von über 21 Prozent.