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9.2.2006 | Von:
Andreas Dörner

Politik als Fiktion

Politik im Trash-Format

Neben der "großen Politik", der neuartigen Behandlung der NS-Vergangenheit und den vielfältigen politischen Dimensionen im Bereich von Tatort-Krimis und anderen Unterhaltungsfilmen darf ein neues Feld der medialen Politikinszenierung nicht übersehen werden. Es ist verortet im Bereich der so genannten "Trash-Formate", die gerade aus einer konsequenten Absage an die Normen des guten Geschmacks und des guten Benehmens heraus so etwas wie Kultstatus gewinnen.[20] Formate wie Ich bin ein Star, holt mich hier raus! (RTL) oder Die Burg (Pro Sieben) spielen auf einer Klaviatur der kulturellen Negation, bieten dabei jedoch gleichzeitig auch zugespitzte Szenarien, in denen in einer ganz neuartigen Form über soziale Probleme von Solidarität und Gerechtigkeit sowie über Macht- und Anerkennungsfragen reflektiert werden kann.

Die RTL-Dschungel-Show, die es in bislang zwei Staffeln nach angelsächsischem Vorbild auf immens hohe Einschaltquoten brachte,[21] zeigt diesen Zusammenhang besonders deutlich. Eine Gruppe von "B-Prominenten" wird in einem Lager im Dschungel interniert und dort unter Dauerbeobachtung gestellt. Neben dem Voyeurismus und einem nach Aufmerksamkeit heischenden Ekel-Faktor (in der Show wurden Maden, Kakerlaken und Mehlwürmer verspeist) ist es die soziale Konstellation, die das Format für die Zuschauer interessant macht.

Die Akteure müssen jeweils nicht nur die gruppendynamischen Prozesse aushalten und sich beim Zuschauer beliebt (oder auch gerade unbeliebt) machen, sondern so genannte "Dschungelprüfungen" bestehen, durch die das Abendessen der Gruppe beschafft werden kann. Dadurch werden wie in einem Mikrokosmos Funktionsmechanismen und Spannungslinien der Gesellschaft fassbar, die sonst viel abstrakter blieben. Eine komplexe Struktur aus Konkurrenz- und Kooperationsbeziehungen ist hier angelegt, die sorgsam aufgebaut wurde und wie in einer spieltheoretisch konstruierten Laborsituation ein ganzes Potpourri rationaler Handlungsalternativen aufspannt, die hinsichtlich des möglichst großen Spielerfolgs ausgewählt werden müssen. Hinzu kommt, dass die spezifische Konstellation im Dschungelcamp mit Leistungsdruck und Ressourcenverknappung durchaus Fragen der Verteilungsgerechtigkeit aufwirft, die in der ökonomisch geschwächten Gesellschaft dieser Tage von hohem Wiedererkennungswert sind. Wer bekommt was wofür? Wer übt Solidarität mit wem? Wer hat das Sagen und verteilt die zu erledigenden Aufgaben unter den Beteiligten nach welchen Regeln - allesamt zutiefst politische Fragen.

Ein entscheidendes Moment, das sich schon bei Big Brother kommerziell bewährt hat, ist die Zuschauerbeteiligung. Das Publikum kann per Telefon darüber abstimmen, welcher Kandidat jeweils zur Prüfung gehen soll und darüber, wer das Camp schließlich zu verlassen hat. Diese "plebiszitäre Wende" des Fernsehens macht das Publikum in noch höherem Ausmaß zum Entscheider, als es dies durch die Quotenorientierung auf dem Medienmarkt ohnehin schon ist. Politisch findet sich der Mediennutzer daher in der Position des Souveräns wieder. Er kann seine Kandidaten wie bei einer politischen Wahl küren oder abwählen.[22]

Entscheidend aber ist - hier hilft der Blick der Cultural Studies weiter -, was die Zuschauer im Prozess der Aneignung konkret aus dem Angebot machen. Sicher, man empfindet Vergnügen an den Missgeschicken der Kandidaten und an den Kämpfen und Intrigen, die im Lager ausgefochten und gesponnen werden. Aber die Zuschauer nutzen das Trash-Format auch dazu, über den Umgang der Generationen miteinander, über Respekt und Anerkennung zu diskutieren, weil sich zum Beispiel der jugendliche Kandidat Daniel Küblböck in einem heftigen Streit respektlos gegenüber dem älteren Kandidaten Costa Cordalis benommen hat.

In nächtelangen Diskussionen erörterte ein Teil des Publikums, wie Alter, Achtung und Respekt sinnvollerweise miteinander gekoppelt sein sollten.[23] Das populäre Vergnügen verbindet sich mit einem Transfer auf die eigene Lebenswelt und der Möglichkeit, ernsthafte Themen mit gleichgesinnten Fans zu diskutieren.

Der Trash wird gleichsam unverhofft und unbeabsichtigt zum Forum der politischen Kommunikation und Werteerziehung. Während Politiker und Medienwächter noch über den sittengefährdenden Zynismus derartiger Shows diskutierten, nutzten die jungen Zuschauer die Sendungen als Plattform, um lebensnah und orientiert an ihren eigenen Problemen und Bedürfnissen identitätsbildende Diskurse zu führen. Auch das ist hinter der grellen Fassade der Medienunterhaltung eine höchst politische Angelegenheit, die nicht verdummend wirkt, wie es das Vorurteil will, sondern Materialien bietet, die Mediennutzer konstruktiv nutzen können.

Politik als Fiktion markiert also keineswegs eine Abkehr von der politischen Wirklichkeit, sondern einen unterhaltend gestalteten Raum der Reflexion und der Diskussion, der wertvolle Beiträge zum Prozess der politischen Kultur leisten kann.


Fußnoten

20.
Vgl. Knut Hickethier, Trashfernsehen und gesellschaftliche Modernisierung, in: Ulrike Bergermann/Hartmut Winkler (Hrsg.), TV-Trash, Marburg 2000, S. 23 - 37.
21.
Bei den letzten Folgen erzielte man eine Reichweite von über 8 Millionen Zuschauern und einen Marktanteil von etwa 43 Prozent.
22.
Vgl. Hans-Georg Soeffner, Die Inszenierung von Gesellschaft - Wählen als Freizeitgestaltung, in: ders., Die Ordnung der Rituale, Frankfurt/M. 1992, S. 157 - 176.
23.
So während der ersten Dschungel-Staffel zu beobachten im Internet-Diskussionsforum des Fan-Portals www.danielsuperstar.de. Hierzu wird in Kürze vom Autor eine ausführliche Analyse veröffentlicht.