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Politiker als Prominente - die Sicht der Zuschauer


9.2.2006
Wie nehmen Fernsehzuschauer die Auftritte von Politkern in Personality-Talks wahr? Die hier vorgestellte Studie zeigt das gesamte Spektrum von individueller Wahrnehmung, normativer Bewertung und emotionaler Wirkung auf.

Einleitung



Politiker möchten möglichst viele Menschen erreichen und von ihren politischen Ansichten überzeugen. Sie müssen bekannt sein, wenn sie gewählt werden wollen. Dazu benötigen sie Medienpräsenz. Um möglichst oft und vorteilhaft präsentiert zu werden, orientieren sie sich an Selektionskriterien der Medien und professionalisieren ihre Politikvermittlung. Eine mögliche Strategie politischer Akteure, ihre Attraktivität in der Öffentlichkeit zu steigern, ist die Anpassung an Anforderungen massenmedialer Unterhaltungsangebote.





Gesprächsorientierte Fernsehsendungen spielen hierbei eine besondere Rolle. Jens Tenscher spricht in diesem Zusammenhang von "politischer Talkshowisierung" und beschreibt damit zwei zu beobachtende Trends, die sich wechselseitig beeinflussen: erstens das wachsende Angebot an Unterhaltungssendungen, zweitens die steigende Bereitschaft und Kompetenz politischer Akteure, sich in diesen Formaten zu präsentieren.[1]Dazu gehören auch Auftritte in Personality-Talks, in denen Politiker und Politikerinnen neben anderen Prominenten über Persönliches sprechen und sich als Privatpersonen inszenieren. Dieses Format dient vor allem der Darstellung von bekannten Persönlichkeiten verschiedener gesellschaftlicher Bereiche.

In der Regel werden die Gäste nacheinander zu Persönlichem und Amüsantem befragt.[2] Aufgrund der zurückhaltenden Moderation sowie einer entspannten, freundlichen Gesamtatmosphäre bekommen Politiker hier ein besonderes Forum für ihre Selbstdarstellung geboten. Die "menschelnde Unterhaltung" steht im Vordergrund, politische Themen werden eher indirekt vermittelt.[3] Damit gehört Politikferne zum Programm. Es geht darum, massenmediale Aufmerksamkeit für die eigene Person zu erlangen. Politiker wollen Sympathie und Empathie vermitteln, ihre persönliche Integrität darstellen, Kompetenzen demonstrieren und Vertrauen gewinnen. Politik wird auf diese Weise popularisiert. Diese Strategie ist mit der Hoffnung verbunden, auch in Zeiten eines zunehmend fragmentierten Publikums eine möglichst breite Zielgruppe und Menschen mit geringem politischen Interesse erreichen zu können.

Die Entwicklung einer professionalisierten Politikvermittlung, in der Unterhaltungsaspekte immer mehr Raum einnehmen, wird in der wissenschaftlichen Diskussion unterschiedlich bewertet. Aus normativ-demokratietheoretischer Perspektive wird befürchtet, dass Wahlentscheidungen vor allem durch rollenferne, unpolitische Merkmale von Politikern beeinflusst werden. Es bestehe die Gefahr, dass Politik nicht mehr argumentativ und problemorientiert, sondern verstärkt emotional und wirkungszentriert vermittelt werde.[4] Befürworter einer derartigen Politikvermittlung sind hingegen der Meinung, dass die Bürger das Bedürfnis haben, mehr über ihre gewählten Repräsentanten zu erfahren, als sich unmittelbar aus politischen Kontexten entnehmen lässt. Sie gehen davon aus, dass auch politisch Desinteressierte mit dieser Art der Politikvermittlung erreicht und aktiviert werden können.



Fußnoten

1.
Jens Tenscher, Talkshowisierung als Element moderner Politikvermittlung, in: Ders./Christian Schicha (Hrsg.), Talk auf allen Kanälen. Angebote, Akteure und Nutzer von Fernsehgesprächssendungen, Wiesbaden 2002, S. 56.
2.
Ich verwende den Begriff Personality-Talks in Anlehnung an Wolfgang Scheidt (Ders., Affekt-Talks. Rezeptionsmotive und affektive Bewertung eines TV-Genres, Berlin 2000, S. 60) und synonym zu Klaus Plakes "Personality-Shows" (Ders., Talkshows. Die Industrialisierung der Kommunikation, Darmstadt 1999, S. 35).
3.
Tanjev Schultz, Menschelnde Unterhaltung mit Politikern. Daten und Überlegungen zu Politikerauftritten in Promi-Talkshows, in: Christian Schicha/Carsten Brosda (Hrsg.), Politikvermittlung in Unterhaltungsformaten. Medieninszenierungen zwischen Popularität und Populismus, Münster 2002, S. 183.
4.
Vgl. Carsten Brosda, Emotionen und Expressivität in Polit-Talks. Die emotionale Dimension von Politiker-Diskussionen im Fernsehen, in: J. Tenscher/C.Schicha (Anm. 1), S. 383.