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9.2.2006 | Von:
Kathrin Kaschura

Politiker als Prominente - die Sicht der Zuschauer

Charakterisierung der gebildeten Typen

Zunächst lässt sich feststellen, dass die Heterogenität der Befragten maßgeblich durch individuelle Normen und Werthaltungen, Emotionen gegenüber den Fernsehpersonen sowie persönliche Bedürfnisse begründet ist. Diese münden in einer positiven, ambivalenten oder negativen Bewertung des Genres und damit auch von Politikerauftritten in Personality-Talks sowie den dort erwarteten Themen. Die Rezeption oder Nicht-Rezeption ist somit zunächst von den individuellen Voreinstellungen der Befragten abhängig. In einem weiteren Schritt der Analyse und des Vergleichs der Daten ist es gelungen, die Äußerungen der Befragten zu klassifizieren, das heißt, sie vier unterschiedlichen Typen zuzuordnen, die von aktiven über potenzielle Nutzer bis zu Nicht-Nutzern von Personality-Talks reichen. Neben den Rezeptionsmustern hat sich ein weiteres wichtiges Merkmal herauskristallisiert: Die Wirkung eines Politikerauftrittes hängt in hohem Maß davon ab, ob er als authentisch oder unglaubwürdig eingeschätzt wird. Diese Einschätzung ist unter anderem vom Wissen um die Inszenierung solcher Auftritte abhängig.

Im Rahmen des untersuchten Samples konnten keine Befragten ausgemacht werden, die eine Nutzung von Personality-Talks kategorisch ablehnen, gleichzeitig aber Politikerauftritte für glaubwürdig halten. Es konnten darüber hinaus auch keine Befragten identifiziert werden, auf die Politikerauftritte in Personality-Talks unglaubwürdig wirken und die sie dennoch mit einer gewissen Regelmäßigkeit nutzen.

Der Kritisch-Distanzierte

Idealtypisch betrachtet, zeichnet sich der Kritisch-Distanzierte vor allem durch kategorische Ablehnung und eine negative Bewertung des Genres aus. Diese Haltung begründet er normativ. Er interessiert sich nicht für private, persönliche Geschichten von Prominenten und weicht ihrer Rezeption in der Regel aus. Er sieht generell sehr wenig und ausschließlich zielorientiert fern. Fernsehen kann für ihn auch eine Unterhaltungsfunktion erfüllen, aber dann wendet er sich anderen Formaten wie beispielsweise Spielfilmen zu. Wenn er Politikerauftritte in Personality-Talks schaut, dann sachlich, unemotional und mit kritischer Distanz. Der Kritisch-Distanzierte findet die Mischung aus Politik und Unterhaltung problematisch. Er wünscht sich eine strikte Trennung der beruflichen und privaten Rolle bei der Darstellung politischer Akteure in der Öffentlichkeit. Er bevorzugt politische Informationen ohne unterhaltende Elemente und ist sich bewusst, dass solche Auftritte sowohl von Seiten der Medien als auch der politischen Akteure inszeniert sind. Darum empfindet er Politiker und ihre privaten und menschlichen Geschichten in unterhaltenden Kontexten als unglaubwürdig.

Der Begeisterte

Der Idealtypus des Begeisterten ist politisch interessiert, sucht jedoch keine Information, sondern Unterhaltung im Fernsehen. Wenn er Politiker in Personality-Talks sieht, will er Privates hören und interessiert sich für den Menschen. Der Rezeption politischer Informationssendungen weicht er hingegen aus. Dem Begeisterten ist es wichtig, dass Personality-Talks spannend sind und seine Neugierde und Sensationslust zumindest gelegentlich befriedigen. Er hofft auf überraschende Momente, auf peinliche Situationen für die politischen Akteure und persönliche Enthüllungen. Dieses Kriterium spielt für ihn unter anderem auch deshalb eine Rolle, weil er sehr gerne über Personality-Talks redet: Er liebt Tratsch und Klatsch, nicht nur in Bezug auf politische Akteure. Dieser Typ zeichnet sich durch eine starke emotionale Beziehung zu Moderatoren und Talkshowgästen sowie durch eine hohe Empathie und Identifikationsbereitschaft aus. Er ist sich der Inszenierung zwar bewusst, hält Politikerauftritte in Personality-Talks grundsätzlich aber für glaubwürdig und spricht ihnen einen hohen Grad an Authentizität zu. Darum bietet ihm die Rezeption dieser Formate auch den Nutzen politischer Orientierung und Information. Sie helfen ihm, politische Entscheidungen verstehen und nachvollziehen zu können. Beispielsweise ergänzen sie seine Vorstellungsbilder von Politikern und verfestigen seinen persönlichen Eindruck ihrer politischen Kompetenzen. Des Weiteren hilft ihm die Rezeption solcher Auftritte, seine politische Meinung zu bestätigen und den Überblick darüber zu behalten, welche Themen und Akteure gerade die politischen Diskussionen bestimmen. Er nutzt diese Informationen unter anderem gezielt für seine Wahlentscheidung. An eine feste Partei fühlt er sich nicht gebunden, sondern er entscheidet kurzfristig und personenorientiert, wen er wählt. Das Parteiprogramm interessiert ihn nicht, hingegen sind sein persönlicher Eindruck, seine Sympathie oder Antipathie gegenüber den Kandidaten entscheidend für seine Wahl.

Skeptiker auf der Suche nach Unterhaltung

Idealtypisch betrachtet, ist dieser Typus formal hoch gebildet und politisch nicht nur stark interessiert, sondern auch umfassend informiert. Politikerauftritte in Personality-Talks haben aus seiner Sicht keinerlei politischen Informationsgehalt. Er bewertet das Genre kritisch, da er der Meinung ist, dass Politikerauftritte in unterhaltenden Kontexten zur Desinformation der breiten Bevölkerung beitragen. Seine Wahlentscheidung trifft er rein partei- und sachorientiert. Auf Grund seines fundierten politischen Wissens benötigt er keine Personalisierung, um politische Entscheidungen nachvollziehen zu können. Er zählt aber generell zu den Rezipienten von Personality-Talks. Ihm gefällt die Mischung aus Unterhaltung und Information, wobei der Fokus deutlich auf den unterhaltenden Aspekten liegt. Trotz seiner Skepsis gibt er offen zu, neugierig zu sein und Interesse an unerwarteten, überraschenden Elementen in einem Personality-Talk zu haben. Es ist ihm wichtig, dass er etwas über den privaten Menschen erfährt. Er hat Spaß an der "Homestory", nimmt aber gleichzeitig eine eindeutige Trennung von beruflicher und privater Rolle vor und nutzt die erhaltenen Informationen nicht für die Zuschreibung politischer Kompetenz. Dieser Nutzer ist sich des inszenierten Charakters von Politikerauftritten in Personality-Talks bewusst und kennt auch die Motive der politischen Akteure, in unterhaltungsorientierten Formaten etwas von sich selbst preiszugeben. Die präsentierten Geschichten hält er jedoch für glaubwürdig. Da sein Interesse vor allem darin liegt, mehr über die menschliche, private Seite von Politikern zu erfahren, stört ihn der inszenierte Charakter der Sendungen nicht.

Skeptiker auf der Suche nach Informationen

Dieser Idealtypus nimmt gegenüber Politikerauftritten in Personality-Talks eine kritisch-distanzierte Haltung ein. Er bewertet die Vermischung von Unterhaltung und politischer Information als problematisch. Personality-Talks rezipiert er vor allem unter dem Gesichtspunkt der Informationsfunktion. Eine unterhaltende Funktion erfüllen sie für ihn nicht. Im Gegensatz zum Kritisch-Distanzierten verfügt er aber bereits über die Erfahrung, dass sich persönliche und private Informationen von Politikern zur Ergänzung seiner Vorstellungsbilder nutzen lassen. Sie helfen ihm beispielsweise, politische Entscheidungen besser nachvollziehen zu können. Dennoch zieht er eine klare Trennlinie zwischen rollennahen und -fernen Eigenschaften. Politikerauftritte in Personality-Talks hält er für Show, die allein dadurch motiviert ist, bestimmte Zielgruppen und Wählerschichten zu erreichen. Aus seiner Sicht vergrößern Politiker und Politikerinnen mit solchen Auftritten ihre Bekanntheit, um erfolgreicher zu sein. Folglich ist seine Rezeption auch dadurch geprägt, dass er die Auftritte in Personality-Talks unglaubwürdig findet und ihnen nur wenig Authentizität zuspricht.