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9.2.2006 | Von:
Kathrin Kaschura

Politiker als Prominente - die Sicht der Zuschauer

Wie nehmen Fernsehzuschauer die Auftritte von Politkern in Personality-Talks wahr? Die hier vorgestellte Studie zeigt das gesamte Spektrum von individueller Wahrnehmung, normativer Bewertung und emotionaler Wirkung auf.

Einleitung

Politiker möchten möglichst viele Menschen erreichen und von ihren politischen Ansichten überzeugen. Sie müssen bekannt sein, wenn sie gewählt werden wollen. Dazu benötigen sie Medienpräsenz. Um möglichst oft und vorteilhaft präsentiert zu werden, orientieren sie sich an Selektionskriterien der Medien und professionalisieren ihre Politikvermittlung. Eine mögliche Strategie politischer Akteure, ihre Attraktivität in der Öffentlichkeit zu steigern, ist die Anpassung an Anforderungen massenmedialer Unterhaltungsangebote.





Gesprächsorientierte Fernsehsendungen spielen hierbei eine besondere Rolle. Jens Tenscher spricht in diesem Zusammenhang von "politischer Talkshowisierung" und beschreibt damit zwei zu beobachtende Trends, die sich wechselseitig beeinflussen: erstens das wachsende Angebot an Unterhaltungssendungen, zweitens die steigende Bereitschaft und Kompetenz politischer Akteure, sich in diesen Formaten zu präsentieren.[1]Dazu gehören auch Auftritte in Personality-Talks, in denen Politiker und Politikerinnen neben anderen Prominenten über Persönliches sprechen und sich als Privatpersonen inszenieren. Dieses Format dient vor allem der Darstellung von bekannten Persönlichkeiten verschiedener gesellschaftlicher Bereiche.

In der Regel werden die Gäste nacheinander zu Persönlichem und Amüsantem befragt.[2] Aufgrund der zurückhaltenden Moderation sowie einer entspannten, freundlichen Gesamtatmosphäre bekommen Politiker hier ein besonderes Forum für ihre Selbstdarstellung geboten. Die "menschelnde Unterhaltung" steht im Vordergrund, politische Themen werden eher indirekt vermittelt.[3] Damit gehört Politikferne zum Programm. Es geht darum, massenmediale Aufmerksamkeit für die eigene Person zu erlangen. Politiker wollen Sympathie und Empathie vermitteln, ihre persönliche Integrität darstellen, Kompetenzen demonstrieren und Vertrauen gewinnen. Politik wird auf diese Weise popularisiert. Diese Strategie ist mit der Hoffnung verbunden, auch in Zeiten eines zunehmend fragmentierten Publikums eine möglichst breite Zielgruppe und Menschen mit geringem politischen Interesse erreichen zu können.

Die Entwicklung einer professionalisierten Politikvermittlung, in der Unterhaltungsaspekte immer mehr Raum einnehmen, wird in der wissenschaftlichen Diskussion unterschiedlich bewertet. Aus normativ-demokratietheoretischer Perspektive wird befürchtet, dass Wahlentscheidungen vor allem durch rollenferne, unpolitische Merkmale von Politikern beeinflusst werden. Es bestehe die Gefahr, dass Politik nicht mehr argumentativ und problemorientiert, sondern verstärkt emotional und wirkungszentriert vermittelt werde.[4] Befürworter einer derartigen Politikvermittlung sind hingegen der Meinung, dass die Bürger das Bedürfnis haben, mehr über ihre gewählten Repräsentanten zu erfahren, als sich unmittelbar aus politischen Kontexten entnehmen lässt. Sie gehen davon aus, dass auch politisch Desinteressierte mit dieser Art der Politikvermittlung erreicht und aktiviert werden können.

Forschungsinteresse und Methode

Ungeachtet einer nicht unerheblichen Publikumsresonanz wird die wissenschaftliche Diskussion über die Auswirkungen einer Verquickung von Unterhaltung und Politik überwiegend theoretisch geführt. Es gibt immer noch zu wenig empirische Daten zur Nutzung und Wirkung von Entertainisierungsstrategien politischer Akteure. Diese Überlegungen dienten als Grundlage für die im Jahr 2004 durchgeführte Studie Politiker als Prominente.[5] Ziel der Untersuchung war es, Rezeptionsmotive und Wirkung von Politikerauftritten in Personality-Talks zu rekonstruieren. Im Zentrum standen Fragen nach persönlichem Verständnis und individuellen Motiven der Rezeption von Politikerauftritten.

Die Entscheidung, keine quantitative, sondern eine qualitative Untersuchung durchzuführen, hatte unterschiedliche Gründe. Bei der Frage nach der Wahrnehmung der Rezipienten stehen diese als Experten ihrer Lebenswelt, ihrer Einstellungen und Gefühle im Mittelpunkt. Es geht nicht um die Häufigkeit beobachteter Phänomene, sondern um die Qualität und die Festlegung eines Rahmens, um das Abstecken eines in der sozialen Realität anzutreffenden Forschungsfeldes. Qualitative Befragungen haben außerdem den Vorteil, dass sie dort interessante Ergebnisse liefern können, wo quantitative Befragungen mit sozial erwünschten Antworten zu kämpfen haben. Wer würde in einer standardisierten Befragung zugeben, sich stärker für das Privatleben von Politikern als für Parteiprogramme zu interessieren? Des Weiteren lagen bis zu diesem Zeitpunkt keine Befunde zum subjektiven Erleben von Politikerauftritten in Personality-Talks oder zu individuellen Rezeptionsmotiven vor. Die Spannbreite von Meinungen und Einstellungen war daher nicht bekannt. Die Entscheidung für einen quantitativen Ansatz hätte bedeutet, die befragten Menschen mittels eines Forschungsrasters zu untersuchen, das Gefahr läuft, die "Differenziertheit der sozialen Gegenstände" nicht genau zu erfassen.[6]

Zur Beantwortung der Forschungsfrage "Wie nehmen Fernsehzuschauer Politikerauftritte in Personality-Talks wahr?" wurden Interviews mit Personen geführt, die sich, wie obige Darstellung zeigt, hinsichtlich ihrer soziodemografischen Merkmale Alter, Geschlecht und formaler Bildungsgrad stark voneinander unterschieden. Insgesamt wurden in der Zeit vom 10. bis 29. September 2004 dreizehn leitfadengestützte Einzelinterviews durchgeführt. Die Dauer variierte zwischen 28 und 50 Minuten. Der Schwerpunkt der Befragung lag im Raum Heidelberg, Mannheim und Weinheim.

Zu Beginn der Interviews wurden Gesprächsausschnitte aus zwei Personality-Talks vorgeführt, die chronologisch auf ein Videoband geschnitten waren. Es handelte sich um Angela Merkel in der Sendung Beckmann sowie Franz Müntefering und Tochter Mirjam in der Sendung Menschen bei Maischberger. Im Anschluss daran begann jedes Interview mit der identisch gestellten, allgemein gehaltenen Frage: Und wie wirkt das so auf Sie? Der weitere Verlauf des Gesprächs gestaltete sich durch Aufgreifen der Themen, die von den Interviewpartnern angesprochen wurden, sowie durch Nachfragen.

Analyse der Interviews

Das Ziel der qualitativen Analyse bestand darin, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Einstellungen und Meinungen der Rezipienten gegenüber Politikerauftritten in Personality-Talks aufzuzeigen. Die Interviews wurden in mehreren Schritten ausgewertet. Im Anschluss an die Kategorisierung des Datenmaterials erfolgte eine charakterisierende Darstellung der Einzelfälle, die gleichzeitig eine Interpretation der erhobenen Daten darstellte. Dieser Analyseschritt diente der Rekonstruktion subjektiver Motive der Rezeption oder Nicht-Rezeption sowie der individuellen Wirkung von Politikerauftritten. In einem weiteren Schritt wurden Verfahren des Fallvergleichs, der Kontrastierung von Fällen und der Typenbildung angewandt. Diese zielen auf die Reduktion der Komplexität des Untersuchungsgegenstandes, wodurch Zusammenhänge deutlicher hervortreten.

Dieser Prozess dient der Anregung der Hypothesenbildung"über allgemeine kausale Beziehungen und Sinnzusammenhänge" hinaus.[7] Als Abschluss dieses Analyseschrittes und zentrales Ergebnis wurde die Bildung und Darstellung von vier idealtypischen Nutzern bzw. Nicht-Nutzern von Politikerauftritten in Personality-Talks vorgenommen. Max Weber hat den Begriff des Idealtypus in den Sozialwissenschaften geprägt. Er versteht darunter eine begriffliche "Konstruktion" oder eine "Synthese", die in ihrer "begrifflichen Reinheit [...] nirgends in der Wirklichkeit empirisch vorfindbar" ist.[8] Der Idealtypus ist folglich eine Abstraktion von real existierenden Einzelphänomenen, die zugespitzt formuliert werden, wobei die Besonderheit des Einzelfalls darin enthalten ist und erklärt wird. Zu diesem Zweck wird jeweils ein möglichst optimaler Fall aus den Gruppierungen ausgewählt, der als repräsentativ gelten kann. Mit seiner Hilfe werden einzelne charakteristische Merkmale pointiert dargestellt und idealtypisch zugespitzt.[9]

Charakterisierung der gebildeten Typen

Zunächst lässt sich feststellen, dass die Heterogenität der Befragten maßgeblich durch individuelle Normen und Werthaltungen, Emotionen gegenüber den Fernsehpersonen sowie persönliche Bedürfnisse begründet ist. Diese münden in einer positiven, ambivalenten oder negativen Bewertung des Genres und damit auch von Politikerauftritten in Personality-Talks sowie den dort erwarteten Themen. Die Rezeption oder Nicht-Rezeption ist somit zunächst von den individuellen Voreinstellungen der Befragten abhängig. In einem weiteren Schritt der Analyse und des Vergleichs der Daten ist es gelungen, die Äußerungen der Befragten zu klassifizieren, das heißt, sie vier unterschiedlichen Typen zuzuordnen, die von aktiven über potenzielle Nutzer bis zu Nicht-Nutzern von Personality-Talks reichen. Neben den Rezeptionsmustern hat sich ein weiteres wichtiges Merkmal herauskristallisiert: Die Wirkung eines Politikerauftrittes hängt in hohem Maß davon ab, ob er als authentisch oder unglaubwürdig eingeschätzt wird. Diese Einschätzung ist unter anderem vom Wissen um die Inszenierung solcher Auftritte abhängig.

Im Rahmen des untersuchten Samples konnten keine Befragten ausgemacht werden, die eine Nutzung von Personality-Talks kategorisch ablehnen, gleichzeitig aber Politikerauftritte für glaubwürdig halten. Es konnten darüber hinaus auch keine Befragten identifiziert werden, auf die Politikerauftritte in Personality-Talks unglaubwürdig wirken und die sie dennoch mit einer gewissen Regelmäßigkeit nutzen.

Der Kritisch-Distanzierte

Idealtypisch betrachtet, zeichnet sich der Kritisch-Distanzierte vor allem durch kategorische Ablehnung und eine negative Bewertung des Genres aus. Diese Haltung begründet er normativ. Er interessiert sich nicht für private, persönliche Geschichten von Prominenten und weicht ihrer Rezeption in der Regel aus. Er sieht generell sehr wenig und ausschließlich zielorientiert fern. Fernsehen kann für ihn auch eine Unterhaltungsfunktion erfüllen, aber dann wendet er sich anderen Formaten wie beispielsweise Spielfilmen zu. Wenn er Politikerauftritte in Personality-Talks schaut, dann sachlich, unemotional und mit kritischer Distanz. Der Kritisch-Distanzierte findet die Mischung aus Politik und Unterhaltung problematisch. Er wünscht sich eine strikte Trennung der beruflichen und privaten Rolle bei der Darstellung politischer Akteure in der Öffentlichkeit. Er bevorzugt politische Informationen ohne unterhaltende Elemente und ist sich bewusst, dass solche Auftritte sowohl von Seiten der Medien als auch der politischen Akteure inszeniert sind. Darum empfindet er Politiker und ihre privaten und menschlichen Geschichten in unterhaltenden Kontexten als unglaubwürdig.

Der Begeisterte

Der Idealtypus des Begeisterten ist politisch interessiert, sucht jedoch keine Information, sondern Unterhaltung im Fernsehen. Wenn er Politiker in Personality-Talks sieht, will er Privates hören und interessiert sich für den Menschen. Der Rezeption politischer Informationssendungen weicht er hingegen aus. Dem Begeisterten ist es wichtig, dass Personality-Talks spannend sind und seine Neugierde und Sensationslust zumindest gelegentlich befriedigen. Er hofft auf überraschende Momente, auf peinliche Situationen für die politischen Akteure und persönliche Enthüllungen. Dieses Kriterium spielt für ihn unter anderem auch deshalb eine Rolle, weil er sehr gerne über Personality-Talks redet: Er liebt Tratsch und Klatsch, nicht nur in Bezug auf politische Akteure. Dieser Typ zeichnet sich durch eine starke emotionale Beziehung zu Moderatoren und Talkshowgästen sowie durch eine hohe Empathie und Identifikationsbereitschaft aus. Er ist sich der Inszenierung zwar bewusst, hält Politikerauftritte in Personality-Talks grundsätzlich aber für glaubwürdig und spricht ihnen einen hohen Grad an Authentizität zu. Darum bietet ihm die Rezeption dieser Formate auch den Nutzen politischer Orientierung und Information. Sie helfen ihm, politische Entscheidungen verstehen und nachvollziehen zu können. Beispielsweise ergänzen sie seine Vorstellungsbilder von Politikern und verfestigen seinen persönlichen Eindruck ihrer politischen Kompetenzen. Des Weiteren hilft ihm die Rezeption solcher Auftritte, seine politische Meinung zu bestätigen und den Überblick darüber zu behalten, welche Themen und Akteure gerade die politischen Diskussionen bestimmen. Er nutzt diese Informationen unter anderem gezielt für seine Wahlentscheidung. An eine feste Partei fühlt er sich nicht gebunden, sondern er entscheidet kurzfristig und personenorientiert, wen er wählt. Das Parteiprogramm interessiert ihn nicht, hingegen sind sein persönlicher Eindruck, seine Sympathie oder Antipathie gegenüber den Kandidaten entscheidend für seine Wahl.

Skeptiker auf der Suche nach Unterhaltung

Idealtypisch betrachtet, ist dieser Typus formal hoch gebildet und politisch nicht nur stark interessiert, sondern auch umfassend informiert. Politikerauftritte in Personality-Talks haben aus seiner Sicht keinerlei politischen Informationsgehalt. Er bewertet das Genre kritisch, da er der Meinung ist, dass Politikerauftritte in unterhaltenden Kontexten zur Desinformation der breiten Bevölkerung beitragen. Seine Wahlentscheidung trifft er rein partei- und sachorientiert. Auf Grund seines fundierten politischen Wissens benötigt er keine Personalisierung, um politische Entscheidungen nachvollziehen zu können. Er zählt aber generell zu den Rezipienten von Personality-Talks. Ihm gefällt die Mischung aus Unterhaltung und Information, wobei der Fokus deutlich auf den unterhaltenden Aspekten liegt. Trotz seiner Skepsis gibt er offen zu, neugierig zu sein und Interesse an unerwarteten, überraschenden Elementen in einem Personality-Talk zu haben. Es ist ihm wichtig, dass er etwas über den privaten Menschen erfährt. Er hat Spaß an der "Homestory", nimmt aber gleichzeitig eine eindeutige Trennung von beruflicher und privater Rolle vor und nutzt die erhaltenen Informationen nicht für die Zuschreibung politischer Kompetenz. Dieser Nutzer ist sich des inszenierten Charakters von Politikerauftritten in Personality-Talks bewusst und kennt auch die Motive der politischen Akteure, in unterhaltungsorientierten Formaten etwas von sich selbst preiszugeben. Die präsentierten Geschichten hält er jedoch für glaubwürdig. Da sein Interesse vor allem darin liegt, mehr über die menschliche, private Seite von Politikern zu erfahren, stört ihn der inszenierte Charakter der Sendungen nicht.

Skeptiker auf der Suche nach Informationen

Dieser Idealtypus nimmt gegenüber Politikerauftritten in Personality-Talks eine kritisch-distanzierte Haltung ein. Er bewertet die Vermischung von Unterhaltung und politischer Information als problematisch. Personality-Talks rezipiert er vor allem unter dem Gesichtspunkt der Informationsfunktion. Eine unterhaltende Funktion erfüllen sie für ihn nicht. Im Gegensatz zum Kritisch-Distanzierten verfügt er aber bereits über die Erfahrung, dass sich persönliche und private Informationen von Politikern zur Ergänzung seiner Vorstellungsbilder nutzen lassen. Sie helfen ihm beispielsweise, politische Entscheidungen besser nachvollziehen zu können. Dennoch zieht er eine klare Trennlinie zwischen rollennahen und -fernen Eigenschaften. Politikerauftritte in Personality-Talks hält er für Show, die allein dadurch motiviert ist, bestimmte Zielgruppen und Wählerschichten zu erreichen. Aus seiner Sicht vergrößern Politiker und Politikerinnen mit solchen Auftritten ihre Bekanntheit, um erfolgreicher zu sein. Folglich ist seine Rezeption auch dadurch geprägt, dass er die Auftritte in Personality-Talks unglaubwürdig findet und ihnen nur wenig Authentizität zuspricht.

Fazit und Ausblick

Mit Hilfe dieser Typisierung ergibt sich folgendes Bild: Rezipienten suchen aktiv und selektiv Medieninhalte, die ihnen bestimmte Gratifikationen und damit ein spezifisches Fernseherleben versprechen. Auch wenn die Ergebnisse dieser Analyse aufgrund der Fallzahl nicht repräsentativ und daher nicht verallgemeinerbar sind, so zeigen sie doch deutlich, dass ein- und dieselbe Sendung für heterogene Typen von Zuschauern unterschiedliche Funktionen erfüllen kann. Es ist auffallend, dass sich die Befragten nicht anhand ihrer soziodemografischen Merkmale auf die unterschiedlichen Typen aufteilen. Vielmehr scheinen andere Variablen, deren Ursprung in psychologischen und auch sozialen Kontexten zu suchen ist, einen bedeutenderen Einfluss auszuüben. Wegen der geringen Zahl der Befragten kann ein Einfluss der soziodemografischen Merkmale jedoch nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Hier bieten sich Ansatzpunkte für umfassendere Untersuchungen.

Insgesamt bestätigen die Ergebnisse, dass die Unterscheidung von Unterhaltung und Information formal und kommunikator-orientiert ist. Aus Rezipientensicht ist sie nicht relevant. Personality-Talks verfolgen aus Sicht der Fernsehmacher primär das Ziel der Unterhaltung. Die empirischen Ergebnisse zeigen jedoch, dass bei einem nicht unerheblichen Teil der Befragten sowohl Unterhaltungs- als auch Informationsbedürfnisse und damit auch Bedürfnisse nach politischer Orientierung mit der Rezeption von Politikerauftritten in Personality-Talks erfüllt werden. Die Gewichtung ist unterschiedlich, aber viele der Befragten erleben Unterhaltung und Information gleichzeitig. Besonders deutlich zeigt sich dies im Hinblick auf den Typus des Begeisterten, für den politische Information und Unterhaltung keine Gegensätze sind, sondern zusammengehören. Die Mischung aus Privatem/Persönlichem und Politik macht für ihn den Reiz aus, sich überhaupt mit politischen Themen zu beschäftigen.

Als weiteres Ergebnis dieser Untersuchung lässt sich festhalten, dass sich die Chancen der medialen Wirkung von Politikern in Personality-Talks in Abhängigkeit von subjektiven Nutzenerwartungen und Bedeutungszuweisungen der Rezipienten entfalten. In den Einzelfallanalysen konnte gezeigt werden, dass Zuschauer Politikerauftritte in Personality-Talks auf vielfältige Weise erleben. Ihre Entscheidung für ein bestimmtes Medium und einen bestimmten Medieninhalt treffen sie aufgrund spezifischer Bedürfnisse, Gratifikationserwartungen, Bedeutungszuweisungen und nicht zuletzt individueller Werthaltungen. Als relevante inhärente Einflussfaktoren haben sich normative Einstellungen gegenüber dem Genre Personality-Talk, Einstellungen und Emotionen im Hinblick auf politische Akteure allgemein oder gegenüber spezifischen Politikern, der Grad des politischen Interesses sowie Funktionen des Fernsehens im Alltag der Befragten erwiesen. Aber auch situative Faktoren, wie zum Beispiel der Zeitpunkt, zu dem solche Formate gesendet werden oder die familiäre Situation während ihrer Ausstrahlung, spielen für die Rezeption eine Rolle. Übereinstimmend wurden von den Befragten folgende Punkte als ausschlaggebend für ihr Interesse genannt: die Person des Moderators, der jeweilige Talkshowgast, konkrete Äußerungen, die beim Zapping ihre Aufmerksamkeit wecken sowie gerade angesprochene, für sie interessante Themen.

Politiker, die sich in Personality-Talks von ihrer privaten, menschlichen Seite präsentieren, sind unter anderem deshalb dazu bereit, weil sie glauben, dass mit Hilfe solcher Formate und der Privatisierung von Politik insbesondere auch politisch wenig interessierte Menschen erreicht werden können. Dies ist eine auch in der wissenschaftlichen Literatur weit verbreitete Auffassung, der es allerdings an empirischen Belegen mangelt. Politisch Desinteressierte verfügen über ein geringes und meist unsystematisches politisches Wissen. Mit einer Ausnahme haben alle Interviewpartner angegeben, sich Personality-Talks nicht gezielt auszusuchen. Sie entscheiden kurzfristig und interessengeleitet beim Zapping über Rezeption oder Nicht-Rezeption. Aus diesen Überlegungen lässt sich folgende Hypothese ableiten: Wenn Personality-Talks ausschließlich aus Neigung und Interesse rezipiert werden, dann wird die Zielgruppe der politisch gering Interessierten nicht oder nur in bescheidenem Umfang durch Politikerauftritte in diesem Format erreicht. Hier bietet sich ein weiterer interessanter Anknüpfungspunkt für repräsentative Studien.

Keiner der Befragten rezipiert Politikerauftritte in Personality-Talks unkritisch oder naiv und könnte damit wertend als "unmündiger" Rezipient abgestempelt werden. Massenmediale Inhalte werden nicht einfach übernommen, sondern vor dem eigenen Hintergrundwissen gedeutet und überprüft. Alle Befragten sind sich, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, des inszenierten Charakters sowie des Verhältnisses gegenseitiger Abhängigkeit von Massenmedien und Politik bewusst.

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Fußnoten

1.
Jens Tenscher, Talkshowisierung als Element moderner Politikvermittlung, in: Ders./Christian Schicha (Hrsg.), Talk auf allen Kanälen. Angebote, Akteure und Nutzer von Fernsehgesprächssendungen, Wiesbaden 2002, S. 56.
2.
Ich verwende den Begriff Personality-Talks in Anlehnung an Wolfgang Scheidt (Ders., Affekt-Talks. Rezeptionsmotive und affektive Bewertung eines TV-Genres, Berlin 2000, S. 60) und synonym zu Klaus Plakes "Personality-Shows" (Ders., Talkshows. Die Industrialisierung der Kommunikation, Darmstadt 1999, S. 35).
3.
Tanjev Schultz, Menschelnde Unterhaltung mit Politikern. Daten und Überlegungen zu Politikerauftritten in Promi-Talkshows, in: Christian Schicha/Carsten Brosda (Hrsg.), Politikvermittlung in Unterhaltungsformaten. Medieninszenierungen zwischen Popularität und Populismus, Münster 2002, S. 183.
4.
Vgl. Carsten Brosda, Emotionen und Expressivität in Polit-Talks. Die emotionale Dimension von Politiker-Diskussionen im Fernsehen, in: J. Tenscher/C.Schicha (Anm. 1), S. 383.
5.
Vgl. Kathrin Kaschura, Politiker als Prominente. Wie nehmen Fernsehzuschauer Politikerauftritte in Personality-Talks wahr? Eine qualitative Analyse, Münster 2005. Der vorliegende Aufsatz bietet eine Zusammenfassung zentraler Ergebnisse der Studie, die am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zur Erlangung eines akademischen Grades einer Magistra Artium vorgelegt wurde. Die Buchpublikation bietet detaillierte Informationen zu Forschungsdesign, Analyse der Interviews sowie die Darstellung der Ergebnisse des Fallvergleichs und der Typenbildung.
6.
Uwe Flick, Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung, Reinbek 2002, S. 12 f.
7.
Udo Kelle/Susann Kluge, Vom Einzelfall zum Typus. Fallvergleich und Fallkontrastierung in der qualitativen Sozialforschung, Opladen 1999, S. 9.
8.
Max Weber, Die Objektivität` sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen 1988, S. 190 - 191, zit. nach Susann Kluge, Empirisch begründete Typenbildung, Opladen 1999, S. 62.
9.
Vgl. U. Kelle/S. Kluge (Anm. 7), S. 95 f.