Demonstration gegen Hartz IV am 2.10.2004 in Berlin

25.10.2019 | Von:
Daniela Schiek
Carsten G. Ullrich

Generationen der Armut? Zur familialen Transmission wohlfahrtsstaatlicher Abhängigkeit

Seit der Einführung der Grundsicherung für Arbeitssuchende 2005 wächst stetig die Sorge, dass mit der zunehmenden Anzahl von Kindern unter den Leistungsbezieher*innen ganze Generationen heranwachsen, die genau wie ihre Eltern nie erwerbstätig sein werden und Sozialleistungsbezug als "Berufswunsch" entwickeln.[1] Zwar ist die Annahme einer sich über Generationen fortsetzenden Fürsorgeabhängigkeit so prominent wie betagt; sie lässt sich mindestens bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Doch wird häufig im Zuge von sozialpolitischen Reformen über die Merkmale von Leistungsempfänger*innen und nicht intendierten Wirkungen sozialer Sicherung diskutiert.[2] Vor Hartz IV war es zuletzt die Sozialhilfereform in den 1990er Jahren, die zu einer umfassenden Debatte insbesondere über alleinerziehende Mütter und ihre Kinder als – möglicherweise lebenslange – Leistungsempfänger*innen führte.[3]

Zwar lässt sich eine zwingend höhere Wahrscheinlichkeit, mit der Kinder, die mithilfe von Sozialhilfe aufgewachsen sind, als Erwachsene selbst wiederum dauerhaft von Sozialleistungen abhängig sind, nicht eindeutig nachweisen.[4] Die Reproduktion sozialer Lagen ist jedoch in Deutschland besonders hoch, die soziale Aufwärtsmobilität entsprechend gering, und in den Sozialwissenschaften besteht hinsichtlich dessen, dass ein Aufwachsen in Armut die Chancen und Kompetenzen für eine erfolgreiche Lebensführung einschränkt, ungebrochene Einigkeit.

Dabei wird nicht (nur) von einer direkten ökonomischen Restriktion ausgegangen, sondern vielmehr davon, dass die hierdurch beeinträchtigten Sozialisationsbedingungen in benachteiligten Familien ungünstig für die Entwicklung von Handlungsorientierungen in Richtung Arbeitsgesellschaft sind.[5] Daher wird selten von einer "Weitergabe" oder "Vererbung" gesprochen, gebräuchlicher ist der Begriff der intergenerationellen "Transmission" von Armut. Dieser betont die Sozialisation in Armut, steht also für die mittelbare Weitergabe von Werthaltungen, Deutungsmustern, Handlungsorientierungen, Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeiten. Es geht um die Frage nach einer kulturellen Reproduktion von Lebensweisen.

In den Sozialwissenschaften gibt es dafür im Prinzip drei theoretische Antworten: Die wahltheoretische, die psychosoziale und die kultursoziologische. Theorien rationaler Wahlen gehen dabei von Kosten-Nutzen-Abwägungen der Leistungsempfänger*innen sowie davon aus, dass der Bezug von Sozialleistungen – auch wegen ihrer vermeintlichen Generosität – eine günstige oder zumindest nicht abschreckende Lebensoption darstelle (disincentives). Erwachsene würden sich beispielsweise leichter für diese Möglichkeit entscheiden, wenn sie bereits in ihrer Kindheit Erfahrungen im Umgang mit den Leistungen und Ämtern gemacht hätten.[6]

Im psychosozialen Ansatz steht dagegen die Beobachtung im Vordergrund, dass mit zunehmender Dauer des Leistungsbezugs Selbstvertrauen und Selbsthilfefähigkeit schwinden und sich Langzeitarbeitslose resignativ in einem Leben mit der Wohlfahrt samt ihren Kontrollen und ihrer Bevormundung einrichten würden (welfarization). "Erlernte Hilflosigkeit" ist ein prominentes Stichwort für diese Annahme, bei der sich das "Klima" der Hoffnungslosigkeit auch auf die Kinder übertrage. Als prominente Studien aus dieser Richtung sind nicht nur die frühe Marienthalstudie zu nennen, sondern ebenso die Arbeitslosenstudien der 1990er Jahre sowie auch neuere Arbeiten nach Hartz IV.[7]

Sowohl mit dem Ansatz strategischer Wahlen als auch mit dem der Resignation vereinbar ist der kultursoziologische Ansatz. Dabei wird fast ausnahmslos die Habitustheorie des Soziologen Pierre Bourdieu herangezogen, wenn es um die familiale Reproduktion sozialer Ungleichheit geht.[8]

Gemeinsam sind diesen Ansätzen im Wesentlichen zwei Annahmen, die sozialpolitisch relevant sind: Zum einen wird davon ausgegangen, dass Personen durch die in ihrer Kindheit erlebten Lebensbedingungen und Lebensweisen ein Leben lang unwiderruflich geprägt würden. Zum zweiten werden die Wirkungen des Sozialhilfebezugs ausnahmslos negativ beschrieben: Der Bezug wohlfahrtsstaatlicher Leistungen scheint die Handlungs- und Integrationsperspektiven von Menschen in jedem Fall einzuschränken und sie vom Wunsch und der Fähigkeit abzubringen, zu arbeiten und ihr Leben entsprechend zu planen.

Dabei wird die Transmission wohlfahrtsstaatlicher Abhängigkeit auch immer schon vorausgesetzt und nicht direkt empirisch untersucht. Besonders die Argumentation eines "Habitus", mit dem Kinder aus benachteiligten Familien stets erkannt werden und sich ihrem sozialen Aufstieg selbst im Weg stehen, ersetzt inzwischen auch in der qualitativen Forschung mehr und mehr offene empirische Rekonstruktionen.[9] Bereits Bourdieu setzte in seinen Arbeiten die interaktiven Prozesse wie auch die Symbole voraus, in beziehungsweise mit denen der Habitus dargestellt, die Überzeugungsarbeit an den Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata geleistet und milieuhafte Zusammengehörigkeit hergestellt werden muss. Folgt man dem Soziologen Karl Mannheim, beeinflussen sich Generationen permanent wechselseitig und kommen nicht ohne kommunikative "Arbeit" in der jeweiligen Gruppe zustande.[10] In Familien bestehen aufgrund der unterschiedlichen – familialen wie auch gesellschaftlichen – Generationen auch unterschiedliche Perspektiven: Familienmitglieder kommen zu verschiedenen Zeitpunkten in die Familie, was ihre Sichtweisen bestimmt. Ebenso gibt es beispielsweise voneinander abweichendes Arbeitsmarktwissen und unterschiedliche Sozialstaatserfahrungen. Also müssen Familien kontinuierlich zusammen eine gemeinsame Perspektive aushandeln, und sie tun dies – ihr Leben lang – in Interaktionen.

Weil es sich hierbei um kommunikative Prozesse handelt, lassen sie sich mithilfe qualitativer Verfahren, deren zentrales methodisches Prinzip die Kommunikation ist, rekonstruieren und müssen nicht theoretisch gesetzt werden. Denn um die Wirkungen zu studieren, die Sozialpolitik gerade dann entfaltet, wenn Privilegien "von Haus aus" fehlen, bedarf es eines offenen Zugangs, der Möglichkeiten kultureller "Erbschaften" ebenso nachvollziehen kann wie kulturelle Dissonanzen und Brüche innerhalb von benachteiligten Familien. Wie also werden Deutungsmuster und Handlungsorientierungen im Generationenverbund wohlfahrtsstaatlich abhängiger Familien durch kommunikative "Gruppenarbeit" miteinander geteilt oder aber zurückgewiesen?

Um diese Frage zu beantworten, haben wir familiengeschichtliche Mehrgenerationeninterviews mit alleinerziehenden und (ehemals) dauerhaft Sozialleistungen beziehenden Eltern (im Alter von 50 bis 65 Jahren) und deren heute erwachsenen Kindern (im Alter von 25 bis 30 Jahren) geführt, die entweder ebenfalls fortdauernd Sozialleistungen beziehen oder (in unterschiedlicher Reichweite) aufgestiegen sind.[11] Die Interviews fanden mit maximal dreiköpfigen Familien statt: Auf der Seite der Eltern nahmen stets die (alleinerziehende) Mutter, auf der Seite der Kinder maximal zwei Geschwister teil.[12] Oft konnten nicht alle Familienmitglieder an dem Gespräch teilnehmen, worauf wir noch einmal zurückkommen werden.

Das Datenmaterial wurde sequenzanalytisch ausgewertet, bevor Fälle und Typen vergleichend herausgebildet und überprüft wurden.[13] Auf diese Weise konnte ein Kontinuum der intergenerationellen Reproduktion, Transformation und Auflösung wohlfahrtsstaatlicher Abhängigkeit gezeigt werden. Die Typen, die im Folgenden vorgestellt werden, sind sogenannte Idealtypen: Es handelt sich um systematische Abstraktionen von den Einzelfällen, mit denen theoretisch fortgeschrieben und geklärt wurde, was sich empirisch nur "diffus" oder "diskret" andeutet.[14] Wir überschreiten damit bewusst die Perspektiven, die wir im Feld erfahren oder eingenommen haben und buchstabieren so den Möglichkeitsraum zur Forschungsfrage möglichst breit aus.

Fußnoten

1.
Vgl. Anja Schröder, "Ich werd Hartz IV" – Für Hauptschüler ist die Lage am Arbeitsmarkt Dortmund oft aussichtslos, 30.6.2011, http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/ich-werd-hartz-iv-fuer-hauptschueler-ist-lage-am-arbeitsmarkt-dortmund-oft-aussichtslos-id4822567.html«; Peter Hampl, In meiner Familie arbeitet niemand! – Zweite Generation Hartz IV, Stern-TV-Reportage, VOX, 4.5.2010.
2.
Vgl. Carsten G. Ullrich, Die Akzeptanz des Wohlfahrtsstaates. Präferenzen, Konflikte, Deutungsmuster, Wiesbaden 2008.
3.
Vgl. Stephan Leibfried et al. (Hrsg.), Zeit der Armut. Lebensläufe im Sozialstaat, Frankfurt/M. 1995.
4.
Vgl. für einen Überblick Stephen P. Jenkins/Thomas Siedler, The Intergenerational Transmission of Poverty in Industrialized Countries, Chronic Poverty Research Centre, Working Paper 75/2007, http://www.chronicpoverty.org/uploads/publication_files/WP75_Jenkins_Siedler.pdf«.
5.
Vgl. für einen Überblick Daniela Schiek/Carsten G. Ullrich/Frerk Blome, Generationen der Armut. Zur familialen Transmission wohlfahrtsstaatlicher Abhängigkeit, Wiesbaden 2019.
6.
Vgl. Jenkins/Siedler (Anm. 4).
7.
Vgl. Marie Jahoda/Paul F. Lazarsfeld/Hans Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit, Frankfurt/M. 1975 (1933); Martin Kronauer/Berthold Vogel/Frank Gerlach, Im Schatten der Arbeitsgesellschaft. Arbeitslose und die Dynamik sozialer Ausgrenzung, Frankfurt/M.–New York 1993; Peter Bescherer/Silke Röbenack/Karen Schierhorn, Nach Hartz IV: Erwerbsorientierung von Arbeitslosen, in: APuZ 33–34/2008, S. 19–24.
8.
Vgl. Pierre Bourdieu, Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns, Frankfurt/M. 1998.
9.
Vgl. zuletzt etwa Stephanie Knuth, Der Umgang von Soziologie-Professor_innen mit Habitus-Struktur-Konflikten. Eine empirisch-praxeologische Rekonstruktion, in: Soziologie 2/2019, S. 317–355.
10.
Vgl. Karl Mannheim, Das Problem der Generationen, in: Kölner Vierteljahrshefte für Soziologie 7/1928, S. 157–330; Gabriele Rosenthal, Historische und familiale Generationenabfolge, in: Martin Kohli/Marc Szydlik (Hrsg.), Generationen in Familie und Gesellschaft, Opladen 2000, S. 162–178.
11.
Es handelt sich um eine Studie von 2016 bis 2018, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde (SCHI 1184/41 und UL 186/8-1).
12.
Dass wir auf der Seite der Eltern ausschließlich alleinerziehende Mütter interviewten, geschah zwar nicht absichtlich – wir hatten alle möglichen Familienkonstellationen adressiert. Es erscheint aber angesichts dessen, dass sie im Vordergrund des Diskurses um die intergenerationelle Transmission von Sozialhilfekarrieren stehen, sinnvoll. Aus forschungspragmatischen Gründen wurden nur Familien ohne (direkten) Migrationshintergrund einbezogen.
13.
Vgl. ausführlich Schiek/Ullrich/Blome (Anm. 5), S. 39ff.
14.
Max Weber, Die "Objektivität" sozialwissenschaftlicher Erkenntnis. in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 19/1904, S. 65f.
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