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Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien


9.2.2006
Skandale beeinflussen seit jeher das Image von Politikern und der Politik insgesamt. Der historische Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien zeigt, wie sehr die tatsächlichen Auswirkungen eines Skandals von den jeweils geltenden gesellschaftlichen Normen abhängen.

Einleitung



Skandale bestimmen in hohem Maße das Image von Politikern und Politikerinnen sowie der Politik insgesamt. Sie sorgen für kollektive Empörung und prägen die Vorstellungen über den Missbrauch von öffentlichen Ämtern. Dies geschieht auf unterschiedlichen Feldern. Skandale um Parteispenden, Abfindungen oder privat genutzte Bonusmeilen suggerieren die Korruption von Politikern und ihre Bereicherung an öffentlichen Mitteln. Skandale, die Politiker unwahrer Behauptungen überführen, verstärken das Bild der "lügenden Politikerkaste".

Skandale um ethisch-moralische Normverletzungen erwecken gar den Eindruck, Politiker würden generell verantwortungslos handeln. Und insbesondere in der angelsächsischen Politik sorgen regelmäßige Sexskandale dafür, dass Politikern ein promiskuitiver Geschlechtsverkehr nachgesagt wird. Einzelfälle, deren Wahrheitsgehalt oft kaum überprüfbar ist, werden dabei generalisiert.

Erklärt werden diese Skandale zum einen mit kulturpessimistischen Deutungen, die einen moralischen Verfall der Politiker annehmen. Optimistische Erklärungen sehen in Skandalen dagegen das Ergebnis einer zunehmenden öffentlichen Kontrolle der Politik. Andere Studien deuten Skandale vor allem als Machtkämpfe um Vertrauen, denn dies sei im Medienzeitalter eine zentrale und mühsam aufgebaute Ressource von Politikern, die durch Skandale angefochten werde.[1] Zudem gelten Skandale als ein Produkt der modernen Medienmacht. Vor allem die Zunahme des Boulevardjournalismus, der Bildmedien und ihre zunehmende Konkurrenz würden heutzutage zu überzogenen Vorwürfen führen.

Aus historischer Perspektive lassen sich solche aktualitätsbezogenen Einschätzungen relativieren. Tatsächlich sind Skandale so alt wie die öffentliche Kommunikation selbst. Schon in der Antike sorgten beispielsweise Korruptionsvorwürfe für eine Empörung, die sich als Skandal fassen lässt.[2] Ähnlich alt ist bereits der Begriff scandalon, der bis zur Zeit der Aufklärung vor allem schwere religiöse Normbrüche bezeichnete.[3] Ebenso wenig kann man von einer kontinuierlichen Zunahme der Skandale ausgehen. Vielmehr treten seit dem späten 18. Jahrhundert Skandale immer wieder wellenartig gehäuft auf. So kam es beispielsweise im späten 19. Jahrhundert, in den 1920er Jahren und nach 1960 in allen westlichen Demokratien zu zahlreichen Skandalen. Es gab offenbar gemeinsame politische, gesellschaftliche und mediale Entwicklungen, die das international zeitgleiche Auftreten der Skandale begünstigten.



Fußnoten

1.
Vgl. John B. Thompson, Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age, Cambridge 2000.
2.
Vgl. etwa Wolfgang Schuller (Hrsg.), Korruption im Altertum, München 1982.
3.
Vgl. Manfred Schmitz, Theorie und Praxis des politischen Skandals, Frankfurt/M. 1981, S. 12 - 19.