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9.2.2006 | Von:
Frank Bösch

Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien

Was ist ein Skandal?

Eine Beschäftigung mit der historischen Entwicklung von Skandalen erscheint in mehrfacher Hinsicht lohnenswert. Skandale verraten erstens einiges über die Normen, die in einer Gesellschaft jeweils galten. Was zu einer bestimmten Zeit unzulässig ist, führt zu einem anderen Zeitpunkt nicht zwangsläufig zum Skandal. Zweitens zeigen Skandale, in welchem Verhältnis die Medien, die Öffentlichkeit und die Politik zueinander stehen. Skandale lassen sich demnach als Kontrollsysteme der politischen Sphäre verstehen, die auch die Macht der Öffentlichkeit zeigen. Insofern setzen sie eine freie Öffentlichkeit und eine politische Konkurrenz voraus, in der Medien und Politik um Deutung ringen können. Drittens ermöglichen Skandale einen Vergleich zwischen den politischen Kulturen und Normen verschiedener Länder. Denn offensichtlich gelten auch in Demokratien unterschiedliche Wertesysteme, an die sich Politiker halten müssen oder gegen die sie jeweils verstoßen.

Großbritannien und Deutschland bieten sich als interessante Vergleichsfälle an, da die Entwicklung ihrer Demokratiebildung, Mediensysteme und Skandalkulturen offensichtlich anders verlief.[4] Wie haben Skandale seit dem 19. Jahrhundert in beiden Ländern das Bild des Politikers geprägt? Welche historischen Entwicklungsphasen, nationalen Schwerpunkte und Verlaufsformen lassen sich bei den Skandalen ausmachen?

Wenn man Skandale genauer analysieren will, benötigt man zunächst eine brauchbare Definition des Gegenstandes. Sie zu finden, ist nicht ganz einfach. Denn durch die weit verbreitete, alltagssprachliche Verwendung des Wortes gelten Skandale quasi als Synonym für jede Art von Missstand. Vergleicht man die großen Skandale der letzten zweihundert Jahre miteinander, so erscheinen vor allem drei Bedingungen notwendig, um im analytischen Sinne von einem Skandal sprechen zu können: erstens ein Normbruch einer Person oder Institution, die für die Wahrung von Normen steht; zweitens die Aufdeckung des Normbruches; und drittens eine breite öffentliche Empörung darüber.[5]

Eine korrupte Handlung, die heimlich bleibt, ist demnach noch kein Skandal. Dies gilt auch dann nicht, wenn eine Zeitung sich aufregt, die breitere Öffentlichkeit dies jedoch ignoriert. Wann eine breite Empörung vorliegt, lässt sich natürlich nicht immer trennscharf feststellen. Im "Idealfall" reicht sie über Parteigrenzen hinweg. Und gerade diese parteiübergreifende Empörung unterscheidet den Skandal von gewöhnlichen Kampagnen gegen den politischen Gegner.


Fußnoten

4.
Vgl. zu den Mediensystemen: Frank Esser, Die Kräfte hinter den Schlagzeilen. Englischer und deutscher Journalismus im Vergleich, Freiburg 1998.
5.
Diese Definition modifiziert leicht die Eingrenzung von: Karl Otto Hondrich, Enthüllung und Entrüstung. Eine Phänomenologie des politischen Skandals, Frankfurt/M. 2002, S. 15f.