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9.2.2006 | Von:
Frank Bösch

Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien

Skandale um 1900

Ende des 19. Jahrhunderts traten in ganz Westeuropa, aber auch in den USA verstärkt Skandale auf. Ihre Wirkungsmacht, ihre Häufigkeit und ihr breites Themenspektrum standen den heutigen Skandalen in nichts nach. Gelegentlich übertrafen sie die derzeitigen Empörungen sogar. Der Anstieg der Skandale um 1900 lässt sich zunächst quantitativ belegen. Eine Volltextauswertung einer international ausgerichteten Qualitätszeitung wie der Times nach der Häufigkeit des Wortes "scandal" belegt dementsprechende Häufungen. Noch aussagekräftigere Belege erhält man allerdings, wenn man die Medien der letzten zweihundert Jahre qualitativ auf wirkungsmächtige Skandale untersucht.

Heute noch berühmte Fälle, wie die französische Dreyfus-Affäre oder der Oscar Wilde-Skandal, bildeten lediglich die Spitze des Eisberges. Bislang waren vor allem hohe Adlige von Skandalen betroffen, deren Lebensstil an den bürgerlichen Normen gemessen wurde. Im Unterschied insbesondere zum vorrevolutionären Frankreich geschah dies jedoch in Deutschland und Großbritannien vergleichsweise selten - etwa im Zuge der Queen-Caroline-Affair (1820) oder der Lola-Montez-Affäre von Ludwig II. (1847/48).[6] Nun trafen die Skandale auch Parteipolitiker und prägten die Vorstellungen über sie.

So kam es beispielsweise zu diversen Skandalen um die Ehebrüche von Politikern. In Großbritannien empörte man sich über die Liebesaffäre des Irenführers Charles Stewart Parnell (1890) und des aufstrebenden Liberalen Charles Dilke (1886). In Deutschland trafen ähnliche Vorwürfe den antisemitischen Reichstagsabgeordneten Schack, den angehenden Außenminister Kiderlen-Waechter und Otto Hammann (1908), den Pressechef und Berater von Reichskanzler Bernhard von Bülow. Ebenso mussten sich Staatsrepräsentanten öffentlich gegen Homosexualitätsbeschuldigungen wehren. In Großbritannien traf dies etwa Vertreter der Dubliner Administration (1883), hohe adlige Freunde des Prince of Wales (1890) und einzelne Abgeordnete (1891), in Deutschland den Industriellen Friedrich Alfred Krupp (1902) und verschiedene Kaiserberater und Offiziere (1906/07).[7]

Neben derartigen "Sexskandalen" entfalteten sich international beachtete Skandale um den Missbrauch von Amtsgewalt. So kam es zu breiten Empörungen über die Gewalt in den Kolonien, die "Kolonialhelden" wie Henry Morton Stanley (1889) und Carl Peters (1896) trafen, aber auch diverse deutsche Kolonial-Gouverneure und Kanzler.[8] Auch die Monarchie verlor durch Skandale an Reputation. In Großbritannien musste sich der Prince of Wales wegen seiner Spielleidenschaft verspotten lassen, in Deutschland entwickelten sich zahlreiche Skandale um Wilhelm II., die auf seinen großspurigen öffentlichen Äußerungen basierten, wie etwa die Daily-Telegraph-Affäre (1908).[9] Auch die Korruption wurde nun zu einem Thema, das eine breite öffentliche Empörung und damit Skandale auslösen konnte. So führte in Großbritannien bereits Anfang der 1880er Jahre die seit langem verbreitete Wahlbestechung zu Skandalen.[10] Bis zum Ersten Weltkrieg nahmen auch die Fälle zu, in denen korrupte Beziehungen zwischen Politikern und Wirtschaftsunternehmen Skandale auslösten - etwa um Joseph Chamberlains Gewinne an südafrikanischen Unternehmen während des Burenkrieges oder den Profit des Premierministers Lloyd George an Marconi-Aktien.[11] Ebenso musste sich in Deutschland die Regierung im Reichstag dafür verantworten, dass die Friedrich Krupp AG vertrauliche Information gegen kleine Gegenleistungen erhalten hatte.[12]

Wie erklärt sich dieses vielfältige und internationale Aufkommen von Skandalen Ende des 19. Jahrhunderts? Erstens scheint dies aus der einsetzenden Medialisierung des Politischen zu resultieren. Denn genau in dieser Zeit etablierte sich in ganz Westeuropa eine auflagenstarke Massenpresse. Boulevardblätter und Generalanzeiger, Parteizeitungen und Illustrierte gewannen an Bedeutung und erfuhren insbesondere seit den 1880er Jahren einen steilen Anstieg ihrer Auflagenzahlen.[13] Zweitens scheint das verstärkte Aufkommen der Skandale aus der Transformation der politischen Kultur hervorgegangen zu sein. Denn durch die Etablierung des Wahlrechtes kam es in ganz Westeuropa in diesen Jahrzehnten zu einer Fundamentalpolitisierung und schrittweisen Demokratisierung. Diese führte zu einer intensiveren Konkurrenz von Parteien und unterschiedlichen Weltdeutungsmustern, was Skandalisierungen begünstigte. Beide Entwicklungen standen zudem für die Entfaltung einer nationalen öffentlichen Kommunikation, die eine breite und wirkungsmächtige Empörung erst ermöglichte.


Fußnoten

6.
Vgl. Flora Fraser, The Unruly Queen. The Life of Queen Caroline, London 1996; Reinold Rauh, Lola Montez. Die königliche Mätresse, München 1992.
7.
Vgl. Frank Bösch, Das Private wird politisch: Die Sexualität des Politikers und die Massenmedien des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 52 (2004), S. 781 - 801.
8.
Vgl. Martin Reuss, The Disgrace and Fall of Carl Peters: Morality, Politics, and Staatsräson in the Time of Wilhelm II., in: Central European History, 14 (1981), S. 110 - 141.
9.
Vgl. Martin Kohlrausch, Der Monarch im Skandal. Die Logik der Massenmedien und Transformationen der wilhelmischen Monarchie, Berlin 2005.
10.
Vgl. Cornelius O'Leary, The Elimination of Corrupt Practises in British Elections 1868 - 1911, Oxford 1962.
11.
Vgl. Geoffrey R. Searle, Corruption in British Politics 1895 - 1930, Oxford 1987.
12.
Vgl. Frank Bösch, Krupps "Kornwalzer". Formen und Wahrnehmungen von Korruption im Kaiserreich, in: Historische Zeitschrift, 270 (2005), S. 337 - 379.
13.
Vgl. Jürgen Wilke, Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. Von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, Köln 2000.