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9.2.2006 | Von:
Frank Bösch

Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien

Verlaufsformen

Diese Hypothesen lassen sich am Ablauf der damaligen Skandale überprüfen. Dabei fällt zunächst auf, dass die auflagenstarken "Boulevardblätter" sie nur selten auslösten. Vielmehr waren es eher kleinere, dafür aber politisch orientierte Blätter (wie der Vorwärts, Die Zukunft, The Truth oder United Ireland), die entsprechende Vorwürfe lancierten. Zudem führten häufig Enthüllungen im Parlament zu den Skandalen. Insbesondere Politiker, die gleichzeitig als Journalisten arbeiteten, traten hierbei hervor. Insofern sind die Skandale zunächst eher als eine Form der politischen Profilierung zu erklären und weniger als ein Ergebnis des kommerziellen Journalismus. Dies belegt auch die Beobachtung, dass viele Skandale nicht mit Schlagzeilen einsetzten, sondern mit versteckten Andeutungen. Indem sie detailliertere Berichte androhten, beeinflussten die Skandalisierer den politischen Kurs und erpressten ihre politischen Ziele.

Die Skandalisierer entstammten zumeist den jeweils ausgegrenzten Oppositionsparteien. In Großbritannien wurden Skandale vielfach von der irischen Partei und vom radikalen Flügel der Liberalen angestoßen, in Deutschland von Sozialdemokraten, aber auch vom linken Flügel des Freisinns und der Zentrumspartei. Skandale waren damit vor allem eine neue Kommunikationstechnik der Opposition, um emotional eine breite öffentliche Aufmerksamkeit zu kanalisieren. Nicht allein die Massenmedien führten zur einer Neuinszenierung von Politik und Politiker-Images, sondern die Politiker selbst.

Die Etablierung des Skandals war zudem nur im geringen Maße das Ergebnis eines neuen, besonders investigativen Journalismus. Journalisten, die entsprechende Vorwürfe erhoben, stützten sich in der Regel auf Gerüchte. Vertrauliche Informationen wurden eher Politikern zugespielt und auch von Politikern lanciert. Detaillierte Informationen konnten die Journalisten vor allem bei den Gerichtsprozessen erhalten, die meistens im Zuge der Skandale geführt wurden. Gerade die Öffentlichkeit der Gerichtsverfahren und die Möglichkeit, über mehrere Zeitungsseiten die dortigen Aussagen zu rekapitulieren, waren damit eine weitere Voraussetzung für die Etablierung der Skandale. Die betroffenen Politiker und Regierungen versuchten dementsprechend mit allen Mitteln, Prozesse zu vermeiden oder einzudämmen.

Gefördert wurde die Wirkungsmacht der Skandale durch die breite Visualisierung der Politik, die sich damals zu etablieren begann. Zeitschriften, die gelegentlich Politikerbilder und -karikaturen druckten, waren zwar seit einigen Jahrzehnten verbreitet. Aber erst um die Jahrhundertwende enthielten auch die auflagenstarken Tageszeitungen regelmäßig Bilder, spöttische Karikaturen und nach 1900 auch zunehmend Fotos von Politikern. Die zahllosen Visualisierungen der Skandale verfestigten die Imaginationen über das "Fehlverhalten" der Politiker und der Staatsrepräsentanten. Hierzu zählten auch Bilder, die sie mit Frauen im Schlafzimmer oder bei homosexuellen Offerten zeigten.[14]

Die Visualisierung verstärkte zudem die Dynamik der Skandale. Denn auf die abgedruckten Bilder meldeten sich jeweils zahlreiche Leser mit weiteren belastenden Beobachtungen, die sie angeblich gemacht hatten. Das Interesse am Privatleben der Politiker wurde dadurch gestärkt, dass diese um 1900 ihre Privatbereiche selbst in den Medien inszenierten. Reichskanzler und Minister ließen sich im Kreise ihrer Familie fotografieren und berichteten über ihren Alltag. Insbesondere Reichskanzler Bülow sei hier als ein früher Medienkanzler genannt, der sich bei seinen Urlauben auf Norderney gerne von Journalisten ablichten ließ, hierüber Artikel lancierte oder Bildberichte über seine Hunde verbreitete.[15] In dem Augenblick, in dem das Private politischer wurde, wurde auch das Politische privater.

Die Folgen der Skandale zeigen die neue Wirkungsmacht der öffentlichen Meinung. Skandale sorgten vielfach für den Rücktritt von Politikern und Staatsrepräsentanten. Dies war insbesondere im Kaiserreich bemerkenswert, da die Regierung noch nicht vom Parlament abhängig war. Zudem führten sie zu Diskussionen über Gesetzesreformen. Natürlich liegen für diese Zeit keine Meinungsumfragen vor, die die tatsächliche Wirkungsmacht der Skandale quantifizieren. Aber Stimmungs- und Polizeiberichte deuten zumindest an, dass sich die Medienberichte in einer entsprechenden Empörung im Alltag niederschlugen. An den Stammtischen in den Kneipen wurden die Fälle diskutiert und zum Anlass genommen, um generelle politische Meinungen auszutauschen.[16]

Die Normen, die in den Skandalen ausgehandelt wurden, unterschieden sich teilweise in den westlichen Ländern. Auf diese Weise entstanden nationale Stereotype. Frankreich galt etwa spätestens nach dem Panama-Skandal der frühen 1890er Jahre als das Land der Korruption. "Panama" war deshalb auch in der deutschen und britischen Öffentlichkeit ein Schlagwort, mit dem man auf korrupte Zustände hinwies, die es angeblich nur in Frankreich gäbe. Deutschland erschien dagegen, was heute erstaunen mag, als das Land der Homosexualität, da hier mit dem Eulenburg/Moltke-Skandal der größte politische Homosexualitätsskandal stattfand. Großbritannien war hingegen schnell für Scheidungs- und Ehebruchskandale bekannt.

Dass in den Ländern unterschiedliche Typen von Skandalen aufkamen, hängt auch mit dem jeweiligen rechtlichen Rahmen zusammen. In Deutschland und Großbritannien kam es etwa zu zahlreichen Skandalen um Homosexualität, da diese mit besonders schweren Strafen geahndet wurde. In Frankreich oder Italien waren sie seltener, weil die strafrechtlichen Bestimmungen wesentlich toleranter waren. Ebenso gab es in Großbritannien viele Ehebruchskandale, weil das rückständige Scheidungsrecht ein Bekenntnis zum Ehebruch in einem öffentlichen Prozess verlangte.

Der rechtliche Rahmen korrespondierte zugleich mit den jeweiligen kulturellen Normen, die die Skandale prägten. In Großbritannien mussten die eines Ehebruchs beschuldigten Politiker bereits in den 1880er Jahren zurücktreten. In Deutschland konnten dagegen einige Politiker ihre Posten weiter behalten. Während in Deutschland ein starker säkularer Flügel in der Politik agierte, mussten in Großbritannien selbst die Liberalen auf kirchlich-moralische Normen Rücksicht nehmen. Denn sie wurden im hohen Maße von den Non-Konformisten unterstützt (also den nicht der anglikanischen Kirche angehörigen Protestanten), die besonders vehement für eine strenge Moral eintraten.

Gemeinsam war allen Skandalen, dass sie etwas aus der Sphäre des Geheimen öffentlich machten. Damit standen sie für den Anspruch auf absolute Transzendenz in der Politik. Die bislang geforderte öffentliche Teilhabe an staatlichen Entscheidungen wurde nun auf die Teilhabe am Lebenswandel des Politikers übertragen. Die Skandale kamen dabei genau in der Zeit auf, in der sich der Typus des professionellen Politikers entwickelte. In der Folge entstanden Normen, die die bürgerlichen Anforderungen an einen "idealen Politiker" konstruierten. Sie machten quasi warnend deutlich, dass er aufrichtig, treu, heterosexuell und ohne zu enge Verbindung zu Wirtschaftsunternehmen zu sein hatte.


Fußnoten

14.
Vgl. James D. Steakley, Iconography of a scandal: political cartoons and the Eulenburg affair in Wilhelmine Germany, in: Wayne R. Dynes/Stephen Donaldson (Hrsg.), History of Homosexuality in Europe and America, New York 1992, S. 323 - 385.
15.
Vgl. etwa Berliner Illustrirte Zeitung vom 17.8. 1902, 26.4. 1903, 26. und 30. 6. 1903 sowie vom 30.6. 1906.
16.
Vgl. Frank Bösch, Zeitungsberichte im Alltagsgespräch: Mediennutzung, Medienwirkung und Kommunikation im Kaiserreich, in: Publizistik, 49 (2004), S. 319 - 336.