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9.2.2006 | Von:
Frank Bösch

Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien

Skandale bis 1945

Für die Zeit des Ersten Weltkrieges kann man nur bedingt von Skandalen sprechen. Durch die Einschränkung der Pressefreiheit waren die Voraussetzungen für eine öffentliche Empörung nicht mehr gegeben. Noch entscheidender dürfte gewesen sein, dass zur Wahrung der nationalen Einheit die Aufregung über entsprechende Normverstöße von Politikern nachließ. Das Empörungspotenzial richtete sich vielmehr gegen die Handlungen des Kriegsgegners.

In den zwanziger Jahren kam es dann jedoch wieder zu folgenreichen Skandalen. Durch die neue Stärke der "politischen Linken" waren es nun vor allem die Konservativen, die Skandale anstießen. Nachdem sich die Linke bisher in der Opposition durch ihren Anspruch auf moralische Überlegenheit profiliert hatte, besaß sie nun als Regierungspartei die nötige Fallhöhe, um selbst über Skandale zu stolpern. Der Vorwurf der Korruption und der Bereicherung stand dabei im Vordergrund. So stürzte in Großbritannien Premierminister Lloyd George 1922 über den sogenannten Honour-Skandal. Den Liberalen wurde hierbei vorgehalten, Ehrentitel an wenig ehrenwerte Personen vergeben zu haben, wenn diese im Gegenzug Geld an die Partei spendeten.[17]

Ebenso thematisierten die bekanntesten Skandale der Weimarer Republik Korruption auf Seiten der Sozialdemokraten. Um Veruntreuung ging es sowohl bei dem Skandal um Julius Barmat (1925) als auch beim sogenannten Sklarek-Skandal (1929).[18] Auffällig ist dabei, dass diese beiden größten deutschen Skandale der 1920er Jahre antisemitisch gefärbt waren. Sie verfestigten auf diese Weise das Zerrbild des "sozialistisch-jüdisch-korrupten Politikers".

Viele Beschuldigungen mündeten in der Weimarer Republik jedoch nicht in Skandale. Die Korruptionsvorwürfe der Rechten gegen Reichspräsident Ebert und Reichsminister Erzberger wirkten zwar im eigenen Lager, führten jedoch nur zum Teil zu einer breiteren Empörung. Auch wenn die Grenze zum Skandal stets schwer zu ziehen ist, handelte es sich hier eher um hetzerische Kampagnen, die keine hinreichenden Belege aufbrachten, um breitenwirksame Skandale auszulösen. Die politische Polarisierung in der Weimarer Republik minderte dabei generell das Potenzial für Skandale. Die radikalisierten Vorwürfe der äußersten Rechten und Linken gegen demokratische Politiker versandeten an den Parteigrenzen.

Insbesondere die Parteipresse der NSDAP profilierte sich am Ende der Weimarer Republik mit Skandalisierungen. Sie warf den Demokraten vor, korrupt zu sein. Umgekehrt versuchten auch die Demokraten und die Kommunisten, die NSDAP mit bewährten Skandalen zu diskreditieren. So berichteten sie ausführlich darüber, dass im Umfeld von Ernst Röhm und der SA-Führung Homosexualität verbreitet sei.[19] Trotz der umfangreichen Presseberichte konnte dies jedoch weder die Stellung Röhms noch die der NSDAP insgesamt schwächen. Die Grenzen der Empörung waren vielmehr durch die politische Fragmentierung abgesteckt.

Ob man für die NS-Zeit und für die spätere DDR von Skandalen sprechen kann, ist umstritten. Da zur Empörung eine freie Öffentlichkeit nötig ist, kann man angesichts der Medienkontrolle und der eingeschränkten Meinungsfreiheit daran zweifeln. Vielmehr versuchten beide Diktaturen, durch Schauprozesse Empörung und Skandale künstlich herzustellen. So wurden insbesondere im ersten Jahr der NS-Diktatur viele demokratische Politiker wegen Korruptions- und Ehebruchsvorwürfen in solchen Prozessen gedemütigt. Von Skandalen ist in den Diktaturen vielleicht nur insoweit zu sprechen, als sich kollektive Empörungen über Missstände in alltäglichen Begegnungen (Kneipen, Warteschlangen u. ä.) verbreiten konnten.[20]

Auffälligerweise blieben auch in den westlichen Demokratien im Zweiten Weltkrieg Skandale weitgehend aus. Wie bereits im Ersten Weltkrieg kanalisierte die nationale Loyalität das Empörungspotenzial gegen den Gegner. Auch in den Nachkriegsjahren kam es zu vergleichsweise wenigen Skandalen. Dies lässt sich mit einem gewissen Konsens der Wiederaufbaugesellschaften erklären. In der Bevölkerung und in den Medien verloren jene grundsätzlichen weltanschaulichen Auseinandersetzungen an Bedeutung, die Skandale förderten. Der Kalte Krieg dürfte zudem das Gefühl verstärkt haben, dass diskreditierende Enthüllungen das Ansehen des eigenen Landes zugunsten des gemeinsamen kommunistischen Feindes schmälern könne.


Fußnoten

17.
Vgl. G. Searle (Anm. 11), S. 359 - 375.
18.
Beide Fälle wurden vielfältig untersucht; vgl. Stephan Malinowski, Politische Skandale als Zerrspiegel der Demokratie. Die Fälle Barmat und Sklarek imKalkül der Weimarer Rechten, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, 5 (1996), S. 46 - 65; Dagmar Reese, Skandal und Ressentiment: Das Beispiel des Berliner Sklarek-Skandals von 1929, in: Rolf Ebbighausen/Sighard Neckel (Hrsg.), Anatomie des politischen Skandals, Frankfurt/M. 1989, S. 374 - 395.
19.
Vgl. Susanne zur Nieden/Sven Reichardt, Skandale als Instrument des Machtkampfes in der NS-Führung: Zur Funktionalisierung der Homosexualität von Ernst Röhm, in: Martin Sabrow (Hrsg.), Skandal und Diktatur. Formen öffentlicher Diktatur und Empörung im NS-Staat und in der DDR, Göttingen 2004.
20.
Vgl. M. Sabrow (Anm. 19).