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Demonstration gegen Hartz IV am 2.10.2004 in Berlin

25.10.2019 | Von:
Jens Wietschorke

Grenzen der Respektabilität. Zur Geschichte einer Unterscheidung

So kann es mit dem Sozialstaat nicht weitergehen. Das war der Tenor eines Expertengremiums, das der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder 2002 einberufen und das in den darauf folgenden Jahren unter der Leitung des VW-Personalchefs Peter Hartz grundlegende Reformen des Arbeitsmarkts erarbeitet hatte. Die unter dem Stichwort "Hartz IV" bekannt gewordene Umstrukturierung der sozialstaatlichen Unterstützungsleistungen in Deutschland ist eine der neuesten Episoden einer langen Geschichte, die sich um die Frage dreht, wie mit Armut und materieller Bedürftigkeit gesellschaftlich umgegangen werden soll – und wer dafür in welcher Weise verantwortlich ist. Wer sich in diese Geschichte vertieft, stößt auf eine immer wiederkehrende Grenzziehung, die geradezu als Leitmotiv staatlicher Sozialpolitik, aber auch gesellschaftlicher Debatten über Armut und "Unterschicht" seit dem 18. Jahrhundert bezeichnet werden kann: die Unterscheidung zwischen "verschuldeter" und "unverschuldeter" Armut und die davon abgeleitete Unterscheidung zwischen "unterstützungswürdigen" und "unwürdigen" Armen, den deserving poor und den undeserving poor.[1] In diesem Beitrag werden die Funktionsprinzipien dieses dichotomischen Blicks auf Armut anhand einiger ausgewählter historischer Stationen bis in die Zeit der Spätaufklärung zurückverfolgt und versucht, in aller Kürze zu rekonstruieren, wie er den Diskurs über untere soziale Klassen zu verschiedenen Zeiten geprägt hat.[2] Die Überlegungen beziehen sich in erster Linie auf Deutschland, streifen aber immer wieder auch internationale Entwicklungen.

Der historische Rückblick macht deutlich: Die Differenzierung der sozial schwachen Bevölkerung in solche, die eine Unterstützung der öffentlichen Hand verdient, und solche, die sie nicht verdient haben, hat mit sozialstrukturellen Merkmalen ebenso wenig zu tun wie mit einer Analyse der Kontextbedingungen, in denen sich die Einzelnen einrichten müssen. Sie ist im Kern eine moralische Unterscheidung. Ob man in die Armutszone abrutscht oder nicht, ist demnach eine Frage von Ehrlichkeit oder Unehrlichkeit, von Fleiß oder Faulheit, von Disziplin oder Sichgehenlassen. In einem zweiten Schritt werden den undeserving poor dann bestimmte kulturelle Dispositionen unterstellt: der Hang zur Widersetzlichkeit und zur Verwahrlosung, zur Verschwendung und zum sinnlosen Konsum, zum schlechten Essen und zum schlechten Fernsehen. Im Zuge der deutschen "Unterschichtdebatten" der 2000er Jahre wurden solche Zuschreibungen teils heftig diskutiert; darauf wird noch zurückzukommen sein. Zunächst aber werden einige Schlaglichter auf die Wahrnehmungsgeschichte der Unterklassen geworfen, auf die Moralisierung und Ausgrenzung von Armut und Arbeitslosigkeit, wie sie bei Autoren der deutschen Spätaufklärung ebenso zu finden ist wie bei Karl Marx, in der britischen Sozialforschung des 19. Jahrhunderts ebenso wie in deutschen Sozialreformbewegungen um 1900.

Das Volk und der Pöbel

Um die Unterscheidung einer "guten" und einer "schlechten" Unterklasse historisch zu verfolgen, kann man bis ins Mittelalter oder sogar in die Antike zurückgehen. Zumindest aber sollte man im 18. Jahrhundert ansetzen, in dem eine "Entdeckung des Volkes" in Philosophie und Literatur zu beobachten ist.[3] Autoren wie Jean-Jacques Rousseau und Johann Gottfried Herder feierten damals die Natürlichkeit und Unverbildetheit des "einfachen Volks". Sie meinten damit nicht etwa die Gesamtheit der unterbürgerlichen Schichten, sondern ein idealisiertes Kollektiv, das für ihre Vorstellungen von Ursprünglichkeit und Tradition anschlussfähig war. "Volkspoesie" wurde zu einem Schlüsselkonzept der deutschen Spätaufklärung und dann der Romantik. Nach Herders Idee spiegelte das Volkslied sehr wohl die Nöte und Bedürfnisse der einfachen Leute wider, allerdings nur bis zu einer bestimmten Grenze: "Volk heißt nicht der Pöbel aus den Gassen: der singt und dichtet niemals, sondern schreit und verstümmelt."[4] Aus der elitären Distanz des Intellektuellen heraus bestimmten also Volksfreunde wie Herder, wer zum Volk gehörte und wer nicht. Dieses "Volk" wurde auf dem Feld der Literatur und der Poetik konstruiert, es umfasste die Bauernfamilien und vielleicht noch die Tagelöhner, die – etwa in den Sammlungen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm – als Authentizitätsgaranten alter Erzählungen und Märchen dienten, aber nicht die verelendeten Heimarbeiter, die umherziehenden Wanderhändler und die Insassen der Armenhäuser. Das Volkspoesie-Konzept leistete somit seinen eigenen Beitrag zur Moralisierung der Unterklassen, indem er einen "reinen" und "echten" Teil der von Armut bedrohten Bevölkerung von einem anderen unterschied, der nicht kulturfähig war, der nicht singt und dichtet, sondern eben "schreit und verstümmelt". Pointiert gesagt: Die romantisch-nostalgische Begeisterung für das einfache Volk konnte nur um den Preis der Disqualifizierung des "Pöbels" und seiner rohen Ausdrucksformen etabliert werden.

Wie der Literaturwissenschaftler Michael Gamper ausgeführt hat, diente der dichotomische Blick auf die Unterklassen auch während der Französischen Revolution dazu, ein demokratisches Kollektiv zu konstituieren, ohne gleich die Armutsbevölkerung an der politischen Meinungsbildung beteiligen zu müssen: "Im Besonderen wurde an den Kommentaren der Pariser Ereignisse deutlich, dass die staatsphilosophischen und legislatorischen Bemühungen des 18. Jahrhunderts, welche die Bevölkerung an Formen der Machtausübung beteiligen wollte[n], eine diskursive Spaltung der Bevölkerung implizierte[n]: Es musste ein Stimm- und Wahlvolk konzipiert werden, dessen politische Legitimierung aber die Ausscheidung der unzuverlässigen Elemente, des ‚Pöbels‘ etc. nach sich zog. ‚Gutes Volk‘ vs. ‚schlechter Pöbel‘ wurde zu einem grundlegenden Dualismus der Revolutions-Berichterstattung, der eine immanente Problematik der aufklärerischen Staatstheorie drastisch vor Augen führte."[5] Hier wird klar, dass die Definition des "Volkes" immer auch demokratietheoretische Implikationen hatte. Und so ist die Geschichte der Demokratie bis zur Einführung eines allgemeinen und gleichen Wahlrechts für Männer und Frauen zugleich eine Geschichte verschiedener Varianten der Inklusion und Exklusion: Wer bleibt aus dem Konzept des "Volkes" ausgeschlossen – und mit welcher Begründung?

Das "Volk" und der "Pöbel": Dieser Gegensatz beherrschte den öffentlichen Diskurs über die Unterklassen im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Dabei wirkten alte Muster nach: Obwohl die kirchlich geprägte Armenfürsorge die Armen grundsätzlich als natürlichen Teil einer gottgegebenen ständischen Gesellschaftsordnung ansah, unterschied sie seit dem Spätmittelalter dezidiert zwischen "würdigen" und "unwürdigen" Armen.[6] Im Verlauf der Industrialisierung übernahm die staatliche Sozialpolitik diese Differenzierung und trennte "unverschuldete" von "verschuldeter" Armut. Zentrales Kriterium dieser Differenzierung war die Lohnarbeit, die das Bezugssystem der Armenpolitik bildete.[7] Teilweise nach dem Vorbild des 1834 in England verabschiedeten Poor Law Amendment Act, auf den die Kategorien deserving poor und undeserving poor zurückgehen, wurden in fast allen deutschen Staaten neue Fürsorge- und Wohlfahrtssysteme installiert, Versorgungsleistungen für "verschuldet" in Not Geratene an harte Arbeit in Arbeitshäusern gekoppelt. Hauptziel dieser Reformen war die Senkung der explodierenden Kosten öffentlicher Armenfürsorge – vor allem aber produzierte sie ein Bild vom Armen, der für seine Lage selbst verantwortlich war. Armut war nun zunehmend das Ergebnis persönlichen Fehlverhaltens. Arm zu sein, bedeutete dabei im Wesentlichen, keiner Lohnarbeit nachzugehen, womit die Zuschreibung sozialer und moralischer Defizite einherging. Mitten durch die unteren sozialen Klassen verlief eine Grenzlinie, die "respektable" und "nicht respektable" Existenzen voneinander unterschied. So schrieb der Historiker Geoffrey Best in Bezug auf die englische Armenfürsorge des 19. Jahrhunderts: "Here was the sharpest of all lines of social division, between those who were and those who were not respectable; a sharper line by far than that between rich and poor, employer and employee, or capitalist and proletarian."[8]

Fußnoten

1.
Zur Diskursgeschichte der undeserving poor in den USA vgl. Michael B. Katz, The Undeserving Poor. America’s Enduring Confrontation with Poverty, New York 20132. Die dort angestellten konzeptionellen Überlegungen zur Logik der Deserving/undeserving-Unterscheidung sind auch für den deutschen Fall höchst relevant.
2.
Bei der Verwendung der Termini "Unterschicht", "Unterklasse" und "untere soziale Klassen" folge ich Klaus Dörre, der vorgeschlagen hat, "den Begriff der Unterklasse analytisch zu nutzen. Dazu ist es sinnvoll, kollektive Abwertungen selbst als Kräfte von Klassenbildung zu begreifen". Klaus Dörre, Unterklassen. Plädoyer für die analytische Verwendung eines zwiespältigen Begriffs, in: APuZ 10/2015, S. 3–10, hier S. 3f.
3.
Vgl. Werner Michler, Kulturen der Gattung. Poetik im Kontext 1750–1950, Göttingen 2015, S. 161.
4.
Johann Gottfried Herder, Werke in zwei Bänden. Erster Band, München 1953, S. 229.
5.
Michael Gamper, Masse schreiben, Masse lesen. Eine Diskurs- und Imaginationsgeschichte der Menschenmenge 1765–1930, München 2007, S. 126.
6.
Vgl. Bernhard Schneider, Christliche Armenfürsorge von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters, Freiburg/Br. 2017, S. 308–373.
7.
Vgl. Florian Tennstedt, Sozialgeschichte der Sozialpolitik in Deutschland. Vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, Göttingen 1981, S. 87ff.
8.
George Best, Mid-Victorian Britain, 1851–1875, London 1971, S. 260.
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Autor: Jens Wietschorke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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