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19.1.2006 | Von:
Alexander Warkotsch

Russlands Rolle in Zentralasien

Russlands Verhältnis zu seinen ehemaligen Bruderrepubliken schwankt seit jeher zwischen kostensparendem Rückzug und großmachtherrlichen Schutzbekundungen. In Zentralasien wirkt dieser Politikwechsel in Form restaurativ-neo-imperialer Stimmungen.

Einleitung

Ende des 19. Jahrhunderts diente der Begriff des "Great Game"[1] als Metapher für die imperialistische Rivalität zwischen dem russischen Zarenreich und der britischen Krone rund um das Pamirgebirge. Seit einigen Jahren kursiert nun die Vokabel von einem "New Great Game". Mitte der neunziger Jahre beschrieb die Neuauflage dieses Begriffes allein den Wettstreit internationaler Energiekonsortien bei der Ausbeutung der kaspischen Erdöl- und Erdgasvorkommen.

Heute ist dieser außerdem Sinnbild für das Konfliktknäuel im Zusammenhang mit der Neuverteilung strategischer Einflusssphären entlang Russlands exsowjetischer Südperipherie.[2] Die oft konfliktträchtig konnotierte Spielmetaphorik wird in der wissenschaftlichen und journalistischen Debatte vor allem zu der Beschreibung der russischen Zentralasienpolitik verwendet. Kritiker bemängeln, dass derartige Rückgriffe sachlich wenig begründet seien, weil durch die damit verbundene Überbewertung geopolitischer und etatistischer Wahrnehmungsmuster der Blick auf die kooperativen Seiten der russischen Zentralasienpolitik verstellt würde.[3] Letztlich werden weder ausschließlich konfliktive noch rein kooperative Perzeptionen der Analyse russischer Zentralasienpolitik gerecht. Vielmehr oszilliert das Engagement des Kreml in der Region zwischen Kooperation und Konfrontation. Welcher außenpolitische Habitus gerade akzentuiert wird, hängt von der herrschenden Ideologie und dem Weltbild der amtierenden Herrschaftseliten ab. In der Moskauer Haltung gegenüber Zentralasien lassen sich deshalb auch verschiedene Phasen unterscheiden.


Fußnoten

1.
Rudyard Kipling griff den ursprünglich um 1830 entstandenen Begriff des "Great Game" in seinem Roman "Kim" (1901) auf, in dem er den Kampf um Macht und Einfluss beider Imperien aus Sicht eines britischen Offiziers in der Region beschrieb. Diese an realen politischen Gegebenheiten orientierte literaturhistorische Grundlegung popularisierte den Ausdruck.
2.
Für eine Analyse des "Great Game"-Begriffs in seiner historischen und heutigen, teilweise irreführenden Verwendung vgl. Matthew Edwards, The New Great Game and the New Great Gamers: Disciples of Kipling and Mackinder, in: Central Asian Survey, 22 (2003) 1, S. 83 - 102.
3.
Vgl. Anna Kreikemeyer, Konflikt und Kooperation in der Kaspischen Region: Russische Interessenlagen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (1998) 43 - 44, S. 13ff.