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13.1.2006 | Von:
Edda Ziegler

Dichterliebe und Denkmalstreit

Die deutsche Heine-Rezeption ist Erfolgsstory und Geschichte der Widersprüche zugleich – zerrissen zwischen der Liebe zum romantischen Poeten und der Ablehnung des politischen Publizisten.

Einleitung

"Seit zwölf Jahren diskutiert man über mich in Deutschland, man lobt mich und man tadelt mich, aber immer mit Leidenschaft und unaufhörlich. Dort liebt man mich, verabscheut man mich, vergöttert man mich, beleidigt man mich."[1] Als ambivalent und widersprüchlich beschrieb Heinrich Heine schon 1835 seine literarische Wirkung in Deutschland.



Sein Wort gilt noch heute, 150 Jahre nach seinem Tod. Die deutsche Heine-Rezeption ist Erfolgsstory und Geschichte der Widersprüche zugleich - zerrissen zwischen zwei Extremen: der Liebe des deutschen Bürgertums zum vermeintlich romantischen Poeten auf der einen und der ebenso leidenschaftlichen Ablehnung des politischen Publizisten, des jüdischen Intellektuellen und vermeintlichen Vaterlandsverräters auf der anderen Seite. In diesem Doppelcharakter der Rezeption spiegelt sich der Doppelcharakter seiner Texte. Auch ihn hat Heine selbst schon beschrieben, wenn er seine frühen Gedichte, auf denen sein Ruhm gründete, als "maliziös-sentimental" bezeichnete - eine Kombination, die provokativ gemeint war und auch so wirkte.

Die Debatte um Heine wurde von Anfang an stark personenbezogen geführt. Sie trennte noch weniger zwischen Leben und Werk, als dies bei der Vermittlung und Kritik von Literatur allgemein üblich ist. Dazu verführte zum einen das in Heines Texten allgegenwärtige literarische Ich, auch wenn es sich selbstverständlich um ein fiktives handelt; zum anderen das von Heines literarischem Antipoden Ludwig Börne schon in den 1830er Jahren in die Debatte geworfene Stereotyp vom Widerspruch zwischen "Talent und Charakter". Das führte - auf dem Umweg über die Disqualifizierung Heines als Person - letztlich zur Abwertung seines Werkes.[2]

Heine unterstützte diesen Prozess der Personalisierung von Anfang an. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden publizistischen Mitteln - und das waren nicht wenige - griff er in die Debatte um sich und sein Werk ein. Er versuchte, die literarische Kritik zu lenken, und setzte dafür auch gezielt Informationen über sein Privatleben ein. Provokation war das Mittel seiner Wahl; provokativ das Bild, das er in der Öffentlichkeit von seiner literarischen und persönlichen Existenz zeichnete.

Es war eine Existenz im Widerstand: als deutscher Jude im politischen Exil in Frankreich; als "Zeitschriftsteller" in der Opposition zum Metternich'schen Regime und Opfer von dessen Zensurpolitik; als Kritiker des noch immer dem ästhetischen Wertekanon des deutschen Idealismus verpflichteten literarischen Mainstreams; nicht zuletzt als literarischer Verfechter und reales Opfer einer freien, sehr körperhaften Liebe, das an den Folgen seiner öffentlich vorgeführten Promiskuität jämmerlich zugrunde ging. Die deutsche Heine-Rezeption ist, indem sie diese explosive Mischung aus Politischem und Privatem, wenn auch kritisch gewendet, aufnimmt, von Anfang an eine politische - auch dort, wo sie sich rein ästhetisch wähnt. Und sie ist die Geschichte einer permanenten Provokation.


Fußnoten

1.
Heinrich Heine, Brief an Philarèthe Chasles, März 1835.
2.
Für diesen Text verwendete Literatur: Christoph Hauschild/Michael Werner, "Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst". Eine Biografie, Berlin 1999; Gerhard Höhn, Heine-Handbuch. Zeit - Person -Werk, Stuttgart 2004(3); Edda Ziegler, Heinrich Heine. Leben - Werk - Wirkung, Düsseldorf 2005(3).