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13.1.2006 | Von:
Thomas Gutmann

Heine nach 1945

In der DDR wurde Heine als "Vorläufer sozialistischen Denkens" vereinnahmt. In der Bundesrepublik gelangte erst mit "Achtundsechzig" eine Neubewertung zum Durchbruch.

Einleitung

"Allzugut ist Heinrich Heine von den Deutschen nicht behandelt worden (...)."[1] Der Germanist Helmut Koopmann hat dies vor 30 Jahren heinisch-leicht formuliert. Denn tatsächlich wurde Heine vom offiziellen Deutschland bis 1945 - vernichtet. Der Pariser Emigrant war Jude. Das allein hatte den Nationalsozialisten genügt, seine Bücher zu verbrennen und die "Loreley" als schöpferloses "Volkslied" auszugeben. Doch der Dichter war ihnen auch deshalb verhasst, weil er für all das geschrieben hatte, was die braunen Gewaltherrscher mit Stiefeln traten: Menschenrechte, Demokratie, soziale Gerechtigkeit und liberales Denken; gegen Deutschtümelei und Nationalismus. Und Heine dichtete in einer Weise, die noch heute unerhört modern wirkt: mit sprachlichem Witz, schrankenlos subjektiv, ironisch, spöttisch, satirisch, leicht.

Sein kritischer, hellsichtiger Blick auf die Zustände im Vormärz, der Epoche vor der Revolution von 1848, und seine seziermesserscharfe Sprache hatten dem Zwangsaußenseiter schon zu Lebzeiten, noch vor seiner Emigration 1831 nach Paris, übelste Beschimpfungen eingetragen: So überzog der Hamburger Gymnasiallehrer Eduard Meyer Heine und dessen Rivalen Ludwig Börne mit Schmähvokabeln wie "Unverschämtheit und Anmaßung", "Unsittlichkeit und Leichtfertigkeit", "vorlautes Wesen" und "gemeine Grundgesinnung" - "häßliche Eigenthümlichkeiten dieser Asiaten [gemeint: Juden, T.G.]", die "mit der Taufe nicht so leicht abgelegt" werden könnten.[2] Gleichsam lehrbuchmäßig äußert sich in der Schimpftirade des Schulmeisters bereits der rassistische Antisemitismus des 19. Jahrhunderts. Ehe dieser bis zum Völkermord radikalisiert werden sollte, pressten auch nationale Kulturgrößen wie Richard Wagner oder der Historiker Heinrich von Treitschke den Dichter in das aus Vorurteilen gegossene Klischee vom Juden und Französling. Frivol, böswillig, sprachschwindlerisch, ja charakterlos sei er - "undeutsch" eben.

Auf der anderen Seite gewann der politische Kopf Anhänger. So wollte ihm der Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr, im Rezensionsstil so gezielt salopp wie Heine, zu seinem 50. Todestag (1906) ein Denkmal errichten. Hinter dem kämpferischen Aufruf "wider die Philister" und ihren wilhelminisch-kolossalen Geschmack versammelten sich Vertreter der kulturellen Moderne, Max Liebermann etwa, Gerhart Hauptmann oder Engelbert Humperdinck. Auch die Arbeiterbewegung entdeckte den Gesprächspartner ihres Propheten Karl Marx für sich, reklamierte ihn für die proletarische Revolution. Von dem Krawall-Nationalisten Adolf Bartels bekämpft, ging der Kerr'sche Denkmalsplan jedoch erst zwei Jahrzehnte später auf, in der brüchigen Weimarer Demokratie. Nach deren Zusammenbruch wurde die Hamburger Bronzestatue zunächst eingemottet, später eingeschmolzen für den "Endsieg".[3]


Fußnoten

1.
Helmut Koopmann, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Heinrich Heine, Darmstadt 1975, S. IX.
2.
Zit. nach Wolfgang Hädecke, Heinrich Heine. Eine Biographie, Reinbek 1989 (Orig. 1985), S. 22. Zur Rezeptionsgeschichte vgl. u.a. Walter Hinck, Die Wunde Deutschland. Heinrich Heines Dichtung im Widerstreit von Nationalidee, Judentum und Antisemitismus, Frankfurt/M. 1990; Karl Theodor Kleinknecht (Hrsg.), Heine in Deutschland. Dokumente seiner Rezeption 1834 - 1956, Tübingen 1976.
3.
Vgl. Ute Kröger, Der Streit um Heine in der deutschen Presse 1887 - 1914, Aachen 1989.