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13.1.2006 | Von:
Thomas Gutmann

Heine nach 1945

In der DDR vereinnahmt

Etliche, die vor dem NS-Terror flohen, nahmen ihren Schicksalsgenossen geistig mit in die Emigration: zum Beispiel nach Mexiko-Stadt, wo Anna Seghers, Ludwig Renn und andere ihren Emigranten-Club wie selbstverständlich nach Heine benannten. Mit ihm kehrten viele nach dem Krieg nach Deutschland zurück, ein Teil davon in die Sowjetische Besatzungszone. Ausgerechnet die stalinistische UdSSR hatte als eines der ersten Länder der Welt den Vorkämpfer für Demokratie und Menschenrechte auf einen Ruhmessockel gehoben: als antifaschistischen Mitkrieger gegen Nazi-Deutschland.

Folgerichtig verleibte auch das SED-Regime in Ost-Berlin den "Vorläufer des sozialistischen Denkens" dem kommunistischen "Erbe" ein und führte ihn gegen Bonn und die NATO ins Feld. Allerdings nicht ungestraft: "Mit seinem Witz, seiner Respektlosigkeit, seiner Schärfe wirkte der Dichter animierend auf junge Köpfe", schrieb einer dieser jungen Köpfe im Rückblick auf die sonst drückenden Aufbaujahre in der SED-Diktatur.[4] Ein anderer, Wolf Biermann, dichtete 1972 Heines "Wintermärchen" auf die hier realsozialistische, dort kapitalistische Gegenwart um, die ihm ebensowenig märchenhaft erschien wie dem Original die deutschen Zustände von 1844. Den Liedermacher ereilte dasselbe Schicksal wie sein Vorbild: Er wurde gezwungen, westwärts zu ziehen.

Die Bilanz der "usurpierenden Rezeption" in der DDR, im Heine-Jahr 1956 in einer ideologischen Inszenierung sondergleichen gipfelnd, fällt gemischt aus: Einerseits fand die sozialistische Diktatur in Heine ein Erneuerung verheißendes Aushängeschild, das manchen auch im Westen milde stimmte beim Blick auf den SED-Staat. Andererseits führte die Kanonisierung Heines dazu, dass der Dichter der "Loreley" von weiten Bevölkerungsteilen endlich auch als politischer Kopf wahrgenommen wurde. Das "Wintermärchen" wurde Pflichtlektüre in den Schulen der DDR - eine Popularisierung, deren Wirkung sich im Herbst 1989 auf den Leipziger Montagsdemonstrationen zeigen sollte.[5] Und die sich nach der Wiedervereinigung messen ließ: 70 Prozent der befragten Ostdeutschen konnten in einer repräsentativen "Spiegel"-Umfrage das "Wintermärchen" seinem Autor zuordnen - bei den Westdeutschen waren es gerade mal 17 Prozent.[6]

Von der Aufnahme Heines ins sozialistische Kulturerbe profitierte aber auch die Forschung. Die marxistische "Brille" klärte den Blick für die gesellschaftliche Bedingtheit seines Werks. George Lukács, der den sozialistischen Erbebegriff mitgeprägt hatte, deutete des Dichters "Schwankungen" nicht charakterlich, wie es bis dato Usus gewesen war in Deutschland, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Widersprüche. Weltweit anerkannt wurden die Leistungen einer neuen Generation ostdeutscher Heine-Forscher. So legte Hans Kaufmann in den sechziger Jahren die bis zum Erscheinen der großen historisch-kritischen Editionen (Düsseldorf sowie Weimar/Paris) "maßgeblichste Werk- und Briefausgabe" vor.[7] Nach 1970 indes blieb die Heine-Forschung in der DDR jener "gerade auch im Bereich methodischer Vielfalt und Innovation" deutlich hinter der der Bundesrepublik zurück, doch das mindert nicht das Verdienst der neuen ostdeutschen Heine-Forscher.


Fußnoten

4.
Wolfgang Werth, Genosse Heine im Krähwinkel. Wie der respektlose Dichter einst den schulpflichtigen Massen in der DDR erscheinen sollte, in: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 6.12. 1995; zur sozialistischen Rezeptionsgeschichte vgl. u.a. Jost Hermand, Streitobjekt Heine. Ein Forschungsbericht 1945 - 1975, Frankfurt/M. 1975; Walter Reese, Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption in Deutschland, Frankfurt/M. 1979; Constanze Wachsmann, "Ein mutiger Trommler der Revolution". Zur Heinrich-Heine-Rezeption in der Sowjetunion (1917 - 1953), in: Heine-Jahrbuch, 41 (2002), S 188 - 204; Gerrit-Jan Berendse, Heine im Kalten Krieg. Wolf Biermanns selektive Rezeption des "Wintermärchens", in: Heine-Jahrbuch, 37 (1998), S. 168 - 181; Jörg Bernig, Vergessenheit und Instrumentalisierung. Die deutsche Heine-Rezeption im ersten Nachkriegsjahrzehnt, in: Heine-Jahrbuch, 42 (2003), S. 105 - 123.
5.
"Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,/Ich kenn' auch die Herren Verfasser", hieß es da: "Ich weiß, sie tranken heimlich Wein/Und predigten öffentlich Wasser." Vgl. Joseph A. Kruse, 200 Jahre Heinrich Heine: Wirkung, Ruhm und Kontroversen, in: ders. (Hrsg.), "Ich Narr des Glücks". Heinrich Heine 1797 - 1856. Bilder einer Ausstellung, Stuttgart-Weimar 1997, S. 3 - 14 (hier S. 8).
6.
Vgl. Der Spiegel, (1994) 51.
7.
Vgl. Burkhard Gutleben, Die deutsch-deutsche Heine-Forschung. Kontroversen und Konvergenzen 1949 - 1990, Frankfurt/M. 1997.