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13.1.2006 | Von:
Thomas Gutmann

Heine nach 1945

In der Bundesrepublik verharmlost

Die Heine-Rezeption der jungen Bundesrepublik war zunächst wenig anspruchsvoll. Für die große Mehrheit der Westdeutschen stellte sich der Dichter bestenfalls so dar, wie ihn Arno Breker, der nachmalige "Hofbildhauer des Dritten Reichs", schon beim Düsseldorfer Denkmalswettbewerb 1932 hatte abbilden wollen: reduziert, als sinnende Jünglingsgestalt, schön anzusehen und herzergreifend dichtend. Einen deutschen Gedächtnisort für dieses unangemessen-romantisierende Poetenbild hat ungewollt der Stadtrat von Norderney geschaffen, als er Brekers Wiedergutmachungs-Heine 1983 gegen zahlreiche Proteste vor dem "Haus der Insel" aufstellte.[8] Immerhin bilden Bronze und Gebäude eine harmonische Einheit, denn das Kurorchester spielt meist nur die "schönen Stellen", die aus dem Mozart-Medley oder dem melodischen Strauß-Strauß.

Und die "hässlichen" Stellen? Heines angeblich "verabscheuungswürdige Seiten", seit seinen Lebzeiten bei öffentlichen Auseinandersetzungen immer wieder beschrien? Wie hielt es die Mehrheit der Westdeutschen damit? Einen Hinweis gibt die offizielle Stellungnahme der Bundesregierung zum "Klassiker des Ärgernisses" anlässlich seines 100. Todestags am 17. Februar 1956: "Dieser Mann", heißt es im Bulletin, "hat so vieles geschrieben, was man, von welchem Standpunkt auch immer, unmöglich billigen kann, dass es in der Tat Schwierigkeiten bereitet, vor den Augen der uns gerade jetzt ironisch aufmerksam betrachtenden Welt das allzu Abscheuliche taktvoll zu übersehen und das Großartige und Schöne um so lauter zu loben (...). Heinrich Heine ist ein Phänomen, das als Ganzes genommen werden muss und dessen Vielfalt der Moralist nur gerecht werden kann, wenn er nach Motiven auch dessen sucht, was wirklich häufig recht anstößig dasteht."[9] Der erste Satz riecht nach Mottenkiste, nach Moral als höchster Wertungskategorie, doch der zweite war zukunftsweisend. Der erste Satz kann als einfühlende Solidarisierung mit den Adressaten des Bulletins - die breite Öffentlichkeit - gedeutet werden, der zweite als volkspädagogisch motivierter Schubs in die richtige Richtung.

Stimmt diese Interpretation, dürfte das Bild vom charakterschwachen und frankophilen Nestbeschmutzer beim deutschen Michel der unmittelbaren Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahre zumindest unterschwellig fortgewirkt haben - auch wenn die wenigsten in ihrer Abneigung eine solche ideologische Tiefenschärfe aufgebracht haben dürften wie Heinz Politzer 1948. Für ihn trug der "Abenteurer Heine" viele Masken, hinter denen er seine "Neigung" verbarg, "sich der Verantwortung zu entziehen", besaß er den "bösen Blick des Gesellschaftskritikers", "fing sich in seinem eigenen Witz" und "fiel endlich auf das Judentum als auf den Punkt des geringsten Widerstands zurück".[10]

Der alte Heine-Hass - feierte er also törichte Urständ im Westen? Der Eindruck trügt. Jedenfalls verloren die Wortführer der Anti-Heine-Partei nach dem ungeheuren Zivilisationsbruch die Meinungsführerschaft bei der Deutung der deutschen Geschichte und ihrer Kritiker. Friedrich Sieburg mahnte 1956: "Die Betrachtung dieser Figur (Heine) und seines Werkes sollte uns mit schärfster nationaler Selbstkritik verbunden sein (...)." Und Theodor W. Adorno sprach von der "Wunde Heine": Sie schmerze noch immer, weil der Außenseiter das deutsche Publikum auf Schwachstellen der bürgerlichen Gesellschaft stoße, vom "Warencharakter" der Kunst bis hin zum "Scheitern der jüdischen Emanzipation".[11]

Die bundesdeutsche Germanistik näherte sich Heine, wenn überhaupt, zunächst textimmanent-formalistisch und/oder altkonservativ-moralisierend. Doch eine neue Generation von Literaturforschern erkannte, dass man mit der Ausblendung der "deutschen Zustände" in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts weder der Person gerecht wird noch bei der Werkinterpretation weiterkommt. Manfred Windfuhr wehrte sich nach eigenen Worten "gegen das damals weit verbreitete Bild vom Impressionisten Heine, die Vorstellung von angeblich diffusen und widersprüchlichen Strukturen, und arbeitete dagegen durchgehende Linien heraus, vor allem Heines Revolutionskonzept". Mit "Achtundsechzig" kam dann die gesellschaftskritische Neubewertung zum Durchbruch, wenn auch mit der für solche Umschwünge typischen Übertreibung: Einige Kollegen, erinnert sich Windfuhr, "wünschten sich von mir ein ideologisch strammeres Heinebild. Demokratisch reichte nicht, es musste radikal- oder linksdemokratisch sein."[12]


Fußnoten

8.
Vgl. Hildegard Peters, Ein Heine-Denkmal auf Norderney im Widerstreit. Heinrich Heine - ja! Arno Breker - nein!, in: Heine-Jahrbuch, 23 (1984), S. 156 - 168.
9.
Zit. in K. T. Kleinknecht (Anm.2), S.151.
10.
Heinz Politzer, Abenteurer Heine, in: Neue Rundschau, 59 (1948), zit. nach B. Gutleben (Anm.7), S.35. Wie stark die traditionellen, weit in die Geschichte zurückreichenden antisemitischen Denkmuster noch waren, zeigte sich selbst bei manchem derjenigen, die für Heine warben. So bei Rudolf Pechel, der in seinem viel zitieren Aufsatz im "Aufbau" (1946) "den" Juden schlechthin charakterlich beurteilen zu können glaubte. Vgl. J. Bernig (Anm. 4), S. 108.
11.
Zit. nach B. Gutleben (Anm. 7), S. 37. Kritisch sieht Adornos Argumentation u.a. Peter Stein, Zu den Widersprüchen in der Rezeptionsgeschichte Heinrich Heines, in: Wolfgang Beutin u.a. (Hrsg.), "Die Emanzipation des Volkes war die große Aufgabe unseres Lebens". Beiträge zur Heinrich-Heine-Forschung anlässlich seines zweihundertsten Geburtstags 1997, Hamburg 2000, S. 253 - 266. Stein wirft Adorno "jüdischen Selbsthass" vor (S. 263).
12.
Manfred Windfuhr, Rätsel Heine. Autorprofil - Werk - Wirkung, Heidelberg 1997, S. 7.