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13.1.2006 | Von:
Thomas Gutmann

Heine nach 1945

Ein Liberaler - oder ein Linker?

Heine hatte es inzwischen auch in der Bundesrepublik zu einem allseits anerkannten, ja beliebten Dichter gebracht. In den siebziger Jahren, dem Jahrzehnt der "konsolidierten Heine-Renaissance", erhielten Forschung und Vermittlung eine breitere institutionelle Grundlage, stiftete die Stadt Düsseldorf den Heine-Preis, wurde der Dichter durch Revuen, Schallplattenproduktionen, Rezitationsabende und den Buchmarkt regelrecht populär.[17] Dabei blieb Heine "umstritten", teilte Deutschland aber nicht mehr in Freund und Feind. Die Frage lautete vielmehr: War er ein Liberaler, oder war er ein Linker?

Während rechtsliberale Interpreten wie Golo Mann oder Carl Zuckmayer "ihren" Heine zu einem politisch ambivalenten Dichter "zwischen allen Stühlen" verschwimmen ließen, instrumentalisierte die Linke - von Bundespräsident Gustav Heinemann bis zu den Intellektuellen - den Dichter als Verbündeten im Kampf für sozialdemokratischen Fortschritt. "Zuckererbsen für jedermann!" (Heine 1844) und "Mehr Lebensqualität!" (Willy Brandt 1969), beide Parolen harmonierten, aus dem Zusammenhang gerissen, bestens miteinander, ebenso "Emancipation" und "Emanzipation", die "große Aufgabe" im Vormärz wie während der Kanzlerschaft Brandts. Zudem begann sich das kritischer werdende Selbstbild der Deutschen mit Heines Vaterlandsanalysen zu decken.

Die "Entdeckung" Heine entpuppte sich für Germanisten wie Literaturfreunde, für Politiker wie Intellektuelle als ein Schatz, der, erst einmal gehoben, in seinen Bann zieht. Statt des "Französlings" kam der Vorkämpfer für eine Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich zum Vorschein, statt des "Dekadencejuden" der in seiner deutsch-jüdischen Identität mit Vaterland wie Judentum Ringende, statt des "gehässigen" Außenseiters der oppositionelle Intellektuelle, der uns die Augen öffnet. Heine wurde vervollständigt, auch biografisch: Nach dem jungen Liebeslyriker und dem furchtlosen Trommler für Freiheit und sozialen Fortschritt geriet der sich in seiner "Matratzengruft" quälende Mensch verstärkt in den Blick, der Zweifelnde, der in der Religion Halt sucht. Bert Gerresheims 1981 eingeweihtes "Fragemal" am Düsseldorfer Schwanenspiegel gibt Zeugnis davon: eine aufgesprengte Gesichtslandschaft mit Totenmaske, Trommel, Schere und weiteren Symbolen, die auf Leben und Werk, politischen Kampf und Zensur anspielen.

Heute herrscht Einmütigkeit darüber, dass Heine die Moderne in Deutschland ästhetisch wie politisch mitbegründet hat.[18] Das heißt nicht, dass es keine Differenzen mehr gebe, etwa in der Frage, welchen Intellektuellen-Typus der Dichter eher verkörpert, den unberechenbaren Unabhängigen wie etwa Hans-Magnus Enzensberger oder denjenigen, dessen tagespolitische Einlassungen wie bei Günter Grass beständig einer (partei)politischen Linie folgen. Doch derlei "Streit" wird gelassener geführt als vor 30 Jahren. Linksausleger erklären zwar weiterhin, wie "hoch aktuell" etwa Heines "Kapitalismuskritik" sei, aber nicht mehr in dem anmaßenden Ton jener, die Deutungshoheit über sein Werk beanspruchen. Rechtsausleger haben lernen müssen, dass sich der widerborstige Klassiker nicht wie ein raue Wollmütze weichspülen lässt: Wer Heine an seinen Kopf lässt, den juckt und piekst es.

Deshalb hat der Dichter auch seine Mega-Vermarktung im Jubeljahr 1997 schadlos überstanden: das "eventige" Düsseldorfer Multi-Media-Spektakel, den "Heine-Duft", die Heine-Kochbücher und sonstiges Merchandising rund um den Kurzzeit-Popstar.[19] Der Internationale Heine-Kongress in der Landeshauptstadt verlief in "bemerkenswerter Eintracht", das Gedenken zum Geburtstag am 13. Dezember war "geradezu eine staatliche Kundgebung".[20] Was bleibt, ist eine sich immer breiter auffächernde Forschung, ist die Vermittlung des Werks durch Institutionen wie das rührige Düsseldorfer Doppel von Heine-Institut und -Gesellschaft - ist Heine selbst. Solange wir nicht im Schlaraffenland leben - und es sieht nicht danach aus -, wird dieser spitzfedrige Geist kaum ruhig zu stellen sein.


Fußnoten

17.
Vgl. Joseph A. Kruse, Heine in der Bundesrepublik Deutschland 1972 - 1987. 15 Jahre Heine-Rezeption, in: Heine-Jahrbuch, 28 (1989), S. 13 - 30.
18.
Vgl. die Einleitungen zu den drei Auflagen (1987, 1997, 2004) von Gerhard Höhn, Heine-Handbuch. Zeit - Person - Werk, Stuttgart-Weimar 2004(3).
19.
Vgl. Christian Liedtke, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Heinrich Heine. Neue Wege der Forschung, Darmstadt 2000, S. 7 - 16.
20.
P. Stein (Anm. 11), S. 265; vgl. auch Karin Füllner/Joseph A. Kruse/Bernd Witte, Heine-Jahr und Heine-Kongress. Eine Bilanz, in: Jahrbuch der Heinrich-Heine-Universität, alte Folge (1994 - 1997), S. 239 - 248.