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13.1.2006 | Von:
Thomas Gutmann

Heine nach 1945

In der DDR wurde Heine als "Vorläufer sozialistischen Denkens" vereinnahmt. In der Bundesrepublik gelangte erst mit "Achtundsechzig" eine Neubewertung zum Durchbruch.

Einleitung

"Allzugut ist Heinrich Heine von den Deutschen nicht behandelt worden (...)."[1] Der Germanist Helmut Koopmann hat dies vor 30 Jahren heinisch-leicht formuliert. Denn tatsächlich wurde Heine vom offiziellen Deutschland bis 1945 - vernichtet. Der Pariser Emigrant war Jude. Das allein hatte den Nationalsozialisten genügt, seine Bücher zu verbrennen und die "Loreley" als schöpferloses "Volkslied" auszugeben. Doch der Dichter war ihnen auch deshalb verhasst, weil er für all das geschrieben hatte, was die braunen Gewaltherrscher mit Stiefeln traten: Menschenrechte, Demokratie, soziale Gerechtigkeit und liberales Denken; gegen Deutschtümelei und Nationalismus. Und Heine dichtete in einer Weise, die noch heute unerhört modern wirkt: mit sprachlichem Witz, schrankenlos subjektiv, ironisch, spöttisch, satirisch, leicht.

Sein kritischer, hellsichtiger Blick auf die Zustände im Vormärz, der Epoche vor der Revolution von 1848, und seine seziermesserscharfe Sprache hatten dem Zwangsaußenseiter schon zu Lebzeiten, noch vor seiner Emigration 1831 nach Paris, übelste Beschimpfungen eingetragen: So überzog der Hamburger Gymnasiallehrer Eduard Meyer Heine und dessen Rivalen Ludwig Börne mit Schmähvokabeln wie "Unverschämtheit und Anmaßung", "Unsittlichkeit und Leichtfertigkeit", "vorlautes Wesen" und "gemeine Grundgesinnung" - "häßliche Eigenthümlichkeiten dieser Asiaten [gemeint: Juden, T.G.]", die "mit der Taufe nicht so leicht abgelegt" werden könnten.[2] Gleichsam lehrbuchmäßig äußert sich in der Schimpftirade des Schulmeisters bereits der rassistische Antisemitismus des 19. Jahrhunderts. Ehe dieser bis zum Völkermord radikalisiert werden sollte, pressten auch nationale Kulturgrößen wie Richard Wagner oder der Historiker Heinrich von Treitschke den Dichter in das aus Vorurteilen gegossene Klischee vom Juden und Französling. Frivol, böswillig, sprachschwindlerisch, ja charakterlos sei er - "undeutsch" eben.

Auf der anderen Seite gewann der politische Kopf Anhänger. So wollte ihm der Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr, im Rezensionsstil so gezielt salopp wie Heine, zu seinem 50. Todestag (1906) ein Denkmal errichten. Hinter dem kämpferischen Aufruf "wider die Philister" und ihren wilhelminisch-kolossalen Geschmack versammelten sich Vertreter der kulturellen Moderne, Max Liebermann etwa, Gerhart Hauptmann oder Engelbert Humperdinck. Auch die Arbeiterbewegung entdeckte den Gesprächspartner ihres Propheten Karl Marx für sich, reklamierte ihn für die proletarische Revolution. Von dem Krawall-Nationalisten Adolf Bartels bekämpft, ging der Kerr'sche Denkmalsplan jedoch erst zwei Jahrzehnte später auf, in der brüchigen Weimarer Demokratie. Nach deren Zusammenbruch wurde die Hamburger Bronzestatue zunächst eingemottet, später eingeschmolzen für den "Endsieg".[3]

In der DDR vereinnahmt

Etliche, die vor dem NS-Terror flohen, nahmen ihren Schicksalsgenossen geistig mit in die Emigration: zum Beispiel nach Mexiko-Stadt, wo Anna Seghers, Ludwig Renn und andere ihren Emigranten-Club wie selbstverständlich nach Heine benannten. Mit ihm kehrten viele nach dem Krieg nach Deutschland zurück, ein Teil davon in die Sowjetische Besatzungszone. Ausgerechnet die stalinistische UdSSR hatte als eines der ersten Länder der Welt den Vorkämpfer für Demokratie und Menschenrechte auf einen Ruhmessockel gehoben: als antifaschistischen Mitkrieger gegen Nazi-Deutschland.

Folgerichtig verleibte auch das SED-Regime in Ost-Berlin den "Vorläufer des sozialistischen Denkens" dem kommunistischen "Erbe" ein und führte ihn gegen Bonn und die NATO ins Feld. Allerdings nicht ungestraft: "Mit seinem Witz, seiner Respektlosigkeit, seiner Schärfe wirkte der Dichter animierend auf junge Köpfe", schrieb einer dieser jungen Köpfe im Rückblick auf die sonst drückenden Aufbaujahre in der SED-Diktatur.[4] Ein anderer, Wolf Biermann, dichtete 1972 Heines "Wintermärchen" auf die hier realsozialistische, dort kapitalistische Gegenwart um, die ihm ebensowenig märchenhaft erschien wie dem Original die deutschen Zustände von 1844. Den Liedermacher ereilte dasselbe Schicksal wie sein Vorbild: Er wurde gezwungen, westwärts zu ziehen.

Die Bilanz der "usurpierenden Rezeption" in der DDR, im Heine-Jahr 1956 in einer ideologischen Inszenierung sondergleichen gipfelnd, fällt gemischt aus: Einerseits fand die sozialistische Diktatur in Heine ein Erneuerung verheißendes Aushängeschild, das manchen auch im Westen milde stimmte beim Blick auf den SED-Staat. Andererseits führte die Kanonisierung Heines dazu, dass der Dichter der "Loreley" von weiten Bevölkerungsteilen endlich auch als politischer Kopf wahrgenommen wurde. Das "Wintermärchen" wurde Pflichtlektüre in den Schulen der DDR - eine Popularisierung, deren Wirkung sich im Herbst 1989 auf den Leipziger Montagsdemonstrationen zeigen sollte.[5] Und die sich nach der Wiedervereinigung messen ließ: 70 Prozent der befragten Ostdeutschen konnten in einer repräsentativen "Spiegel"-Umfrage das "Wintermärchen" seinem Autor zuordnen - bei den Westdeutschen waren es gerade mal 17 Prozent.[6]

Von der Aufnahme Heines ins sozialistische Kulturerbe profitierte aber auch die Forschung. Die marxistische "Brille" klärte den Blick für die gesellschaftliche Bedingtheit seines Werks. George Lukács, der den sozialistischen Erbebegriff mitgeprägt hatte, deutete des Dichters "Schwankungen" nicht charakterlich, wie es bis dato Usus gewesen war in Deutschland, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Widersprüche. Weltweit anerkannt wurden die Leistungen einer neuen Generation ostdeutscher Heine-Forscher. So legte Hans Kaufmann in den sechziger Jahren die bis zum Erscheinen der großen historisch-kritischen Editionen (Düsseldorf sowie Weimar/Paris) "maßgeblichste Werk- und Briefausgabe" vor.[7] Nach 1970 indes blieb die Heine-Forschung in der DDR jener "gerade auch im Bereich methodischer Vielfalt und Innovation" deutlich hinter der der Bundesrepublik zurück, doch das mindert nicht das Verdienst der neuen ostdeutschen Heine-Forscher.

In der Bundesrepublik verharmlost

Die Heine-Rezeption der jungen Bundesrepublik war zunächst wenig anspruchsvoll. Für die große Mehrheit der Westdeutschen stellte sich der Dichter bestenfalls so dar, wie ihn Arno Breker, der nachmalige "Hofbildhauer des Dritten Reichs", schon beim Düsseldorfer Denkmalswettbewerb 1932 hatte abbilden wollen: reduziert, als sinnende Jünglingsgestalt, schön anzusehen und herzergreifend dichtend. Einen deutschen Gedächtnisort für dieses unangemessen-romantisierende Poetenbild hat ungewollt der Stadtrat von Norderney geschaffen, als er Brekers Wiedergutmachungs-Heine 1983 gegen zahlreiche Proteste vor dem "Haus der Insel" aufstellte.[8] Immerhin bilden Bronze und Gebäude eine harmonische Einheit, denn das Kurorchester spielt meist nur die "schönen Stellen", die aus dem Mozart-Medley oder dem melodischen Strauß-Strauß.

Und die "hässlichen" Stellen? Heines angeblich "verabscheuungswürdige Seiten", seit seinen Lebzeiten bei öffentlichen Auseinandersetzungen immer wieder beschrien? Wie hielt es die Mehrheit der Westdeutschen damit? Einen Hinweis gibt die offizielle Stellungnahme der Bundesregierung zum "Klassiker des Ärgernisses" anlässlich seines 100. Todestags am 17. Februar 1956: "Dieser Mann", heißt es im Bulletin, "hat so vieles geschrieben, was man, von welchem Standpunkt auch immer, unmöglich billigen kann, dass es in der Tat Schwierigkeiten bereitet, vor den Augen der uns gerade jetzt ironisch aufmerksam betrachtenden Welt das allzu Abscheuliche taktvoll zu übersehen und das Großartige und Schöne um so lauter zu loben (...). Heinrich Heine ist ein Phänomen, das als Ganzes genommen werden muss und dessen Vielfalt der Moralist nur gerecht werden kann, wenn er nach Motiven auch dessen sucht, was wirklich häufig recht anstößig dasteht."[9] Der erste Satz riecht nach Mottenkiste, nach Moral als höchster Wertungskategorie, doch der zweite war zukunftsweisend. Der erste Satz kann als einfühlende Solidarisierung mit den Adressaten des Bulletins - die breite Öffentlichkeit - gedeutet werden, der zweite als volkspädagogisch motivierter Schubs in die richtige Richtung.

Stimmt diese Interpretation, dürfte das Bild vom charakterschwachen und frankophilen Nestbeschmutzer beim deutschen Michel der unmittelbaren Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahre zumindest unterschwellig fortgewirkt haben - auch wenn die wenigsten in ihrer Abneigung eine solche ideologische Tiefenschärfe aufgebracht haben dürften wie Heinz Politzer 1948. Für ihn trug der "Abenteurer Heine" viele Masken, hinter denen er seine "Neigung" verbarg, "sich der Verantwortung zu entziehen", besaß er den "bösen Blick des Gesellschaftskritikers", "fing sich in seinem eigenen Witz" und "fiel endlich auf das Judentum als auf den Punkt des geringsten Widerstands zurück".[10]

Der alte Heine-Hass - feierte er also törichte Urständ im Westen? Der Eindruck trügt. Jedenfalls verloren die Wortführer der Anti-Heine-Partei nach dem ungeheuren Zivilisationsbruch die Meinungsführerschaft bei der Deutung der deutschen Geschichte und ihrer Kritiker. Friedrich Sieburg mahnte 1956: "Die Betrachtung dieser Figur (Heine) und seines Werkes sollte uns mit schärfster nationaler Selbstkritik verbunden sein (...)." Und Theodor W. Adorno sprach von der "Wunde Heine": Sie schmerze noch immer, weil der Außenseiter das deutsche Publikum auf Schwachstellen der bürgerlichen Gesellschaft stoße, vom "Warencharakter" der Kunst bis hin zum "Scheitern der jüdischen Emanzipation".[11]

Die bundesdeutsche Germanistik näherte sich Heine, wenn überhaupt, zunächst textimmanent-formalistisch und/oder altkonservativ-moralisierend. Doch eine neue Generation von Literaturforschern erkannte, dass man mit der Ausblendung der "deutschen Zustände" in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts weder der Person gerecht wird noch bei der Werkinterpretation weiterkommt. Manfred Windfuhr wehrte sich nach eigenen Worten "gegen das damals weit verbreitete Bild vom Impressionisten Heine, die Vorstellung von angeblich diffusen und widersprüchlichen Strukturen, und arbeitete dagegen durchgehende Linien heraus, vor allem Heines Revolutionskonzept". Mit "Achtundsechzig" kam dann die gesellschaftskritische Neubewertung zum Durchbruch, wenn auch mit der für solche Umschwünge typischen Übertreibung: Einige Kollegen, erinnert sich Windfuhr, "wünschten sich von mir ein ideologisch strammeres Heinebild. Demokratisch reichte nicht, es musste radikal- oder linksdemokratisch sein."[12]

Heine-Universität Düsseldorf?

Windfuhr war es auch, der einen Aufruf von zehn Dozenten der Universität Düsseldorf initiierte, die Hochschule nach dem berühmten Sohn der Stadt zu benennen. Der Appell vom 30. Oktober 1968 war überzeugend begründet, argumentierte mit dem Rang Heines, der ihm weltweit zuerkannt werde, seiner Universalität, mit dem "Nachholbedarf" an Ehrungen in Deutschland, der Mehrung des Ansehens von Hochschule und Stadt sowie der "guten Tradition", die die "Benennung deutscher Universitäten nach bedeutenden Vertretern des geistigen Lebens" habe.[13] Das war eine für den widerborstigen Heine eigentlich zu glatte, diplomatische Begründung. Und doch führte die Initiative erst 20 Jahre später zum Erfolg, nach erbitterten Auseinandersetzungen und schwerem Imageverlust für Stadt und Hochschule.

Ein wesentlicher Grund war die Vor- und Entstehungsgeschichte der Universität. Die Hochschule ging aus der 1923 gegründeten Medizinischen Akademie Düsseldorf hervor und war zum Zeitpunkt der Windfuhr-Initiative, obgleich schon seit drei Jahren umbenannt, in ihrer Substanz kaum mehr als diese Akademie mit einigen wenigen nichtmedizinischen Lehrstühlen. Der nordrhein-westfälische Kultusminister Paul Mikat (CDU) wollte seine "schleichende" Universitätsgründung nicht durch eine Aufsehen erregende Namensgebung gefährden. Deshalb war ein erster Vorstoß für eine Heine-Universität - 1965 durch Düsseldorfs Oberstadtdirektor Gilbert Just (SPD), auf Anregung des in Düsseldorf geborenen und 1934 nach London emigrierten Juden Fritz Hellendall - im Sande verlaufen.

Mikat begründete seine Ablehnung außerdem mit der Hochschulautonomie. Nach seiner Rechtsauffassung konnte eine Regierung einer Universität keinen bestimmten Personennamen "dekretieren". Und dies hätte er wohl tun müssen, denn die Akademiemediziner plagten Statussorgen: Andere Fakultäten könnten die knappen Mittel beschneiden und die Identität der Medizinischen Akademie "umbiegen", befürchteten sie. Am liebsten wären die Mediziner, Professoren wie Studenten, wohl unter sich geblieben. Aber auch noch mit Germanisten unter einem Dichternamen firmieren - das schien den meisten Medizinern des Neuen zu viel.

Dieselben Gründe galten auch im Jahr der Studentenrevolte, 1968, allerdings in verschärfter Form: Die nächste Ausbaustufe mit nichtmedizinischen Lehrstühlen stand unmittelbar bevor (darunter der Germanistik-Lehrstuhl von Windfuhr). Überdies sahen die Noch-Hausherren in den im Umbruch befindlichen Geisteswissenschaften eine Einbruchstelle für eine ideologisierte Wissenschaft (durch "progressive" Professoren) und - schlicht - einen Unruheherd (durch die Studenten).

Und wenn Goethe oder Schiller statt Heine als Namensgeber vorgeschlagen worden wären? Dann hätte die zügige Benennung nach einem Dichter wohl eine deutlich größere Chance gehabt. Schleichende Gründung, Medizinersorgen, "Achtundsechzig" - die Benennungsinitiative scheiterte auch deshalb, weil Heine bis Ende der sechziger Jahre, vom Namen abgesehen, ein weithin Unbekannter war im bundesdeutschen Volk, auch unter Durchschnittsakademikern und solchen, die es werden wollten. "Der einzige Schulfreund, der Heine kannte und liebte", erzählte Bernhard Schlink in seiner Rede zur Entgegennahme der Heine-Ehrengabe 2000 über seine Heidelberger Gymnasialzeit, "war ein Linker, gegen die Atombombe, für den Verzicht auf die Ostgebiete, für die Anerkennung der SBZ/DDR und dafür, im Kommunismus etwas genuin anderes, Besseres als im Nationalsozialismus zu sehen."[14]

Neuere Forschungen über die Medizinische Akademie "nach der Diktatur" lassen annehmen, dass das Lehrpersonal dort wie auch die Studenten bis in die frühen siebziger Jahre hinein überwiegend konservativ eingestellt waren, dass sie eine grundsätzlich positive Einstellung zu den bundesrepublikanischen Verhältnissen hatten, sich nicht sonderlich den Kopf zerbrachen über Vergangenheitsbewältigung, verkrustete Strukturen oder soziale Chancengleichheit, dass sie fleißig arbeiteten, das berufliche Fortkommen und die eigene Zukunft im Blick.[15] All das unterschied sie von einem Dichter, der sich existenziellen Bedrohungen von oben ausgesetzt gesehen, an Deutschland wie an einer unerwiderten Liebe gelitten, als Ausgestoßener die gesellschaftlichen Zustände mit bissigem Spott kommentiert hatte. Dieser Heine war den meisten Düsseldorfer Hochschulangehörigen fremd, ob sie ihn nun kannten oder nicht. Kein Wunder, dass sich im November 1968 in einer Umfrage von 440 befragten Studenten 70 Prozent für eine Beibehaltung des schlichten Hochschulnamens "Universität Düsseldorf" aussprachen.

Und ausgeprägter Antisemitismus? Auch der könnte bei der Ablehnung durch die Professoren eine Rolle gespielt haben. Allerdings wohl nur in Einzelfällen, so bei dem Humangenetiker Heinrich Schade, ab 1931 NSDAP-Mitglied und offenbar bis zu seinem Tod 1989 ein Anhänger der NS-"Rassenhygiene". Verstrickt in die NS-Medizin gewesen war jüngeren Forschungen zufolge auch der Anatom Anton Kisselbach: als zumindest "aktiver" Mitwisser von Menschenversuchen im elsässischen KZ Natzweiler.[16]

Doch "müssen" in NS-Verbrechen verstrickte Deutsche 20, 25 Jahre später gegen Heine gewesen sein? Nicht unbedingt. Ihr "typisch menschliches" Verhalten nach der Diktatur indes, der zumindest nach außen hin wenig kritische Umgang mit der eigenen Vergangenheit legen es nahe, anzunehmen, dass sie die Abgründe der deutschen Geschichte eher verdrängen als"aufarbeiten" wollten. Und der "Ruhestörer" Heine stand für ein unbequemes Deutschlandbild. Es ist kaum wahrscheinlich, dass sich Menschen, die ein schlechtes Gewissen, Sorgen um die Karriere und Angst vor einem Kesseltreiben plagten, sich diesen zusätzlichen "Stachel" ausgerechnet im eigenen Lehrkörper herbeiwünschten.

Der in London lebende deutsch-jüdische Emigrant Fritz Hellendall vermutete acht Tage nach dem Windfuhr-Vorstoß in einem offenen Brief pauschal "Kräfte der Reaktion" hinter der Ablehnung einer Benennung. Daraufhin formulierte Rektor Alwin Diemer, ein liberaler Philosophieprofessor, eine unglückliche Presseerklärung, deren Kern sich als ehrenwerte Verteidigung der "autonomen" Wissenschaft vor politischen Vereinnahmungsversuchen lesen lässt. Darin wurde aber wenig souverän mit den Benennungsinitiatoren umgegangen, sie wurden vielmehr als jugendlich-vorwitzige Verschwörer, die einer unausgegorenen Idee anhängen, abgekanzelt. Zehn Tage später beschloss der Hochschulsenat einstimmig, der Universität keinen sonstigen Namen beizugeben. Die autonomiebewussten Professoren hielten das Thema damit für erledigt, Windfuhr jedoch nicht: "Es liegt im öffentlichen Interesse, die Frage der Benennung frei zu diskutieren." In den Augen des Anatoms Kisselbach war das eine Anmaßung: "Ich verfolge die Entwicklung der Philosophischen Fakultät mit großem Unbehagen", sagte er im Januar 1969 in einem Zeitungsinterview, "umso mehr, als zum Beispiel ein Professor, der noch nicht zu unserem Lehrkörper gehört und hier noch keine Vorlesung gehalten hat, taktlos und dreist durch eine demokratische Vergewaltigung einen Namen für die Universität erzwingen will." Dieser scharfe Ton sollte sein Echo finden: auf Seiten einer linksorientierten politischen Bewegung, der "Bürgerinitiative Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf". Heine-Kenner Windfuhr, der auf Überzeugungsarbeit gesetzt hatte, geriet in der am 13. Dezember 1968, dem 112. Geburtstag Heines, gegründeten Vereinigung schnell ins Abseits. Otto Schönfeldt nahm ihm das Heft aus der Hand, ein Mann aus dem (laut "Deutscher Volkszeitung") "antifaschistischen Widerstand": Schauspieler, 1936 Verhaftung und Berufsverbot, nach dem Krieg Theaterleiter in Hagen, Entlassung, weil angeblich zu linkslastig, danach "Kampf gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik". Schönfeldt sammelte im In- und Ausland hunderte Solidaritätsbezeugungen und Unterschriften für eine Heine-Universität, darunter die von so bedeutenden Schriftstellern wie Erich Fried, Günter Grass oder Erich Kästner. Zugleich jedoch führte der DKP-Sympathisant einen Feldzug gegen die Düsseldorfer Professoren, denen er mehr oder weniger pauschal unterstellte, aus antisemitischen Motiven einen mehr als 100 Jahre dauernden "Krieg gegen Heine" fortzusetzen. Damit brachte Schönfeldt die Hochschule weltweit in Misskredit, was dazu führte, dass ausgerechnet der liberale Philosophie-Ordinarius Alwin Diemer von einem Vortrag vor der Universität Houston/Texas ausgeladen wurde.

100 Jahre Krieg gegen Heine? Antisemiten, von Heines Zeitgenossen Meyer über den Denkmal-Stürmer Bartels bis hin zu den Heine-Hassern vom "Stürmer" - sie alle hatten einen Krieg geführt gegen Heine und sein fortschrittliches Werk. Doch für die Düsseldorfer Professoren war dieser Krieg Geschichte - wenn sie überhaupt davon wussten. Denn den meisten war wohl kaum die Tragweite ihrer Ablehnung bewusst, weder der Rang Heines in der Weltliteratur noch die feindliche Rezeptionsgeschichte hierzulande. Mit dem Kriegsvorwurf schoss Schönfeldt weit übers Ziel hinaus - mit der Folge, dass fast eine ganze Generation Düsseldorfer Medizin-Professoren die Benennung der Universität nach Heine nicht einmal mehr diskutieren wollte.

Anfang der siebziger Jahre fand der nach links gerückte Allgemeine Studentenausschuss (AStA) in Düsseldorf Gefallen an der Strategie, mit Heine die "massenhafte Diskussion" über das Selbstverständnis einer Universität zu forcieren: Die Studentenvertreter nahmen den Dichter für den Wissenschaftsbegriff der Neuen Linken in Dienst, für eine Vulgärversion der Kritischen Theorie, die "Wissenschaft, wie sie Heine versteht: praktisch, im Dienste des Menschen, die politische und soziale Revolution befördernd". So veranstaltete der AStA im Heine-Jahr 1972 ein bundesweit beachtetes "Heine-Hearing", auf dem PEN-Präsident Hermann Kesten Schönfeldts "Krieg dem Krieg" mit dem Dutschke-Heine der Studenten zusammenrührte: "Man wird mit Recht in aller Welt die Universität in Düsseldorf, die Stadt (...) verurteilen, dass sie einen großen deutschen Dichter verwerfen, weil er der Freund des Volkes war (...), weil er öffentlich ausgesprochen hat (...), wer ein Feind der sozialen und politischen und sexuellen Aufklärung ist, wer die Wissenschaften und die Literatur, Kunst und Religion und Volkserziehung zu Instrumenten willkürlicher Macht von wenigen, von kriminellen Tyrannen, von asozialen ökonomischen Herren machen will." In den stürmischen Beifall hinein warnte der Historiker Wolfgang J. Mommsen als Vertreter der Dozenten: "Wenn Sie den Namen Heinrich Heine für eine Politisierung der Universität missbrauchen und gegen die dort arbeitenden Professoren, die Sie außerdem in Bausch und Bogen zu Antisemiten erklären, dann brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn Sie auf Widerstand stoßen." Mommsens Warnung war prophetisch: Der Satzungskonvent der Hochschule, der die Umbenennung bereits im März 1972 abgelehnt hatte, sagte erneut im Januar 1973 und auch im Februar 1982 Nein zu einer Heinrich-Heine-Universität. Erst im Dezember 1988 beschloss der Senat nach klugen Sondierungen die Umbenennung - als die Kämpfe um eine "demokratisierte Wissenschaft" und die so genannte Gruppenuniversität geschlagen, die während der Nachrüstungsdebatte aufgebrandeten "neuen ideologischen Wellen" verebbt und neue Generationen in Professoren- und Dozentenstellen gelangt waren.

Ein Liberaler - oder ein Linker?

Heine hatte es inzwischen auch in der Bundesrepublik zu einem allseits anerkannten, ja beliebten Dichter gebracht. In den siebziger Jahren, dem Jahrzehnt der "konsolidierten Heine-Renaissance", erhielten Forschung und Vermittlung eine breitere institutionelle Grundlage, stiftete die Stadt Düsseldorf den Heine-Preis, wurde der Dichter durch Revuen, Schallplattenproduktionen, Rezitationsabende und den Buchmarkt regelrecht populär.[17] Dabei blieb Heine "umstritten", teilte Deutschland aber nicht mehr in Freund und Feind. Die Frage lautete vielmehr: War er ein Liberaler, oder war er ein Linker?

Während rechtsliberale Interpreten wie Golo Mann oder Carl Zuckmayer "ihren" Heine zu einem politisch ambivalenten Dichter "zwischen allen Stühlen" verschwimmen ließen, instrumentalisierte die Linke - von Bundespräsident Gustav Heinemann bis zu den Intellektuellen - den Dichter als Verbündeten im Kampf für sozialdemokratischen Fortschritt. "Zuckererbsen für jedermann!" (Heine 1844) und "Mehr Lebensqualität!" (Willy Brandt 1969), beide Parolen harmonierten, aus dem Zusammenhang gerissen, bestens miteinander, ebenso "Emancipation" und "Emanzipation", die "große Aufgabe" im Vormärz wie während der Kanzlerschaft Brandts. Zudem begann sich das kritischer werdende Selbstbild der Deutschen mit Heines Vaterlandsanalysen zu decken.

Die "Entdeckung" Heine entpuppte sich für Germanisten wie Literaturfreunde, für Politiker wie Intellektuelle als ein Schatz, der, erst einmal gehoben, in seinen Bann zieht. Statt des "Französlings" kam der Vorkämpfer für eine Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich zum Vorschein, statt des "Dekadencejuden" der in seiner deutsch-jüdischen Identität mit Vaterland wie Judentum Ringende, statt des "gehässigen" Außenseiters der oppositionelle Intellektuelle, der uns die Augen öffnet. Heine wurde vervollständigt, auch biografisch: Nach dem jungen Liebeslyriker und dem furchtlosen Trommler für Freiheit und sozialen Fortschritt geriet der sich in seiner "Matratzengruft" quälende Mensch verstärkt in den Blick, der Zweifelnde, der in der Religion Halt sucht. Bert Gerresheims 1981 eingeweihtes "Fragemal" am Düsseldorfer Schwanenspiegel gibt Zeugnis davon: eine aufgesprengte Gesichtslandschaft mit Totenmaske, Trommel, Schere und weiteren Symbolen, die auf Leben und Werk, politischen Kampf und Zensur anspielen.

Heute herrscht Einmütigkeit darüber, dass Heine die Moderne in Deutschland ästhetisch wie politisch mitbegründet hat.[18] Das heißt nicht, dass es keine Differenzen mehr gebe, etwa in der Frage, welchen Intellektuellen-Typus der Dichter eher verkörpert, den unberechenbaren Unabhängigen wie etwa Hans-Magnus Enzensberger oder denjenigen, dessen tagespolitische Einlassungen wie bei Günter Grass beständig einer (partei)politischen Linie folgen. Doch derlei "Streit" wird gelassener geführt als vor 30 Jahren. Linksausleger erklären zwar weiterhin, wie "hoch aktuell" etwa Heines "Kapitalismuskritik" sei, aber nicht mehr in dem anmaßenden Ton jener, die Deutungshoheit über sein Werk beanspruchen. Rechtsausleger haben lernen müssen, dass sich der widerborstige Klassiker nicht wie ein raue Wollmütze weichspülen lässt: Wer Heine an seinen Kopf lässt, den juckt und piekst es.

Deshalb hat der Dichter auch seine Mega-Vermarktung im Jubeljahr 1997 schadlos überstanden: das "eventige" Düsseldorfer Multi-Media-Spektakel, den "Heine-Duft", die Heine-Kochbücher und sonstiges Merchandising rund um den Kurzzeit-Popstar.[19] Der Internationale Heine-Kongress in der Landeshauptstadt verlief in "bemerkenswerter Eintracht", das Gedenken zum Geburtstag am 13. Dezember war "geradezu eine staatliche Kundgebung".[20] Was bleibt, ist eine sich immer breiter auffächernde Forschung, ist die Vermittlung des Werks durch Institutionen wie das rührige Düsseldorfer Doppel von Heine-Institut und -Gesellschaft - ist Heine selbst. Solange wir nicht im Schlaraffenland leben - und es sieht nicht danach aus -, wird dieser spitzfedrige Geist kaum ruhig zu stellen sein.

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Fußnoten

1.
Helmut Koopmann, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Heinrich Heine, Darmstadt 1975, S. IX.
2.
Zit. nach Wolfgang Hädecke, Heinrich Heine. Eine Biographie, Reinbek 1989 (Orig. 1985), S. 22. Zur Rezeptionsgeschichte vgl. u.a. Walter Hinck, Die Wunde Deutschland. Heinrich Heines Dichtung im Widerstreit von Nationalidee, Judentum und Antisemitismus, Frankfurt/M. 1990; Karl Theodor Kleinknecht (Hrsg.), Heine in Deutschland. Dokumente seiner Rezeption 1834 - 1956, Tübingen 1976.
3.
Vgl. Ute Kröger, Der Streit um Heine in der deutschen Presse 1887 - 1914, Aachen 1989.
4.
Wolfgang Werth, Genosse Heine im Krähwinkel. Wie der respektlose Dichter einst den schulpflichtigen Massen in der DDR erscheinen sollte, in: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 6.12. 1995; zur sozialistischen Rezeptionsgeschichte vgl. u.a. Jost Hermand, Streitobjekt Heine. Ein Forschungsbericht 1945 - 1975, Frankfurt/M. 1975; Walter Reese, Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption in Deutschland, Frankfurt/M. 1979; Constanze Wachsmann, "Ein mutiger Trommler der Revolution". Zur Heinrich-Heine-Rezeption in der Sowjetunion (1917 - 1953), in: Heine-Jahrbuch, 41 (2002), S 188 - 204; Gerrit-Jan Berendse, Heine im Kalten Krieg. Wolf Biermanns selektive Rezeption des "Wintermärchens", in: Heine-Jahrbuch, 37 (1998), S. 168 - 181; Jörg Bernig, Vergessenheit und Instrumentalisierung. Die deutsche Heine-Rezeption im ersten Nachkriegsjahrzehnt, in: Heine-Jahrbuch, 42 (2003), S. 105 - 123.
5.
"Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,/Ich kenn' auch die Herren Verfasser", hieß es da: "Ich weiß, sie tranken heimlich Wein/Und predigten öffentlich Wasser." Vgl. Joseph A. Kruse, 200 Jahre Heinrich Heine: Wirkung, Ruhm und Kontroversen, in: ders. (Hrsg.), "Ich Narr des Glücks". Heinrich Heine 1797 - 1856. Bilder einer Ausstellung, Stuttgart-Weimar 1997, S. 3 - 14 (hier S. 8).
6.
Vgl. Der Spiegel, (1994) 51.
7.
Vgl. Burkhard Gutleben, Die deutsch-deutsche Heine-Forschung. Kontroversen und Konvergenzen 1949 - 1990, Frankfurt/M. 1997.
8.
Vgl. Hildegard Peters, Ein Heine-Denkmal auf Norderney im Widerstreit. Heinrich Heine - ja! Arno Breker - nein!, in: Heine-Jahrbuch, 23 (1984), S. 156 - 168.
9.
Zit. in K. T. Kleinknecht (Anm.2), S.151.
10.
Heinz Politzer, Abenteurer Heine, in: Neue Rundschau, 59 (1948), zit. nach B. Gutleben (Anm.7), S.35. Wie stark die traditionellen, weit in die Geschichte zurückreichenden antisemitischen Denkmuster noch waren, zeigte sich selbst bei manchem derjenigen, die für Heine warben. So bei Rudolf Pechel, der in seinem viel zitieren Aufsatz im "Aufbau" (1946) "den" Juden schlechthin charakterlich beurteilen zu können glaubte. Vgl. J. Bernig (Anm. 4), S. 108.
11.
Zit. nach B. Gutleben (Anm. 7), S. 37. Kritisch sieht Adornos Argumentation u.a. Peter Stein, Zu den Widersprüchen in der Rezeptionsgeschichte Heinrich Heines, in: Wolfgang Beutin u.a. (Hrsg.), "Die Emanzipation des Volkes war die große Aufgabe unseres Lebens". Beiträge zur Heinrich-Heine-Forschung anlässlich seines zweihundertsten Geburtstags 1997, Hamburg 2000, S. 253 - 266. Stein wirft Adorno "jüdischen Selbsthass" vor (S. 263).
12.
Manfred Windfuhr, Rätsel Heine. Autorprofil - Werk - Wirkung, Heidelberg 1997, S. 7.
13.
Zum Benennungsstreit vgl. u.a. Otto Schönfeldt (Hrsg.), Und alle lieben Heinrich Heine ... Bürgerinitiative Heinrich-Heine-Universität 1968 - 1972, Köln 1972; Thomas Gutmann, Im Namen Heinrich Heines. Der Streit um die Benennung der Universität Düsseldorf 1965 - 1988, Düsseldorf 1997; mit der Arbeit setzt sich kritisch auseinander: Ulrich Welbers, Heinrich Heines Demut. Ethik der Besinnung für eine Universität auf der Suche nach Aufklärung, in: Holger Ehlert u.a. (Hrsg.), Die Jahre kommen und vergehen! 10 Jahre Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Düsseldorf 1998, S. 229 - 236; Max Plassmann/Karoline Riener, Die ersten Jahre der Universität Düsseldorf (1965 - 1970) - von der "schleichenden" Gründung bis zum Namensstreit, in: Jahrbuch der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Bd. 2 der neuen Folge (2002), S. 503 - 512.
14.
Bernhard Schlink, "Schlage die Trommel und fürchte dich nicht!", in: Heine-Jahrbuch, 39 (2000), S. 230.
15.
Vgl. Wolfgang Woelk u.a. (Hrsg.), Nach der Diktatur. Die Medizinische Akademie Düsseldorf nach 1945, Essen 2003; Bernd Bussang, Das Gehirn der Stadt. 40 Jahre Heinrich-Heine-Universität, in: Rheinische Post (RP) vom 12.11. 2005, S. B 6 (Stadtpost).
16.
Vgl. W. Woelk u.a. (Anm. 15) sowie Michael G. Esch u.a. (Hrsg.), Die Medizinische Akademie Düsseldorf im Nationalsozialismus, Essen 1997.
17.
Vgl. Joseph A. Kruse, Heine in der Bundesrepublik Deutschland 1972 - 1987. 15 Jahre Heine-Rezeption, in: Heine-Jahrbuch, 28 (1989), S. 13 - 30.
18.
Vgl. die Einleitungen zu den drei Auflagen (1987, 1997, 2004) von Gerhard Höhn, Heine-Handbuch. Zeit - Person - Werk, Stuttgart-Weimar 2004(3).
19.
Vgl. Christian Liedtke, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Heinrich Heine. Neue Wege der Forschung, Darmstadt 2000, S. 7 - 16.
20.
P. Stein (Anm. 11), S. 265; vgl. auch Karin Füllner/Joseph A. Kruse/Bernd Witte, Heine-Jahr und Heine-Kongress. Eine Bilanz, in: Jahrbuch der Heinrich-Heine-Universität, alte Folge (1994 - 1997), S. 239 - 248.