Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse (Symbolbild). Eine Modelleisenbahn fährt auf Schienen in einem von 2 Händen gehaltenen Bräter.

8.11.2019 | Von:
Wolfgang Gaiser
Johann de Rijke

Politische und soziale Orientierungen in Ost und West. Empirische Befunde in generationaler Perspektive

Soziale Orientierungen

Für die Betrachtung sozialer Orientierungen sind insbesondere zwei Aspekte relevant: soziale Orientierungsunsicherheit und Gerechtigkeitsempfinden (Tabelle 2).

Soziale Orientierungen (in Prozent)Tabelle 2: Soziale Orientierungen (in Prozent (© bpb)

Die für ALLBUS herangezogenen Elemente zu sozialer Verunsicherung ("Anomie") erfassen auf der subjektiven Mikroebene von Einstellungen individuelle Orientierungsunsicherheit, die durch Gefühle der Undurchschaubarkeit persönlicher und sozialer Zusammenhänge gekennzeichnet ist.

Zusammenhänge mit der Makroebene des politischen Systems wurden vielfach untersucht, insbesondere im Hinblick auf die möglichen Folgen verstärkter Verunsicherung durch einen Systemwechsel von autoritären Staaten zu Demokratien. Ein Unterschied wäre also zwischen Ost- und Westdeutschland zu erwarten. Auch Alterseffekte wurden in dem Sinne vermutet, dass mit zunehmender Lebenserfahrung Orientierungsunsicherheit abnimmt. Die Daten weisen auf Alterseffekte hin, die aber nur in den ostdeutschen Ländern zu erkennen sind und in der Richtung, dass bei Älteren soziale Orientierungsunsicherheit häufiger vorkommt. Dies kann man dahingehend interpretieren, dass ihre Verunsicherung durch den Systemwechsel und Transformationsprozess immer noch präsent und daher größer ist als bei den Jüngeren, die den Wandel nicht direkt erlebt haben.

Was die subjektive Wahrnehmung von gerechter Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum angeht, so zeigt sich auch fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ein deutlicher Ost-West-Unterschied, und dies nicht nur bei den Älteren, sondern auch (wenn auch weniger ausgeprägt) bei den Jüngeren. Folgende Frage wurde gestellt: "Im Vergleich dazu, wie andere hier in Deutschland leben: Glauben Sie, dass Sie Ihren gerechten Anteil erhalten, mehr als Ihren gerechten Anteil, etwas weniger, oder sehr viel weniger?" In den Daten wird hier immer noch eine empfundene "Gerechtigkeitslücke" zwischen Ost und West ersichtlich: Nur knapp über 30 Prozent der in Westdeutschland Befragten (Alt und Jung etwa in gleichem Maße) finden, dass sie weniger oder sehr viel weniger als den gerechten Anteil bekommen. Die überwiegende Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung findet also, dass sie einen gerechten Anteil am Lebensstandard erhält. In Ostdeutschland dagegen ist der Anteil der sich eher depriviert fühlenden Menschen immer noch hoch: 42 Prozent bei den Jüngeren und 53 Prozent bei den Älteren.

Politische Partizipation

Politische Partizipation kann in unterschiedlichen Kategorien betrachtet werden (Tabelle 3): "Konventionelle Partizipation" steht hier für die Beteiligung in politischen Organisationen wie politischen Parteien oder auch Bürgerinitiativen. Bei dieser Partizipationsform gibt es keine wesentlichen Differenzen zwischen Ost und West wie auch zwischen den betrachteten Altersgruppen.

Politische Partizipation (in Prozent)Tabelle 3: Politische Partizipation (in Prozent (© bpb)

Unkonventionelle Partizipationsformen sind etwa die Teilnahme an einer genehmigten oder ungenehmigten Demonstration oder auch die Beteiligung an einer Unterschriftensammlung. Auch in dieser Kategorie findet man kaum Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland sowie ebenfalls keine Altersspezifik.[12] Im Einzelnen nehmen Jüngere häufiger an genehmigten Demonstrationen teil, und vor allem auch an ungenehmigten Demonstrationen. Ältere beteiligen sich hingegen häufiger an Unterschriftensammlungen.

"Politischer Konsum" steht für das Verhalten, aus politischen, ethischen oder ökologischen Gründen bestimmte Waren zu boykottieren oder zu kaufen. Jüngere in Ost und West konsumieren ähnlich häufig politisch – bei Älteren gibt es diese Form politischer Artikulation im Osten deutlich seltener als im Westen.

Schließlich sind bei zwei Formen politischer Partizipation – Beteiligung an einer Online-Protestaktion sowie Meinungsäußerung auf Facebook, Twitter oder in anderen sozialen Netzwerken – Jüngere stärker engagiert. Wobei bei Ersterem im Grunde keine wesentliche Differenz zu den Älteren im Westen zu erkennen ist. Das gilt nicht für die Nutzung sozialer Netzwerke im politischen Sinne: Hier sind Jüngere deutlich aktiver als Ältere; im Osten sind dabei die Beteiligungshöhe und auch der Altersgruppenunterschied etwas geringer.

Anhand der Daten des European Social Survey von 2002 bis 2017 haben die Sozialwissenschaftler Philippe Joly und Marcus Spittler die jüngeren Kohorten, sogenannte millennials (Jahrgänge zwischen 1985 und 2000), mit den älteren verglichen.[13] Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die millennials sich häufiger politisch beteiligen, als die jetzt älteren Generationen es damals getan haben. Die Vermutung liegt nahe, dass die millennials sich im späteren Alter ebenfalls häufiger politisch beteiligen, als es die früheren Generationen heute tun. Insofern kann das aktuelle Engagement der Jüngeren im Kontext der Klimakrise und des Protestes gegen die zu wenig aktive Politik auf größere politische Beteiligung verweisen, die auch in Zukunft von den heute Jüngeren ausgeht – auch wenn skeptische Stimmen auf die Problematik von politischen Bewegungen und der Aufrechterhaltung eines aktuellen Mobilisierungsniveaus verweisen.[14] Jedenfalls steht die Partizipations-Forschung durch diese Artikulationsformen junger Menschen – wie die Teilnehmer und Teilnehmerinnen von "Fridays for Future" – vor neuen Herausforderungen, insbesondere was zivilgesellschaftliche Wirksamkeit und partizipative Nachhaltigkeit angeht.

Schluss

Das Ergebnis, dass sich die jüngeren Altersgruppen in Ost und West in Einstellungen und Partizipationsformen (anders und zumindest häufiger als die älteren) kaum unterscheiden, weist in gewisser Weise darauf hin, dass es jugendspezifisch relevante gesellschaftliche Entwicklungen gibt wie eine zunehmende Pluralisierung und Individualisierung von Lebenswelten sowie Verdichtungsprozesse in der Jugendphase. Somit ist es für Politik, Praxis und Forschung unter der Perspektive von Gleichwertigkeit und Ungleichheit nicht nur wichtig, Differenzierungsaspekte wie Raum (und ohnehin auch Herkunft und Bildung) im Fokus zu haben, sondern auch die Lebenslage der Jugend.

In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 28. August 2019 sprach Steffen Mau von einer fortbestehenden mentalen Entfremdung zwischen Ost und West.[15] Er diagnostizierte Mentalitätskontinuitäten zwischen der DDR und der heutigen ostdeutschen Gesellschaft und nannte Ostdeutschland eine "frakturierte Gesellschaft". Dafür mag es Hinweise geben, insbesondere angesichts ökonomischer Probleme; was aber "Mentalitäten" oder empirisch diagnostizierbare Einstellungen angeht, scheint es doch nunmehr weniger Ungleichheiten zwischen der Jugend in Ost und West zu geben.

Fußnoten

12.
So auch in der FES-Studie: Siehe Gaiser/Hanke/Ott (Anm. 5), S. 50–71.
13.
Vgl. Philippe Joly/Marcus Spittler, Jung und engagiert. Wie Millennials sich politisch beteiligen, in: Wissenschaftszentrum Berlin, WZB-Mitteilungen 165/2019, S. 13–16.
14.
Vgl. Dieter Rucht, Jugend auf der Straße. Fridays for Future und die Generationenfrage, in: WZB-Mitteilungen, 165/2019, S. 6–9; Mattias Wahlström et al., Protest for a Future: Composition, Mobilization and Motives of the Participants in Fridays For Future Climate Protests on 15 March, 2019 in 13 European Cities, 9.7.2019, https://protestinstitut.eu/wp-content/uploads/2019/07/20190709_Protest-for-a-future_GCS-Descriptive-Report.pdf«.
15.
Steffen Mau im Gespräch, Ostdeutschland ist kein eingebildeter Kranker, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 28.8.2019.
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