APUZ Dossier Bild

28.12.2005 | Von:
Jürgen Leibold
Steffen Kühnel
Wilhelm Heitmeyer

Abschottung von Muslimen durch generalisierte Islamkritik?

Es gibt Hinweise dafür, dass generalisierte Islamkritik in der deutschen Mehrheitsgesellschaft einen verstärkenden Effekt auf vorhandene Abschottungsmuster der türkisch-muslimischen Minderheiteingruppe hat. Differenzierte Kritik und strukturelle Integration sind erforderlich.

Einleitung

Jede Weltanschauung und jede Religion muss sich in einer pluralen Welt kritischen Fragen stellen, etwa um Grundwerte wie die Gleichwertigkeit und die psychische und physische Unversehrtheit von Menschen zu sichern.

Dies sollte in differenzierter Weise geschehen, denn es ist zu erwarten, dass abwehrende Haltungen gegenüber diesen Fragen umso wahrscheinlicher werden, je generalisierter kritische, distanzierende oder abwertende Einstellungen vorgetragen werden. Dies gilt umso mehr, wenn diese Problematik erstens in ein Mehrheits-Minderheitsverhältnis eingelagert ist, zweitens aufeinander treffende Kulturen bzw. Religionen erhebliche Wertedifferenzen und Distanzen aufweisen, und drittens eine politische Instrumentalisierung bis hin zur Gewalt möglich ist.

Mit dieser Konstellation sind wir auch in Deutschland konfrontiert: Eine christlich eingefärbte säkulare Mehrheitsgesellschaft steht hier einer (zahlenmäßig türkisch dominierten) muslimischen Minderheit gegenüber.

Die lange Zeit existierende Indifferenz der Mehrheitsgesellschaft gegenüber der islamischen Religion ist bekanntlich spätestens seit dem "11. September" von Misstrauen abgelöst worden und erfährt mit jedem Terroranschlag, der als islamistisch motiviert wahrgenommen wird, immer neue Verstärkung. Dies gilt insbesondere nach Beteiligungen von jungen eingebürgerten Muslimen an Terroranschlägen wie in London.

In der öffentlichen Debatte dominiert die Auffassung, dass Distanzen zwischen "einheimischer" Mehrheit und zugewanderter Minderheit in erster Linie auf die nicht vorhandene Integrationsbereitschaft, die als Bringschuld betrachtet wird, eben der Minderheit zurückzuführen sei.

Dieses eindimensionale Denken schließt eine Interaktionsdynamik aus, die Gelegenheitsstrukturen von Seiten der Aufnahmegesellschaft voraussetzt, deren Möglichkeiten dann auszuschöpfen sind. Zusätzlich ist es allerdings auch notwendig, das Ausmaß und die Qualität von Einstellungen zu berücksichtigen, die sich gegen die Zuwanderer und ihre religiösen Überzeugungen richten und damit möglicherweise distanzierende oder rückzugsorientierte Verhaltensweisen von Migrantinnen und Migranten initiieren bzw. Meinungsführern in Migrantencommunities erst die Möglichkeit dazu liefern, Rückzüge zu "predigen".