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28.12.2005 | Von:
Andrea Janßen
Ayça Polat

Soziale Netzwerke türkischer Migrantinnen und Migranten

Es wird gefragt, ob die sozialen Netzwerke türkischer Migranten clan-ähnliche Strukturen aufweisen und ob es Tendenzen einer Abschottung gibt, wie sie in der öffentlichen Debatte mit dem Begriff "Parallelgesellschaften" assoziiert werden. Die Ergebnisse des dem Beitrag zugrunde liegenden Projektes bestätigen dies nicht.

Einleitung

"Parallelgesellschaften" ist ein Begriff, der seit einiger Zeit immer wieder in den Medien auftaucht, meist im Zusammenhang mit verstörenden Ereignissen wie Ehrenmorden oder anderen Gewaltverbrechen, in die Migranten verwickelt sind. Mit diesem Terminus wird allgemein ein Scheitern der Integration von Zuwanderern und der multikulturellen Gesellschaft insgesamt assoziiert.

Eine Diskussion darüber, was unter "Parallelgesellschaften" eigentlich zu verstehen ist, findet in der Öffentlichkeit kaum statt.[1] Ähnlich wie der Begriff "Leitkultur" ist der der "Parallelgesellschaft" längst zur Phrase mutiert, derer man sich unreflektiert bedient und über deren Inhalt keine Klarheit herrscht. Das vorherrschende Bild von Parallelgesellschaften ist eher diffus und zeigt eine räumliche, soziale und kulturelle Abschottung vornehmlich der türkischen und/oder muslimischen Bevölkerung in Deutschland.

Mit der Verwendung des Begriffs etwa im Zusammenhang mit Ehrenmorden werden Einzelfälle verallgemeinert. Die gesamte türkische oder muslimische Bevölkerung erscheint dadurch in einem negativen Licht. Als Ursache für diese Vorfälle werden umstandslos Parallelgesellschaften ausgemacht, wobei offen bleibt, was darunter genau zu verstehen ist.

Ein Aspekt dieses undifferenzierten Bildes von Parallelgesellschaften ist die Vorstellung, dass es sich bei den sozialen Netzwerken türkischer Migrantinnen und Migranten um große, weitläufige und ethnisch homogene Netzwerke mit Community-Strukturen handelt. Am Beispiel von Ergebnissen aus einem Forschungsprojekt möchten wir deshalb der Frage nachgehen, ob die sozialen Netzwerke von türkischen MigrantInnen der zweiten Generation diese großen, clan-ähnlichen Netzwerkstrukturen aufweisen und ob Tendenzen der Abschottung` bei den Migrantinnen und Migranten vorzufinden sind.[2]

Das Forschungsprojekt beschäftigte sich mit der Integration von türkischen Migrantinnen und Migranten der zweiten Generation. Befragt wurden 55 Personen mit überwiegend niedrigen Schulabschlüssen (Hauptschulabschluss), die in zwei typischen Migrantenvierteln Hannovers leben - einer peripher gelegenen Großsiedlung der siebziger Jahre und einem innenstadtnahen Altbauquartier. Themen der Interviews waren neben der Einbindung in soziale Netzwerke die Biographien auf dem Arbeits- und dem Wohnungsmarkt. Im folgenden Kapitel werden die sozialen Beziehungen der Befragten - es geht um die auffälligsten gemeinsamen Eigenschaften - beschrieben; danach werden Leistungsfähigkeit und Auswirkungen der sozialen Beziehungen auf die Integration und Chancen in anderen Lebensbereichen abgeschätzt. In einem weiteren Kapitel geht es um die Frage, welche Erklärungen sich für die Netzwerkeigenschaften finden, und abschließend wird resümiert, welche Verbindungen zwischen den empirischen Ergebnissen und dem Begriff der "Parallelgesellschaften" bestehen.


Fußnoten

1.
Vgl. Thomas Meyer, Identitätspolitik. Vom Missbrauch kultureller Unterschiede, Frankfurt/M. 2002, S. 208f.
2.
Das Forschungsprojekt wurde von der VW-Stiftung im Rahmen des "Niedersächsischen Forschungsverbunds Technikentwicklung und gesellschaftlicher Strukturwandel" gefördert. Außer den Autorinnen dieses Beitrages waren Walter Siebel und Norbert Gestring an dem Projekt beteiligt.