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28.12.2005 | Von:
Elisabeth Beck-Gernsheim

Türkische Bräute und die Migrationsdebatte in Deutschland

Von der Beliebtheit der einfachen Bilder

Doch das Bild von "den" Ausländern, das auf vielen Ebenen transportiert wurde und wird, weist Vereinfachungen und Verzerrungen auf, auch charakteristische Auslassungen und Lücken.[4] In der krasseren Version der Medienberichte ist die Rede von Massen von Armen und fremdländisch "Anderen", die hereinströmen, die Einheimischen bedrängen, den Wohlstand bedrohen.[5]

Aber auch in moderateren Darstellungen, die nicht von der Absicht der Dramatisierung gelenkt sind, wird gern das Exotische und Fremde betont. Besonders beliebt ist etwa das Bild der türkischen Frau, möglichst mit Kopftuch. Es gehört zum Grundrepertoire aller Diskussionen über Ausländerinnen, scheint zum Symbol für "die" Ausländerin schlechthin geworden zu sein.[6] In den Sozialwissenschaften wiederum spielen Migrantinnen und Migranten, obwohl sie zahlenmäßig inzwischen eine beachtliche Gruppe darstellen, in allgemeineren Darstellungen zur Sozialstruktur der Bevölkerung eine eher periphere Rolle. Nicht als Teil der Aufnahmegesellschaft werden sie hier verhandelt, sondern vorzugsweise als gesonderte Gruppe, indas Kästchen "Ausländerthema" sortiert, unter "Randgruppen" zusammen mit Behinderten und Wohnungslosen eingeordnet.[7] Darüber hinaus gibt es zahlreiche Spezialstudien, die sich mit dem Thema Migration befassen, doch sind diese vielfach stark praxisbezogen und problemorientiert. Von der Pädagogik bis zur Soziologie und Psychologie, überall bestimmt ein "Reigen der Problematisierer"[8] den Zuschnitt des Themas: Immer wieder geht es um das "Ausländerproblem" bzw. die "Integrationsproblematik".[9]

Im Ergebnis ist das in der Öffentlichkeit vorherrschende Bild sehr schlicht und vereinfachend, auf ein Grundmuster weniger Stereotype bezogen. Was in die geschilderte Optik nicht passt, findet wenig Beachtung. Insbesondere gerät meist aus dem Blickfeld, dass die ausländische Bevölkerung in sich alles andere als homogen ist. Sie ist sehr differenziert und umfasst unterschiedlichste Gruppen. Im Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung stehen die klassischen Arbeitsmigranten, die aus ärmeren Ländern nach Deutschland gekommen sind, und hier wiederum vor allem diejenigen, die am unteren Ende der sozialen Hierarchie bleiben. Über die daraus resultierenden Verzerrungen heißt es im Sechsten Familienbericht der Bundesregierung, der die Literaturgrundlage kritisch sichtet: Der öffentliche Diskurs über Migranten und ihre Familien sei durch "extreme Vereinfachungen geprägt". Viele Darstellungen folgten dem Grundmuster einer "Rhetorik, welche die Unterschiede akzentuiert, ihr Augenmerk auf das Ungewöhnliche und Exotische richtet". Damit erzeugten sie eine "Folklore des Halbwissens", die sich immer wieder fortschreibe und selbst bestätige.[10]

Im Folgenden will ich an einem Fallbeispiel zeigen, wie diese Folklore des Halbwissens aussieht, wie sie sich ausbreitet und nicht zuletzt: welche politischen Folgen sie hat. Dazu wähle ich ein Thema, das im Frühjahr2005 die Aufmerksamkeit auf sich zog: das der "türkischen Bräute".[11] Gemeint sind Frauen aus der Türkei, die als Ehefrauen aufdem Weg des Familiennachzugs nach Deutschland kamen - oder genauer: hierher gebracht wurden, unfreiwillig und zwangsweise. Dieses Thema stand Ende der siebziger Jahre schon einmal im Blickfeld der Öffentlichkeit. Und es sorgt heute, ein gutes Vierteljahrhundert danach, erst recht wieder für Schlagzeilen und hitzige Debatten.


Fußnoten

4.
Vgl. ausführlicher dazu Elisabeth Beck-Gernsheim, Wir und die Anderen. Vom Blick der Deutschen auf Migranten und Minderheiten, Frankfurt/M. 2004 8 .
5.
Vgl. z.B. Franz Nuscheler, Internationale Migration. Flucht und Asyl, Wiesbaden 2004(2), S. 21 ff.; Stefanie Schröder, Fremdheit als Konstrukt. Das Bild des türkischen Gastarbeiters in ausgewählten Titelgeschichten des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", Magisterarbeit, Universität Erlangen 2000; Andreas Klärner, Aufstand der Ressentiments. Einwanderungsdiskurs, völkischer Nationalismus und die Kampagne der CDU/CSU gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, Köln 2000, S. 51ff.
6.
Vgl. Familien ausländischer Herkunft (Anm. 1), S. 89.
7.
Vgl. z.B. Bernhard Schäfers, Sozialstruktur und sozialer Wandel in Deutschland, Stuttgart 2004 8 , S. 88 ff.; Stefan Hradil, Soziale Ungleichheit in Deutschland, Opladen 2001 8 , S. 318ff.
8.
Vgl. Martin Sökefeld, Das Paradigma kultureller Differenz: Zur Forschung und Diskussion über Migranten aus der Türkei in Deutschland, in: ders. (Hrsg.), Jenseits des Paradigmas kultureller Differenz. Neue Perspektiven auf Einwanderer aus der Türkei, Bielefeld 2004, S. 15.
9.
Vgl. Familien ausländischer Herkunft (Anm. 1), S. 7; M. Sökefeld (Anm. 8).
10.
Vgl. Familien ausländischer Herkunft, ebd., S. 5 und S. 75.
11.
Die Argumente dieses Abschnitts werden ausführlich entwickelt bei E. Beck-Gernsheim (Anm. 4), S. 52ff.