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28.12.2005 | Von:
Elisabeth Beck-Gernsheim

Türkische Bräute und die Migrationsdebatte in Deutschland

"Türkische Bräute" in den siebziger Jahren

Das herrschende Bild von der ausländischen Frau ist hierzulande vor allem ein Bild von der türkischen Frau: zum einen, weil die Türken die zahlenmäßig größte Zuwanderergruppe darstellen, zum anderen, weil sie in den Augen der Deutschen in besonderem Ausmaß Fremdheit repräsentieren. Was diese Fremdheit ausmacht, was so auffallend ist, hat Susanne von Paczensky vor knapp 30 Jahren anschaulich beschrieben.[12] Ihr Text bildet das Vorwort zu einem Buch über türkische Frauen, das 1978 in der populären Reihe "Frauen aktuell" des Rowohlt Verlags erschienen ist.[13] Weil von Paczeskys Beschreibung sich sehr eingängig liest, gleichzeitig alle klassischen "Zutaten" enthält, will ich ausgiebig daraus zitieren.

Anrührende Beschreibung

"In der Bundesrepublik und West-Berlin leben rund eine Million Türken; etwa ein Drittel davon sind Frauen. Sie wohnen mitten unter uns, durchaus nicht unsichtbar, im Gegenteil: durch Kopftuch und Blumenhose, durch Mimik und Verhalten deutlich sichtbar, augenfällig ausgesondert. Sie sind ausgesondert, das heißt, sie sind sonderbar ... Langsamer als all die anderen Zugewanderten aus südlichen Ländern lassen sie sich auf Sprache, Kleidung, Umgangsformen ihrer deutschen Nachbarn ein; zögernder noch als ihre Männer, ihre Söhne nehmen sie den Kontakt zur Umwelt auf. Wer mit türkischen Familien zu tun hat, ... der erlebt, dass die Begegnung nur mit den Männern stattfindet. Die Frauen mögen körperlich anwesend sein, sie bleiben sprachlose Kulisse. Oft kommt nicht einmal ein Blickkontakt zustande. Natürlich gibt es Ausnahmen, ... doch die sind selten. Die überwiegende Mehrzahl der Frauen, die bei uns Arbeit sucht, stammt vom Lande, aus den abgelegenen Dörfern Anatoliens, und diese Herkunft haftet ihnen deutlich an. Als unverdauliche Fremdkörper leben sie nun in unseren Städten ... Sie stehen vermummt beieinander, sprechen eine unverständliche Sprache, kochen unbekannte Speisen. Sie gehen demütig zwei Schritte hinter ihren Männern her, und selbst die eigenste Domäne der Frau, den Einkauf von Lebensmitteln oder Kleiderstoffen, überlassen sie ihren Männern oder Kindern."[14]

Migrantinnen, wie Susanne von Paczensky sie darstellt, sind also nicht einfach unsichtbar, nein, umgekehrt: Sie sind auffallend, weil sie so unzugänglich, so undurchdringlich, so sprachlos erscheinen. Und sie sind vor allem eines: Sie sind unterdrückt. Das Buch, zu dem von Paczensky die Einleitung schrieb, trägt den bezeichnenden Titel "Die verkauften Bräute".[15] Was soll das heißen? Es heißt, so Susanne von Paczensky, dass viele der Frauen "weder lesen noch schreiben können, dass sie als halbe Kinder in die Ehe verkauft wurden, dass der Ehemann gegen den Brautpreis die unbedingte Unterwerfung seiner Frau erwarb - das heißt schließlich auch, dass die meisten Frauen gar nicht gefragt wurden, ob sie nach Deutschland auswandern wollten. Solche Entscheidungen werden ausschließlich im männlichen Familienrat gefällt. Als verkaufte Bräute kamen sie ohne ihr Zutun in unsere Städte, unsere Betriebe."[16]

Beschreibungen dieser und ähnlicher Art enthalten eine für die damalige Zeit charakteristische Tonlage, besonders ausgeprägt in vielen der Studien aus Sozialarbeit und Sozialpädagogik, die sich mit Ausländern im Allgemeinen und ausländischen Frauen im Besonderen befassten. Solche Arbeiten sind damals wie heute zwar meist von bester Absicht geleitet - sie sollen nicht nur Informationen vermitteln, sondern auch ein "Gefühl der Empörung"[17] auslösen -, aber sie basieren oft auf äußerst dürftigen Kenntnissen, die zu grob pauschalisierenden Aussagen verarbeitet werden. Ein Beispiel dafür ist der Titel "Die verkauften Bräute". Wie belegen die Autorinnen die darin mitschwingende Behauptung, die allermeisten der türkischen Frauen seien zwangsweise nach Deutschland gebracht worden? Kaum ernsthaft. Gegen Ende des Buchs verweisen sie auf einige wenige Statistiken aus einer anderen Studie und auf eine Tabelle; und schaut man genauer hin, so sind diese Zahlen kein Beleg dafür, dass die Mehrheit der Frauen gezwungenermaßen dem Ehemann nach Deutschland nachfolgte.[18]

Opferperspektive und Überlegenheitsanspruch

Dabei ist zweifellos richtig, dass Migrantinnen oft in besonderer Weise Belastungen ausgesetzt sind, und entsprechend gerechtfertigt, ja notwendig ist es, den Blick darauf zu lenken. Dennoch sind aus heutiger Sicht die meisten der damaligen Texte, die sich der Migrantinnen und ihrer Nöte annehmen wollten, durch erhebliche Verzerrungen, Verengungen, Fehlannahmen gekennzeichnet. Wenn man ihre Grundlagen genauer betrachtet, stößt man - wie eben erwähnt - auf einige wenige, sehr dürftige und methodisch höchst fragwürdige Quellen, die so lange zitiert wurden, bis sie den Charakter anerkannter Tatsachen annahmen.[19] Auch wurde besonders häufig und gern aus der Praxis von Beratungsstellen berichtet. Dass entsprechende Berichte äußerst einseitig sind, ja selektiven Charakter tragen - weil sich ja nur diejenigen Migrantinnen an die Beratungsstellen wenden, die sich in schwierigen Notlagen befinden -, dieser Umstand schien lange Zeit weder die Autorinnen noch die Leserinnen zu stören. Und so konnte sich ungehindert die Botschaft verbreiten, das Leben der Migrantinnen insgesamt sei unglücklich und bemitleidenswert.[20]

Gegen solche vereinfachenden Bilder wenden sich neuere Texte aus der Frauenforschung und Frauenbewegung. Dabei stehen vor allem zwei Punkte im Zentrum ihrer Kritik: zum einen die allgegenwärtige Opferperspektive, zum anderen der Überlegenheitsanspruch der deutschen Autorinnen.

Opferperspektive: Die erste und vielleicht offensichtlichste Schwierigkeit besteht darin, dass in Texten der beschriebenen Art Migrantinnen immer nur aus einem Blickwinkel gesehen werden: als passive Opfer - Opfer der deutschen Gesellschaft, Opfer der türkischen Männer, Opfer der kapitalistischen Wirtschaft. Nie dagegen treten Migrantinnen als aktiv Handelnde in Erscheinung, nie als Personen, die eigene Wünsche und Hoffnungen entwickeln, die selbst planen, Entscheidungen treffen, diese auch durchzusetzen versuchen - unter wie widrigen Umständen auch immer-, dabei eigene Strategien entwerfen, mit List, Zähigkeit, Durchsetzungsvermögen. Der deterministische Blick verweigert der "armen Ausländerfrau" jede eigene Regung, jede Individualität, jeden Anflug von Freiheit: Es scheint kaum vorstellbar, dass sie auch einmal lacht, liebt, Freude empfindet. Migrantinnen scheinen aus der Opferperspektive nur in der Lage zu sein, in der Monotonie ihres Unglücks zu leben und dieses Unglück ausharrend zu tragen. Die Reflexion, das Bewusstsein dagegen ist den deutschen Frauen vorbehalten. Ihr Motto heißt: Wir wissen, wie es dir geht.[21]

Überlegenheitsanspruch: Ein derartig mitleidiger Blick hat immer auch etwas Herablassendes an sich, er kommt von oben. Und hier genau liegt das nächste Problem. Viele der einheimischen Frauen in Frauenbewegung, Sozialarbeit, Sozialwissenschaft haben Migrantinnen als eine Problemgruppe definiert, die der Betreuung und Richtungsweisung bedarf. Sie neigen dazu, sich den Migrantinnen gegenüber als überlegen zu fühlen und zu verhalten, und das manchmal stillschweigende, manchmal auch offen ausgesprochene Credo heißt: Wir wissen, was für dich gut ist.[22] Ein solches Verhalten ist charakteristisch für hierarchische Strukturen, für die wohlwollende Herablassung von Statushöheren gegenüber Statusniederen. Im Klischee gesprochen: "Die gut ausgebildete, sozial und sprachlich kompetente Deutsche kümmert sich um die ... ,defizitäre` Migrantin."[23]

In dem Maß, in dem dies erkannt und benannt wurde, schien es nicht mehr möglich zu sein, im Rahmen seriöser Diskussionen ein grob pauschalisierendes Bild von der "armen unterdrückten Ausländerfrau" zu präsentieren. Die Zeit für genaueres Hinschauen, für genauere Argumente begann - so jedenfalls konnte man hoffen.


Fußnoten

12.
Vgl. Susanne von Paczensky, Vorwort, in: Andrea Baumgartner-Karabak/Gisela Landesberger, Die verkauften Bräute. Türkische Frauen zwischen Kreuzberg und Anatolien, Reinbek 1978, S. 7 - 9.
13.
Vgl. A. Baumgartner-Karabak/G. Landesberger (Anm. 12). Die Herausgeberin der Reihe war Susanne von Paczensky, das Buch erreichte neun Auflagen mit einer Gesamtauflage von 45 000 Exemplaren (Auskunft des Rowohlt Verlages).
14.
S. v. Paczensky (Anm. 12), S. 7.
15.
A. Baumgartner-Karabak/G. Landesberger (Anm. 12).
16.
S. v. Paczensky (Anm. 12), S. 9.
17.
Ebd.
18.
Vgl. A. Baumgartner-Karabak/G. Landesberger (Anm. 12), S. 72; siehe zu dieser Kritik auch Yolanda Broyles-Gonzáles, Türkische Frauen in der Bundesrepublik Deutschland. Die Macht der Repräsentation, in: Zeitschrift für Türkeistudien, 3 (1990) 1, S. 107 - 134, hier S. 114.
19.
Vgl. z.B. die Kritik von Y. Broyles-Gonzáles, ebd., S. 111ff.
20.
Vgl. Berrin Özlem Otyakmaz, Auf allen Stühlen. Das Selbstverständnis junger türkischer Migrantinnen in Deutschland, Köln 1995, S. 14.
21.
Zu dieser Kritik vgl. z.B. Martina Schöttes/Annette Treibe, Frauen - Flucht - Migration, in: Ludger Pries (Hrsg.), Transnationale Migration. Soziale Welt, Sonderband 12, Baden-Baden 1997, S. 85 - 117; hier S. 110.
22.
Vgl. ebd. und Y. Broyles-Gonzáles (Anm. 18).
23.
M. Schöttes/A. Treibel (Anm. 21), S. 111.