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28.12.2005 | Von:
Elisabeth Beck-Gernsheim

Türkische Bräute und die Migrationsdebatte in Deutschland

Türkische Bräute im Jahr 2005

Doch dann erschien 2005 das Buch "Die fremde Braut" von Necla Kelek.[24] Es weist Parallelen zu den "Verkauften Bräuten" der späten siebziger Jahre auf - nicht nur im Titel. Ein Merkmal des Buches von Andrea Baumgartner-Karabek und Gisela Landesberger ist, dass die beiden Autorinnen in ihre allgemeineren Aussagen zur Situation der türkischen Frauen immer wieder eigene Tagebuchberichte einflechten, Impressionen einer vierwöchigen Türkeireise, pittoreske Szenen des Dorfalltags, von der Feldarbeit bis zu den Liedern und Tänzen der Frauen. Das alles verleiht ihren Schilderungen eine Atmosphäre von Direktheit und Authentizität. Doch Necla Kelek - selbst türkischer Herkunft, in Istanbul geboren und die ersten Jahre dort aufgewachsen - liefert noch authentischere Einblicke in türkisches Leben: Große Teile des Buches bestehen aus der Schilderung ihrer Familiengeschichte. Dazu gehört die Unterdrückung der Mutter durch den unbarmherzigen Vater, deren heimliche Flüche detailreich wiedergegeben werden, und dazu gehört erst recht die ausführlich ausgemalte Hochzeit des Bruders, von der Trommelmusik bis zum silbernen Dolch, vom Einzug der Brautleute hoch zu Ross bis zum Hammelbraten am Spieß. Orient pur, der Leser, die Leserin dürfen sich dabeiwähnen.

Wenn schon Andrea Baumgartner-Karabak und Gisela Landesberger beim Publikum ein Gefühl der Empörung auslösen wollten, so gilt dies offenbar erst recht für Necla Kelek. Kämpferisch stellt sie sich auf die Seite der türkischen Frauen, genauer der vielen Frauen, die - so ihre Darstellung - in jungen Jahren zwangsverheiratet werden, und zwar mit einem türkischen Mann, der in Deutschland aufwuchs. Vor der Hochzeit, so die Autorin, haben sie keine Chance, den Bräutigam kennen zu lernen; und gleich nach der Hochzeit müssen sie ihm nachfolgen in das ferne Land Deutschland, wo sie dem Mann und seiner Familie zu Diensten sein müssen, ihm gewissermaßen ausgeliefert, wo sie unterdrückt und rechtlos sind. Kämpferisch rechnet Kelek ab: zum einen mit den Türken in Deutschland, die Frauenunterdrückung praktizieren oder zumindest durch ihr Stillschweigen dulden; zum anderen - und dies vor allem - mit den gutmeinenden, doch realitätsblinden Deutschen, die in all ihrer Multikulti-Romantik das Unrecht nicht wahrnehmen wollen, das in ihrem Land, in ihren Städten geschieht.

In diesem Sinne ist Necla Keleks Buch vor allem als "Anklage" zu lesen. Doch wenn man genauer hinschaut, bleibt die "Beweisführung" ziemlich verschwommen. Zwar wird vom Verlag und in späteren Berichten über das Buch vermerkt, die promovierte Soziologin habe eine eigene Untersuchung unter türkischen Frauen gemacht, mithin: ihre Aussagen seien wissenschaftlich fundiert. Aber im Buch fehlen solide und nachprüfbare Daten. Stattdessen benutzt die Autorin zentrale Begriffe äußerst schwammig, erklärt sie Ungleiches zu Gleichem: Die arrangierte Ehe etwa wird von ihr umstandslos mit der Zwangsheirat gleichgesetzt, als gäbe es nicht wesentliche Unterschiede zwischen beiden. Und worauf Kelek ihre harten Aussagen und Urteile stützt, bleibt völlig offen. Das Buch basiert auf persönlichen Beobachtungen, die Autorin schildert einige Gespräche mit türkischen Frauen - und aus dem Mosaik solcher Eindrücke schließt sie auf das, was in mehr oder minder ähnlicher Form überall in "den" türkischen Gemeinden und türkischen Familien in Deutschland geschieht. Das ist wissenschaftlich fragwürdig und damit fahrlässig - kommt aber bei Medien und Öffentlichkeit gut an.

Das Buch von Necla Kelek hat Karriere gemacht, ist in allen großen Medien besprochen worden, im Spiegel gar vom damaligen Innenminister Otto Schily persönlich. Die Autorin avancierte zur viel gefragten Person für Interviews, Lesungen, Diskussionsforen, für Talk-Shows und Tagungen, zur authentischen Gewährsfrau rund um das Rahmenthema "Die Unterdrückung der türkischen Frau". Ihr Buch erreichte in kürzester Zeit die Bestseller-Liste des Spiegel.

In einem hat die Autorin der "fremden Braut" zweifelsfrei recht: Jede Zwangsheirat der von ihr beschriebenen Art ist ein Unrecht, und zwar ein gewaltiges, und deshalb muss - nicht zuletzt von Seiten des deutschen Staates - alles getan werden, um solches Unrecht zu bestrafen und zukünftig zu verhindern. Und vielleicht hat die Autorin auch in einem weiteren Punkt Recht: Möglicherweise gibt es mehr Zwangsheiraten in Deutschland, als wir ahnen. Aber statt ihre Thesen empirisch zu unterfüttern, äußert Kelek einen Generalverdacht. Dieser wird nun - ohne Möglichkeit der Überprüfung - den türkischen Gemeinden einfach übergestülpt.

Erst recht hier, bei der Darstellung der türkischen Gemeinden, wird mit sehr groben Pinselstrichen gezeichnet. Necla Kelek beansprucht, mit ihren Schilderungen einen "Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland" zu liefern (so der Untertitel des Buches). Was man da zu lesen bekommt, scheint mit den schlimmsten Angstphantasien fremdenfeindlicher Deutscher identisch zu sein: Es ist nicht nur zu lesen, dass Zwangsheirat unter türkischen Migranten "übliche Praxis"[25] sei und die nach Deutschland gebrachten Ehefrauen "wie Sklavinnen gehalten"[26] würden. Weit grundsätzlicher noch ist die Aussage Keleks, die Türken hätten sich "massenhaft in ihre Moscheen zurückgezogen und verteidigen ihre islamische Welt". Sie hätten sich "längst ihre eigene Parallel-Gesellschaft geschaffen",[27] dies natürlich auch "mithilfe der deutschen Errungenschaften von Sozialversicherung und Arbeitslosenunterstützung",[28] und derart freundlich subventioniert, so Kelek, "feiern sie ihren türkischen Nationalismus".[29] Besonders gefährlich sei ihre Religion: der Islam. Er kenne keine Toleranz im westlichen Sinn, nur "Respekt vor dem Stärkeren" und "Unterwerfung",[30] weshalb viele Muslime die deutschen Gesetze verachteten und sie nur benutzten,[31] um "ihren religiösen Einfluss zu erweitern und ihre reaktionäre Praxis fortzuschreiben".[32] Kurzum, die Multikulti-Träume sind nicht in Erfüllung gegangen. Die Wirklichkeit sieht anders aus, nämlich so: "Die Integration der Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken ist gescheitert."[33]

Unter anderem aus solchen Passagen erklärt sich vielleicht der enorme Erfolg des Buches. Nicht zufällig lautet die Überschrift einer Rezension: "Wie der Islam die Städte erobert."[34] Keleks Buch ist nicht nur eine bunt erzählte Familiengeschichte, nicht nur eine Klageschrift wider das Unrecht an Frauen, es ist auch und nicht zuletzt eine Anklage gegen den Islam und gegen die in Deutschland lebenden Türken. Necla Kelek ist die Kronzeugin der Anklage. Sie liefert denen die Argumente, die immer schon wussten, wie "die" Türken sind, wie fremd, wie bedrohlich. Bedrohlich für ihre eigenen Frauen, und bedrohlich nicht minder für uns, die allzu gutgläubigen Deutschen. Die Türken kommen! Und wir müssen uns wehren, sonst werden wir überrannt! Das ist eine Botschaft, die viele gern hören - und besonders gern aus authentischem Mund, von einer Türkin persönlich.

Wie gesagt: Mit ihrem Kampf gegen Zwangsehen hat Kelek zweifellos recht. Aber dennoch hatte die Diskussion, die sie ausgelöst hat, äußerst problematische Züge. Die einfachen, die vereinfachenden Bilder haben gesiegt. Ob das dem Zusammenleben von Deutschen und Türken zuträglich ist, ob es die vielgeforderte, vielbeschworene Integration weiterbringt, mag bezweifelt werden. Schon die Autoren des Sechsten Familienberichts wussten: "Bereitwillig aufgenommen werden alle Berichte, die besonders krasse Beispiele der Unterdrückung und Misshandlung türkischer Frauen zum Inhalt haben - wenn sie ... sich als eklatantes Beispiel einer fremdkulturellen Lebensweise darstellen lassen. Dann lässt sich das ... Mitleid mit 'der' türkischen Frau mit einer Feindlichkeit gegenüber 'dem' türkischen Mann verbinden und als Legitimation ethnischer Distanzierung verwenden."[35]


Fußnoten

24.
Necla Kelek, Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland, Köln 2005.
25.
Ebd., S. 255.
26.
Ebd., S. 20.
27.
Ebd., S. 258.
28.
Ebd.
29.
Ebd., S. 263.
30.
Ebd., S. 236.
31.
Ebd., S. 265.
32.
Ebd.
33.
Ebd., S. 260.
34.
So die Rezension von Hans-Peter Raddatz in: Die Welt vom 12. Februar 2005. Und diese Überschrift ist durchaus nicht zufällig gewählt, sondern kann sich direkt auf eine Passage des Buches beziehen. Da schildert Kelek zunächst die türkische Parallelwelt, die sich nach ihrer Darstellung in deutschen Städten ausbreitet; und dann zitiert sie ihren kleinen Sohn, der nach einem Besuch in dieser Parallelwelt die Frage gestellt habe: "Mama, wann haben die Türken diese Stadt erobert?" (S. 213).
35.
Familien ausländischer Herkunft (Anm. 1), S. 89.