Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Dieter Rucht

Faszinosum Fridays for Future

Seit ihren ersten größeren Demonstrationen – in Deutschland ab Januar 2019 – erfährt die klimapolitische Bewegung Fridays for Future (FFF) nicht nur eine außergewöhnliche Beachtung, sondern auch eine überwiegend positive Resonanz. Ein Schlüssel zum Verständnis der Dynamik dieser Bewegung liegt in der Analyse ihrer Wechselbeziehung mit den Medien. Diesem Aspekt widmet sich der erste Teil des vorliegenden Beitrags. Im zweiten Teil wird vor dem Hintergrund der verbreiteten Annahme, es handle sich um eine "neuartige Bewegung", FFF in seinen generellen Merkmalen wie auch seinen Besonderheiten vorgestellt. Drittens soll im Lichte von Stilisierungen sowohl der Massenmedien als auch in den Selbstportraits der Bewegung aufgezeigt werden, vor welchen Herausforderungen sie steht.

FFF und die Massenmedien

Das Verhältnis von sozialen Bewegungen und Medien ist verallgemeinernd als Symbiose beschrieben worden.[1] Diese Charakterisierung trifft jedoch selten zu, sind doch Bewegungen, sofern sie um breite Unterstützung werben, auch im digitalen Zeitalter auf Präsenz in etablierten Massenmedien angewiesen, diese hingegen vom Auftritt sozialer Bewegungen nicht existenziell abhängig. Allerdings sind Konflikte Teil des Katalogs medialer Nachrichtenwerte.[2] Davon profitieren Protestbewegungen, die teilweise öffentliche Auftritte mediengerecht inszenieren, um Sichtbarkeit zu erlangen. Das gilt in besonderem Maße, wenn weithin anerkannte Verhaltensregeln verletzt werden oder es gar zur Anwendung von Gewalt kommt. Jedoch wird Protestgewalt von allen etablierten Medien und auch der großen Mehrheit der Bevölkerung scharf verurteilt, was einer breiteren Mobilisierung abträglich ist. Hierbei zeigen sich jedoch Unterschiede im Hinblick auf national geprägte Konfliktkulturen. So herrscht etwa in Frankreich, verglichen mit Deutschland oder skandinavischen Ländern, eine deutlich größere Toleranz gegenüber Protestgewalt.

Die typische Verknüpfung von hoher Sichtbarkeit und schroffer Ablehnung in Reaktion auf Protestgewalt gilt in schwächerem Maße auch für kollektiven zivilen Ungehorsam, der einen strikt gewaltfreien Regel- beziehungsweise Gesetzesbruch umfasst und an weitere Voraussetzungen gebunden ist. Nicht unbeeinflusst von Inhalten, Trägern, Zahl der Beteiligten und dem Verhalten der Ordnungskräfte verspricht ziviler Ungehorsam mediale Aufmerksamkeit, kann aber, im Unterschied zur Protestgewalt, bei Teilen der etablierten Medien wie auch in der Bevölkerung durchaus Verständnis oder gar ausdrückliche Billigung finden. Beispielhaft dafür stehen in Deutschland Sitzblockaden gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen in der ersten Hälfte der 1980er Jahre sowie die Platzbesetzungen in Wyhl 1975 und im Hambacher Forst 2018. Wie kontextabhängig im Unterschied zu brachialer Protestgewalt der Umgang mit zivilem Ungehorsam ausfällt, illustriert ein Vergleich zweier Aktionen: Die kurzzeitige Blockade einer Rheinbrücke im März 1994 durch in Deutschland lebende Kurden wurde fast einhellig verurteilt. Dagegen gab es viel Verständnis für die Blockade des Brenner-Passes an der österreichisch-italienischen Grenze durch rund 4.000 Lastwagenfahrer im Februar 1984.

Im Vergleich zu zivilem Ungehorsam wie auch gewaltförmigem Handeln ist regelkonformen Protesten mediale Aufmerksamkeit keineswegs garantiert. Es bedarf dann einer relativ großen Zahl von Protestierenden, der Unterstützung durch Prominente oder einer spektakulären Aktionsform, um eine Berichterstattung auszulösen. Vor diesem Hintergrund ist die enorme und bis dato anhaltende mediale Aufmerksamkeit auch für kleinere Aktionen von FFF nicht selbstverständlich. Diese Reaktion ist nur durch die Kombination einer Reihe von Faktoren zu erklären. Dazu gehören der Aktionsimpuls der zugleich kindlich wie entschlossen wirkenden Greta Thunberg, die Prägung der Proteste durch sehr junge und teilweise gut informierte Schüler:innen, die heiß debattierte Regelverletzung in Form des "Schulstreiks", die kritischen Attacken vonseiten einzelner Presseorgane und Politiker:innen im Kontrast zu der breiten medialen und politischen Unterstützung unter Einschluss von eigens gebildeten Gruppierungen wie Parents for Future.

Neben diesen eher an Oberflächen angesiedelten Faktoren sorgen auch einige teils strukturelle Gründe für die sich anbietende Mediatisierung von FFF. Zu nennen ist die objektive Dringlichkeit der seit gut drei Jahrzehnten zunächst primär wissenschaftsintern, dann auch öffentlich debattierten "Klimakrise" als einer "Menschheitsherausforderung" (Angela Merkel), die Erkenntnis, dass eine Reihe von Ländern, darunter auch Deutschland, ihre klimapolitischen Zwischenziele nicht einhalten wird, die Problematisierung und Politisierung der Umwelt- und Klimafrage durch die beharrliche Vorarbeit von Umweltverbänden, die offensiven Aktionen von Gruppen wie Ende Gelände gegen den weiteren Abbau von Braunkohle, die Einsetzung der sogenannten Kohlekommission und die Ankündigung konkreter klimapolitischer Weichenstellungen seitens der Bundesregierung. Hinzugekommen ist die Erfahrung von klimabedingten Extremwetterlagen mit Stürmen, Hochwasser und Trockenheit. All dies machte die Klimafrage zu einem Großthema.

Ohne dieses Faktorenbündel wäre die mediale Präsenz von FFF und die damit eng zusammenhängende Massenmobilisierung weitaus schwächer ausgefallen und hätte auch durch die ungefilterte Online-Kommunikation der Bewegung nicht kompensiert werden können. Die Stärke der Online-Medien und der darauf basierenden sozialen Netze liegt primär in der Kommunikation und Mobilisierung einer bereits sensibilisierten und motivierten Anhängerschaft. Neue, bis dato auf Distanz gebliebene soziale Kreise werden dagegen in erster Linie durch die online wie offline präsenten etablierten Medien und durch persönliche Gespräche informiert und mobilisiert. Dies zeigt auch eine Befragung von Teilnehmer:innen an FFF-Protesten.[3]

Wenngleich die etablierten Medien fast ausnahmslos in relativ großer Breite und Dichte über FFF berichteten, so weisen sie doch in ihrer Fokussierung und besonders in ihren Bewertungen markante Unterschiede auf. Hier zeigt sich erneut ein Grundmuster, das bereits in der Berichterstattung über andere linke beziehungsweise "progressive" Bewegungen zutage getreten ist:[4] Organe mit konservativer und/oder wirtschaftsfreundlicher redaktioneller Leitlinie beziehen gegenüber FFF eine eher kritisch-distanzierte, in einigen Fällen auch entschieden ablehnende Position. Sie verweisen auf die politische Unbedarftheit der Demonstrierenden, deren Ahnungslosigkeit im Hinblick auf Regeln und Zwänge des politischen Betriebs, die Fixierung auf ein einzelnes Politikfeld, den moralischen Rigorismus, die Katastrophenrhetorik, die Selbsterhöhung als Retter:innen der Menschheit, die Instrumentalisierung der Bewegung durch externe Kräfte, die Gefahr einer schleichenden Radikalisierung und so weiter. Im linken und politisch liberalen Pressespektrum fällt die auf FFF bezogene Berichterstattung und Kommentierung neutraler oder ausgesprochen wohlwollend aus. FFF findet hier viel Verständnis, teilweise auch explizite Zustimmung. Andere Medien, darunter auch einige Regionalblätter, stellen positive wie kritische Kommentare nebeneinander. Auch "Der Spiegel" offenbart insgesamt eine eher ambivalente Haltung. Viele Medien bieten Vertreter:innen von FFF Raum für Kommentare oder Interviews, wobei bei überregionalen Medien meist ein enger Personenkreis, in Deutschland bevorzugt Luisa Neubauer, als das "Gesicht der Bewegung" oder "deutsche Greta" zum Zuge kommt. Die öffentlich-rechtlichen Kanäle von ARD und ZDF bleiben in ihrer Kommentierung meist zurückhaltender als die Printmedien, aber auch sie schenken FFF ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit. Die Mehrzahl der Medien hielt sogar ein Nicht-Ereignis, die ausgebliebene Seekrankheit Thunbergs auf ihrer Bootsreise zur UN-Klimakonferenz in New York, für berichtenswert.

Auffällig ist die große Konvergenz bei der Bildauswahl. Gezeigt werden vornehmlich die ganz jungen Demonstrierenden mit selbst gebastelten Schildern und individuellen Sprüchen; gezeigt wird häufig auch eine Menschenmasse, die in starkem Kontrast zu den düsteren Szenarien einer möglichen Klimakatastrophe den Eindruck von Zuversicht vermittelt. Wird in der bewegungssoziologischen Literatur zuweilen die Kombination eines zugleich anziehenden und bedrohlichen Erscheinungsbilds als besonders wirksam beschrieben,[5] so ist im Falle von FFF die Drohkomponente völlig abwesend. In öffentlichen Stellungnahmen und Interviews kontrastiert die Beschwörung einer drohenden Katastrophe und die Zuschreibung der eigenen Rolle als Weltenretter:innen auffällig mit den disziplinierten Medienauftritten der meisten Protagonist:innen von FFF und der äußerst bescheiden anmutenden Kernforderung, es müssten die verbrieften Zusagen des Pariser Klimaabkommens eingehalten werden, wofür unter anderem der Flugverkehr zu reduzieren und der für 2038 angesetzte finale Ausstieg aus der Braunkohle um acht Jahre vorzuverlegen sei. Forderungen nach einem grundlegenden Systemwechsel tauchen allenfalls als pauschale Kritik am Wachstumsfetischismus auf, aber werden nicht mit dem Ruf nach rigorosen Eingriffen in Marktmechanismen oder gar antikapitalistischen Positionen verbunden. In Entsprechung dazu steht auch die Zurückhaltung gegenüber offensiveren Aktionen in Form zivilen Ungehorsams, wie sie von Gruppierungen wie Ende Gelände, Extinction Rebellion und Sand im Getriebe praktiziert werden. FFF enthält somit ein für die bürgerlich-liberale Öffentlichkeit attraktives Angebot in seiner Mischung aus jugendlicher Frische und Fröhlichkeit, der Heroisierung von Idolen, der frechen Renitenz des Schulstreiks, dem Schauer der Katastrophenrhetorik und der damit kontrastierenden Mäßigung von Forderungen und Aktionsformen.

Im Großen und Ganzen entspricht das bewegungsseitige Angebot in hohem Maße der medialen Nachfrage. Beide Seiten sind an einer Wechselbeziehung interessiert, sie profitieren davon und tätigen entsprechende Investitionen. Auch der Sachverhalt, dass einzelne Journalist:innen sich vehement gegen den medialen Mainstream stellen und Greta Thunberg scharf attackieren, ist mit der Medienlogik völlig kompatibel, kann man doch individuelle Sichtbarkeit erlangen, indem man gegen den Strom schwimmt.

Es wäre übertrieben, FFF als Kind der Medien zu bezeichnen. Die Medien haben FFF nicht geschaffen, aber sie waren bis heute ganz wesentlich für das Wachsen und Gedeihen der Bewegung verantwortlich. Diese Quasi-Symbiose konnte allerdings nur aufrechterhalten werden, weil FFF etliche der Fehler vermieden hat, die andere Bewegungen beeinträchtigt oder gar zu Fall gebracht haben.

Fußnoten

1.
Vgl. Gadi Wolfsfeld, Symbiosis of Press and Protest, in: Journalism Quarterly 3/1984, S. 550–555.
2.
Vgl. Michaela Maier/Karin Stengel/Joachim Marschall, Nachrichtenwerttheorie, Baden-Baden 2010.
3.
Vgl. Moritz Sommer et al., Fridays for Future. Profil, Entstehung und Perspektiven der Protestbewegung in Deutschland, Institut für Protest- und Bewegungsforschung, ipb Working Paper 2/2019, https://protestinstitut.eu/ein-jahr-fridays-for-future-studie«.
4.
Vgl. ders./Simon Teune, Die Demonstrationen gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017 im Spiegel der Medienöffentlichkeit, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 2/2019, S. 149–162; Dieter Rucht/Simon Teune, Die G8-Proteste im Spiegel der Presse, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 3/2007, S. 104–114.
5.
Vgl. Ralph H. Turner, The Public Perception of Protest, in: American Sociological Review 6/1969, S. 815–831.
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