Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Frank Uekötter

Kleine Geschichte der Klimadebatte

Kalter Krieg als Möglichkeitsrahmen

Der auf dem ideologischen Gegensatz zwischen USA und Sowjetunion basierende Kalte Krieg hatte eine Vielzahl von Konsequenzen, die auf ganz unterschiedlichen Ebenen spielten und keinem einheitlichen Muster folgten. Es waren in vielen Fällen ungeplante Nebenfolgen, die man im militärischen Sprachgebrauch wahlweise als Spin-off oder als Kollateralschäden bezeichnen könnte. Wenn man die aktuelle Klimadebatte deshalb als Produkt des Kalten Krieges versteht, dann ist dies keineswegs so zu verstehen, als habe der Kalte Krieg eine Bühne geschaffen, auf deren Brettern nun das globale Spektakel einer Weltinnenpolitik inszeniert wird. Es war eher so, dass – um im Bilde zu bleiben – am Ende des Kalten Krieges ein paar Planken nebeneinander lagen, auf denen die globale Klimadebatte seither einen prekären Balanceakt aufführt.

Die erste dieser Planken bestand in der neuen Globalität des Denkens. Der Kalte Krieg war wahrhaft weltumspannend, und im Unterschied zu den beiden Weltkriegen gab es kein europäisches Gravitätszentrum. Noch 1941 hatten die USA ein Hilfsprogramm für Saudi-Arabien abgelehnt, weil das Land nicht wichtig zu sein schien – aber im Kalten Krieg zählte jeder Winkel des Planeten. Das hatte Folgen für die mentalen Landschaften. Man musste erst einmal auf die Idee kommen, den Planeten als Ganzes in den Blick zu nehmen, damit ein Phänomen wie die globale Erwärmung überhaupt denkbar wurde. Bis dahin hatten Wissenschaftler über Veränderungen des Klimas als regionale und lokale Phänomene nachgedacht, und "Klima" war ein Begriff für die typischen meteorologischen Bedingungen in einem begrenzten geografischen Raum. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir heute Klima global denken, ist das Produkt einer mentalen Revolution, die nur ein paar Jahrzehnte zurückreicht.

Zweitens brachte der Kalte Krieg einen neuen Typus der Großforschung hervor. Das Manhattan-Projekt, mit dem die USA im Zweiten Weltkrieg die Atombombe bauten, war paradigmatisch für neue wissenschaftliche Großprojekte, bei denen Legionen von Forschern gemeinsam an Herausforderungen arbeiteten. Seither wuchsen die Zahl und die Intensität der Kooperationen, die über nationale und disziplinäre Grenzen hinausreichten, und diesem Pfad folgte das globale Netzwerk der Klimaforschung, das ab den 1980er Jahren entstand. Die alte Welt der Universitäten lebte weiter, aber der Strahlenglanz der großen Lehrstuhlinhaber, der die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts geprägt hatte, wollte sich nach 1945 nicht mehr einstellen. Große Forscher waren nun vor allem Manager großer Teams und Delegierte, die auf Konferenzen Berichte über den Stand der Forschung aushandelten.

Die heutige Klimaforschung profitiert von internationalen Gemeinschaftsprojekten, die es ohne den Kalten Krieg vielleicht gar nicht gegeben hätte. Die berühmte Keeling-Kurve, die den Anstieg der CO2-Konzentration in der globalen Atmosphäre zeigt, ging zum Beispiel auf das Internationale Geophysikalische Jahr 1957/58 zurück, das auch gemeinsames Forschen in einer geteilten Welt symbolisierte. Seither werden auf dem Mauna Loa Vulkan auf Hawaii regelmäßig Messungen vorgenommen, die bei der Entwicklung der Klimawandel-Hypothese eine zentrale Rolle spielten. Das Messprogramm wäre wohl nach ein paar Jahren eingegangen, wenn die US-amerikanische National Science Foundation nicht nach dem Sputnik-Schock 1957 eine kräftige Finanzspritze zur Förderung der wissenschaftlichen Grundlagenforschung bekommen hätte. In der Nähe der Wostok-Forschungsstation bohrten französische und sowjetische Wissenschaftler in den 1980er Jahren gemeinsam im Eis der Antarktis. Die Wostok-Eisbohrkerne wurden zu einer Berühmtheit der Klimadebatte, weil es durch die im Eis eingeschlossenen Gasbläschen möglich wurde, die Zusammensetzung der Atmosphäre über 420.000 Jahre hinweg zu rekonstruieren.[2]

Zum Kalten Krieg gehörte auch der Protest. Die "Kampf dem Atomtod"-Kampagne, die die betuliche Adenauer-Republik der 1950er Jahre erschütterte, war Teil einer globalen Protestbewegung, die von einem Amalgam pazifistischer und ökologischer Motive getrieben wurde. Frieden war bereits zuvor ein politisches Thema gewesen, und das gleiche galt für die Probleme der natürlichen Umwelt, aber die Kombination beider Anliegen war neu, und daraus erwuchs eine Tradition, die in der heutigen Klimadebatte weiterlebt. Seit den 1970er Jahren gab es in den Ländern des Westens agile Umweltbewegungen, und in den 1980er Jahren interessierten sich auch die Dissidenten Osteuropas für Umweltprobleme. Ohne eine ökologisch sensibilisierte Öffentlichkeit ist die Klimadebatte der vergangenen Jahrzehnte kaum zu denken.

Fußnoten

2.
Vgl. Spencer R. Weart, The Discovery of Global Warming, Cambridge MA 2008, S. 35, S. 126; Stefan Rahmstorf/Hans Joachim Schellnhuber, Der Klimawandel, München 2007, S. 11.
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